Lichtdurchdrungen

Nicht durch's Aug' allein
 Bricht der Sonne Schein,
 Sondern allertwärts
 Tausend Poren fein
 Saugen ihn in's Herz.
Auch die Pflanze trinkt,
 Was hernieder sinkt
 Von dem goldnen Thron;
 Ihre Blüth erblinkt
 Angefacht davon.
Auch der Wurm gering,
 In der Kett' ein Ring,
 Ist vom Glanz durchglüht,
 Bis der Schmetierling
 In die Luft entblüht.
Blind im Käfigwall
 Fühlt die Nachtigall
 Den Akkord des Lichts;
 Und ihr wird's zum Schall
 Und den Kerker bricht's.
Würd' ich altersblind,
 Woll't ich Luft und Wind
 Und der Sonne Luft
 Saugen, wie ein Kind
 Saugt der Mutter Brust.

Friedrich Rückert
Photo © e.a.brokans

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Quelle (für das Gedicht): http://rueckert-buecher.gesammelte-werke.org/index.html

Die „staade“ Zeit…

…hat momentan auf diesem Blog Einzug gehalten, zumindest sieht es von außen so aus. Machmal muss man sich einfach klar werden was man überhaupt will und wie es weitergehen soll. Scheinbar geht es momentan nicht nur mir so. Aber eines weiß ich sicher: irgendwas geht immer. Wie und was wird sich zeigen. Für Photos habe ich z.B. Instagram für mich entdeckt. Mir gefällt das Format. Ihr findet es auch hier auf der Seitenleiste.

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Die blaue Blume

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au’n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

Joseph von Eichendorff

Photo © e.a.brokans

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Ob nun irgend eine Phantasieblume, die Kornblume oder die abgebildete Wegwarte die von Novalis in die Welt gepflanzte „Blaue Blume der Romantik“ ist, weiß ich nicht. Bei der Wegwarte könnte ich mir das durchaus vorstellen. Wächst sie doch, um ihren hohen Nährstoff- und Lichtbedarf zu befriedigen, bevorzugt ans Straßen- und Wegrändern. Bei der damals grassierenden Wanderlust (ihr wisst schon: „Im Frühstau zu Berge“ oder „Die Wanderer sind des Müllers Frust“ etc) ist ihnen die Wegwarte bestimmt ins romantische Auge gefallen. Zu Fuss sieht man einfach mehr und hat auch mehr Zeit sich Gedanken zu machen. Aber das ist ein anderes Thema.
Blaue Blume hin, Wegwarte her. Sie ist eine universelle und sogar kostenlose Heilpflanze, eine Verwandte des Chicoree. Aus ihren gerösteten Wurzeln wurde in Notzeiten der allseits beliebte Zichorienkaffee (aka Mukefuck) gebraut. Ebenso wirken ihre Wurzeln appetitanregend, harntreibend, die Verdauung fördernd und was weiß ich sonst noch alles.

Marschierende Krieger

Vor mir her schritt Infanterie,
Eine ganze Kompanie
Kräftiger Soldaten.
Stramm im Takte traten
Sie den Sand,
Schritten achtlos über einen
Kleinen Käfer, den ich fand.

Ich blieb stehen,
Um ihn zu besehen,
Und weil’s hinter jenem Militär
Stark nach Schweiß und Leder roch.
Da: – Der Käfer kroch
Plötzlich fort, als ob er lebend wär.
Doch ich konstatierte noch:
Nur zwei Steinchen an zwei Seiten retteten –
Gleichsam wie als Felsenwände – diesen –
Gleichsam zwischen ihnen eingebetteten –
Käfer vorm Zertrampeltwerden durch die Riesen.

Große Riesen – kleine Tiere –
Und ich lief, die Wandersohlen,
Die so stanken, einzuholen,
Weil ich gar zu gern im Takt marschiere.

Und ich hustete und spuckte
Staub und mußte viermal niesen.
Und ich schluckte. Und ich duckte
Mich vor Felsenwänden und vor Riesen.

Joachim Ringelnatz

Photo © e.a.brokans

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