In der Zelle

Scheu glitt ein Tag vorbei – wie gestern heut.
Ein leerer rascher Tropfen sank ins Jahr.
Und wenn sich aus der Nacht geballtem Nichts
der letzte Schatten in den Morgen streut –
du freust dich kaum am kalten Kuß des Lichts.
Und morgen wird es sein, wie’s heut und gestern war.

Gefängnis: Leben ohne Gegenwart,
ganz ausgefüllt von der Vergangenheit
und von der Hoffnung ihrer Wiederkehr.
Du fragst nicht, ob du weich ruhst oder hart,
ob deine Schüssel voll ist oder leer.
Betrogen um den Augenblick verrinnt die Zeit.

Du wirst nicht älter und du bleibst nicht jung.
Gewöhnung weckt dich, bettet dich zur Ruh.
Dein Fragewort heißt niemals: Wie? – Nur: Wann?
Doch Wann ist Zukunft, Wann ist Forderung.
Weh dir, wenn dich Gewöhnung töten kann.
Verlern das Warten nicht. Bleib immer Du! Bleib Du!

Erich Mühsam

Foto © e.a.brokans

Erich Kurt Mühsam: Geboren am 6. April 1878 zu Berlin. Dichter, Publizist, Anarchist und einer der führenden Köpfe der kurzlebigen Münchner Räterepublik. Nach deren Scheitern bekam er 15 Jahre Festungshaft und wurde erst 1924, nach 5 Jahren, endlich amnestiert.
Bereits kurz nach der Machtergreifung nahmen ihn die Nazis in „Schutzhaft“. Am 10. Juli 1934 wurde er im KZ Oranienburg durch die SS–Wachmannschaft vergiftet und erhängt. Nach 14 Monaten Haft und Folter sollte es wie Selbstmord aussehen!
….
Okay, ich habe den kurzen biographischen Anhang schon eine paarmal gebloggt.
Aber:
1. Man kann nicht oft genug daran erinnern.
2. Es sind auch jetzt wieder (oder wann eigentlich nicht?) viele aus dubiosen Gründen in Haft, ich sag nur #freedeniz.
3. Im Hinblick auf den nächsten Sonntag: Wehret den Anfängen!

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Leichte Kost

Ein Gurkensalat wäre jetzt sehr erfrischend.

Oder Schmorgurken.

Scharf mit Chilli frisch vom Strauch
und Curry, aber nur einen Hauch.
Petersilie wird auch gerne genommen.
Keine Sahne!
Na gut, ein Schuss Sahne darf es sein.
Zur Abrundung.
Dann flutscht der Reis besser runter.

Schmorgurken wären jetzt wirklich etwas Feines.

Natürlich mit frischem Dill!

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Bücherzeichen und -zeichnungen

Kein Mensch sagt Bücherzeichen wenn er Exlibris  meint. Ein herausragenden Vertreter dieser graphischen Gebrauchskunst war Joseph Kaspar Sattler.

Exlibris für Harry Graf Kessler (um 1895) – Foto: e.a.b.

Am 26. Juli 1867 kommt Joseph Kaspar Sattler im oberbayerischen Schrobenhausen zur Welt.
Sein Vater ist „concessionierter Lakierer“ und für ein paar Jahre auch Bürgermeister der Spargelstadt. Seine Jugend verbringt Joseph in Landshut und München. Früh verliert er Mutter, Vater und ältere Schwester, vielleicht ist deshalb sein Werk stellenweise erschreckend morbide.

„Der Wurmstich“ aus : Ein modernen Totentanz (1892); Wikimedia – gemeinfrei

Eine erste Ausbildung erhält er vom Kunstmaler Heinz Heim. Ohne Abschluss verläßt er die Kunstakademie München und wird als Lehrer an die Kunstgewerbeschule Straßburg gerufen. Der Lehrbetrieb behagt ihm nicht, bereits nach einem Semester gibt er auf und wird freischaffender Künstler. In Straßburg und Berlin wohnend, ist er Mitarbeiter diversen Kunst- und Satirezeitschriften.

Entwurf eines Werbeplakates für die Zeitschrift Pan (1895) – Foto: e.a.b.

Seinen Lebensunterhalt bestreitet er vorwiegend mit dem Entwerfen von Exlibris und Buchillustrationen. Im Auftrag der Reichsdruckerei erschafft er ein Monumentalwerk der deutschen Buchkunst. Das Buch“Die Nibelunge“ (ohne „n“) ist vollständig in Entwurf, Papier, Schrift und Bild sein Werk. Dafür erhält auf der Pariser Weltaustellung des Jahres 1900 den Grand Prix.
Nach Kriegsende muss er sein geliebtes Straßburg verlassen und im November 1919 zieht er zu seiner jüngeren Schwester nach München. Seine Zeit ist vorbei, er vereinsamt und verarmt.

Geistig verwirrt – der Alkohol fordert seinen Tribut – stirbt Sattler am 12. Mai. 1931 im Schwabinger Krankenhaus zu München. Ein Grab existiert nicht mehr.

Zu seinem 150. Geburtstag zeigt das Lenbachmuseum in Schrobenhausen eine kleine Auswahl seiner Werke. Näheres hier.

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Weidentrauer

Die hohle Weide

Der Morgentau verstreut im Thale
Sein blitzendes Geschmeide;
Da richtet sich im ersten Strahle
Empor am Bach die Weide.

Im Nachttau ließ sie niederhangen
Ihr grünendes Gefieder
Und hebt mit Hoffnung und Verlangen
Es nun im Frührot wieder.

Die Weide hat seit alten Tagen
So manchem Sturm getrutzet,
Ist immer wieder ausgeschlagen,
So oft man sie gestutzet.

Es hat sich in getrennte Glieder
Ihr hohler Stamm zerklüftet,
Und jedes Stämmchen hat sich wieder
Mit eigner Bork‘ umrüftet.

Sie weichen auseinander immer,
Und wer sie sieht, der schwöret,
Es haben diese Stämme nimmer
Zu einem Stamm gehöret.

Doch wie die Lüfte drüber rauschen,
So neigen mit Geflüster
Die Zweig‘ einander zu, und tauschen
Noch Grüße wie Geschwister;

Und wölben überm hohlen Kerne
Wohl gegen Sturmes Wüten
Ein Obdach, unter welchem gerne
Des Liedes Tauben brüten.

Soll ich, o Weide, dich beklagen,
Daß du den Kern vermissest,
Da jeden Frühling auszuschlagen
Du dennoch nie vergissest?

Du gleichest meinem Vaterlande,
Dem tief in sich gespaltnen,
Von einem tiefern Lebensbande
Zusammen doch gehaltnen.

Friedrich Rückert

Juni 2017 – Foto © e.a.brokans


Auch bei dieser Weide ist „Ihr hohler Stamm zerklüftet“ und das wurde ihr zum Verhängnis. Irgendwelche Volltrottel, noch hohler in der Birne als der Stamm, legten im Innern ein Feuer, durch die Kaminwirkung brannte es sofort lichterloh. Die schnell anrückende Feuerwehr löschte, aber es half nicht mehr. Kein einziger Ast blieb übrig. Das war wohl der Todesstoß für diesen Weidenbaum.

Dezember 2015 – Foto © e.a.brokans


Mehr als 400 Jahre steht die Weide am Rande des Teiches. Esoteriker nennen es einen „Magischen Ort“. In nebligen Nächten kann sogar ich es nachvollziehen, manchmal schaudert es mich.

Zwei Straßen führten nah vorbei. Zigtausendmal bin ich vorübergefahren. Jedesmal ging der Blick hinüber, manchmal verweilte ich. Teich und Weide sind ein beliebter Treffpunkt, eine Bank und ein kleiner Steg laden zum innehalten ein. Im kleinen Teich ziehen Enten und Blesshühner ihren Nachwuchs groß, man kann ihnen dabei zusehen.

Foto © e.a.brokans


Der traurige Rest der Weide bleibt stehen, vielleicht hat sie noch eine Chance.

Noch steht es frisch…

Was heut noch grün und frisch da steht,
Wird morgen schon hinweggemäht,
Die edlen Narzissen,
Die Zierden der Wiesen,
Die schön Hiazinthen,
Die türkischen Binden.
Hüte dich schöns Blümelein!

Viel hunderttausend ungezählt,
Was nur unter die Sichel fällt,
Ihr Rosen, ihr Lilien!
Euch wird man austilgen,
Auch die Kaiserkronen
Wird man nicht verschonen,
Hüte dich schöns Blümelein! –

Das himmelfarbne Ehrenpreis,
Die Tulipane gelb und weiß,
Die silbernen Glocken,
Die goldnen Flocken,
Sinkt alles zur Erden,
Was wird daraus werden?
Hüte dich schöns Blümelein!

Ihr hübsch Lavendel, Rosmarin,
Ihr vielfarbige Röselin,
Ihr stolze Schwerdlilgen,
Ihr krause Basilgen,
Ihr zarte Violen,
Euch wird man bald holen. –
Hüte dich schöns Blümelein! –

Clemens Brentano

Foto © e.a.brokans

Aktuelles von der Mannimenta 2017 (II)

Leider kann das neue Werk von G. Länder-Wehdam nicht  überzeugen. Eine müde Reminiszenz an die frühen Kracher seiner blauen Periode.  Bekanntermaßen ist sein Verhältnis zu Treppen und ihren Bauteilen äußerst ambivalent. In irgendeiner Form tauchen sie stets in seinen Instalationen  und Skulpturen auf.

Foto © e.a.brokans

Offensichtlich hat er sein jugendliches Missgeschick mit einem Treppengeländer und einem daraus hervorstehenden Nagel immer noch nicht restlos verwunden. Sogar sein Künstlername thematisiert dieses Malheur.

Falls jemand mit dem Wort Wehdam nichts anzufangen weiß, hier eine gesungene Erklärung: