Ringelnatz erinnert an Wedekind

Frank Wedekind
Bohèmien, Dichter, Dramatiker, Bürgerschreck und  verurteilter Majestätsbeleidiger.
Geboren 1864 in Hannover, starb er am 9. März 1918 in München an Typhus. 

Trost

Alle, die tot auf dem Schlachtfeld liegen,
Hatten ein Leben nur zu verlieren,
Und doch ist es stets wieder ein Vergnügen,
Europas Grenzen zu korrigieren.
Der Diplomat brummt verächtlich: Ach!
Die Menschen? Die wachsen rasch wieder nach.

Worte die eigentlich kein Verfallsdatum haben.
Aber es geht auch etwas frivoler:

Morgenstimmung

Leise schleich ich wie auf Eiern
Mich aus Liebchens Paradies,
Wo ich hinter dichten Schleiern,
Meine besten Kräfte ließ.

Traurig spiegelt sich der bleiche
Mond in meinem alten Frack;
Ach, die Wirkung bleibt die gleiche,
Wie das Kind auch heißen mag.

Wilhelmine, Karoline,
’s ist gesprungen wie gehupft,
Nur daß hier die Unschuldsmiene,
Dort dich die Routine rupft.

 

Zehn Jahre nach Wedekinds Tod gedachte Joachim Ringelnatz  seiner:

Wedekind war immer interessant,
Ein Stoßhorn in die häßlich mittlere Welt.

Wahrscheinlich hat er mich nie gekannt.
Ich bin ihm wohl zehnmal vorgestellt.
Das letzte Mal hatten wir eine absurde,
Mir unvergeßliche Stunde mitnand,
Als ich zum Kriege gerufen wurde
Nach dem Nordseestrand.

Und als ich zurückkehrte,
War der Verehrte
Verstorben.

Mehr bekämpft als umworben,
Hat er doch trotzig gesiegt.
Ehrliche und unehrliche Feinde
Haben doch ihn nicht kleingekriegt.

In seiner treuen Gemeinde
Will ich mitgenannt sein.

Ich senke jetzt meine Nase
Zu einem stillen Glase
Wein.

Apropos:
Wein gibt sich anders als Bier. Und wo
Ist in München die Wedekindstraße?

Eine Wedekindstraße wird Ringelnatz in München noch immer vergeblich suchen. Aber mittlerweile heißt der alte Dorfplatz von Schwabing „Wedekindplatz“. 1959 kam dann noch der Wedekind – Brunnen, ein Trinkwasserbrunnen, hinzu. Der Bildhauer Ferdinand Filler (1902-1977) verwendete für die Skulptur – und darüber hätte sich Ringelnatz sicherlich besonders gefreut – fränkischen Muschelkalk.

Die Inschrift stammt aus den „Vier Jahreszeiten“ von Wedekind:

Seltsam sind des
Glückes Launen
Wie kein Hirn
Sie noch ersann
Dass ich meist vor
Lauter Staunen
Lachen nicht noch
Weinen kann

 

Übrigens, mehr von und über Joachim Ringelnatz und  „Muschelkalk“ u.a. hier: ringelnatzereien

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2 Kommentare zu “Ringelnatz erinnert an Wedekind

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