Schauen und Schweigen

Ich schaue schweigend hinaus auf die Schmerzen der Welt, auf alle Unterdrückung und Schmach;
Ich höre das heimliche Schluchzen junger Leute, die, mit sich selbst zerfallen, Begangenes bereuen;
Ich sehe die abgehärmte, verlassene, im Elend sterbende Mutter;
Ich sehe das vom Manne mißhandelte Weib, den verräterischen Verführer der Jungfrau;
Ich kenne die Eifersucht und die unverstandene Liebe, die man so gern verbergen möchte –
Und all das Erdenleid:
Kriege, Seuchen, Gewaltherrschaft, Märtyrer, Gefangene, Hungersnot – Matrosen, die auslosen, wer getötet werden soll, damit die andern leben können,
Die Verachtung und Schmähung der Hochmütigen gegen Arbeiter, Arme und Neger,
Gemeinheit und Qual ohne Ende,
Sehe ich, höre – und schweige.

Walt Whitman
1819 – 1892
Aus „Grashalme“, übersetzt um 1900 von Wilhelm Scheuermann.

Photo © e.a.brokans 2015.05

Die überlebensgroße Eichenfigur „Schauender“ modellierte der Bildhauer Josef Lang, Denklingen – Photo © e.a.brokans 2015.05

 

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6 Kommentare zu “Schauen und Schweigen

  1. Wunderbarer Walt Whitman! Übertragen in die heutige Zeit ist sein Text hochaktuell.
    Aber Schweigen ? – Niemals!
    LG

    • Niemals – im Sinne von Walt Whitman -sehr schön und sehr gut.
      Leider läßt sich die „schweigende Mehrheit“ oft von irgendwelchen Schreihälsen vertreten.
      lg-eab

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