Bahn frei der Phantasie

Seht ihr…

…die kleine Maus, die auf
…den Schmied blickt,  der ein neues Kunstwerk formt
…die sitzenden Frau und das Mädchen, die ihm gespannt zusehen
…den jubelnden Jungen

…oder seht ihr nur kahle Äste?

Photo © e.a.brokans 2015

Photo © e.a.brokans 2015

Bahn frei!

Nur müßt ihr mich nicht halten wollen,
wenn die Rosse der Phantasie
vor meiner Geißel dahinrasen!
Wehe dem Schurken,
der mir in die Zügel fällt, –
siebenmal schleif ich ihn
um den Bezirk
meiner Welt.
Wehe vor allem dem Rezensenten,
der mir
mit höchst ungriechischem Feuer
den Weg bedräut.
Meine Peitsche ist länger noch
als seine Ohren,
von stärkerem Leder
als seine Hirnhaut,
die Schnur noch gespaltner
als seine Zunge.
Bahn frei!
Kurz ist zur Fahrt die Zeit.
Springt mit herauf,
wenns euch lüstet!
Tausend gewähr ich Platz,
hier an den Mähnen,
hier an den Schweifen,
hier auf den Rücken der Rosse,
und hier oben bei mir
auf dem Wagen
weiteren tausend.
Herauf, Freunde!
Sturm um die Stirn,
Sonnen im Aug,
so laßt uns jauchzend
die tausendundein Weltwege
durchbrausen.

Christian Morgenstern

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18 Kommentare zu “Bahn frei der Phantasie

  1. Klar gefallen mir Text und Bild! Morgenstern sowieso, und das „höchst ungriechische Feuer“
    des Rezensenten ist das Tüpfelchen auf dem i. In meinem Blog werde ich heute, der Fantasie zu Ehren, Heinrich Heine auf einem etwas geschundenen Pegasos publizieren. 🙂

      • Sicher das kann nicht schaden. ;-)Dennoch immer wenn ich denke ich weiß- dann weiß ich wie wenig ich weiß..

          • ..weil sie teils nicht erkennen das – das nicht begreifen – auch begriffen werden sollte…. weil so viel Vor-Urteile da sind und Schlaumeierreien (Besitzstandsdenken) weil sich die Wissenschaften streiten und denken wenn sie einen Buam erforscht haben – kennen sie die Dynamik des Waldes…. weil das Wissen in der Moderne so komplex geworden ist und selbst unser Denken hier reiner Luxus ist – weil wir eben nicht so existentiell bedroht sind wie andere Menschen…. ja sehe ich ebenso.

  2. Schöööön!
    Als Kinder haben wir oft Wurzeln aus dem Wald geholt und hin und her überlegt, was sie wohl darstellen könnten und was wir in ihnen sehen. Vielleicht einen Clown mit dicker Nase, einen kleinen, tanzenden Elefanten oder eine Geige? Dein Foto und deine Ausführungen haben mich darin erinnert.
    Das Gedicht passt wunderbar dazu!
    LG von Rosie

    • Das freut mich sehr, wenn ich so schöne Erinnerungen geweckt habe.
      Wurzeln oder knorrige Äste faszinieren mich immer noch und gelegentlich nehme ich ein besonders schönes Stück mit nach Hause um etwas daraus zu machen. Leider blieb es bis jetzt bei der Absicht – die Zeit halt…
      lg Erich

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