Trüber Abend

Der Himmel ist verheult und melancholisch.
Nur fern, wo seine faulen Dünste platzen,
Gießt grüner Schein herab. Ganz diabolisch
Gedunsen sind die Häuser, graue Fratzen.

Vergilbte Lichter fangen an zu glänzen.
Mit Frau und Kindern döst ein feister Vater.
Bemalte Weiber üben sich in Tänzen.
Verzerrte Mimen schreiten zum Theater.

Spaßmacher kreischen, böse Menschenkenner:
Der Tag ist tot … Und übrig bleibt ein Name!
In Mädchenaugen schimmern kräftge Männer.
Zu der Geliebten sehnt sich eine Dame.

Alfred Lichtenstein
1889 – 1914

Bildschirmfoto 2015-06-23 um 21.14.15

Alfred Lichtenstein: 1910 begann der Student der Rechtswissenschaft mit dem veröffentlichen erster, expressionistischer Gedichte. Ende 1913 als Einjährig-Freiwilliger in die bayerische Armee eingetreten, nahm er von Beginn an am 1. Weltkrieg teil. Er verfiel allerdings nicht dem damals oft – auch unter Intellektuellen – grassierenden Hurra-Patriotismus, sondern ahnte bereits die große Katastrophe und deren Sinnlosigkeit.

Das Grauen des Krieges und seine Todesahnungen versuchte er mit Gedichten zu beschreiben – und vermutlich auch zu bewältigen.

Abschied

(kurz vor der Abfahrt zum Kriegsschauplatz
für Peter Scher)

Vorm Sterben mache ich noch mein Gedicht.
Still, Kameraden, stört mich nicht.

Wir ziehn zum Krieg. Der Tod ist unser Kitt.
O, heulte mir doch die Geliebte nit.

Was liegt an mir. Ich gehe gerne ein.
Die Mutter weint. Man muß aus Eisen sein.

Die Sonne fällt zum Horizont hinab.
Bald wirft man mich ins milde Massengrab.

Am Himmel brennt das brave Abendrot.
Vielleicht bin ich in dreizehn Tagen tot.

Ein paar Wochen später, am 25. September 1914, „fiel“ Alfred Lichtenstein an der Westfront bei Vermandovillers (Somme).

 

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15 Kommentare zu “Trüber Abend

  1. Danke, es ist Zeit, einmal wieder ans Gefühl vor einem Krieg anzuknüpfen. Es gibt ja eine Dynamik, die genau darauf zusteuert, wieder einmal.

  2. Beklemmend – zumal hier gerade eine seltsam trübe schwüle (Morgen-)Stimmung ist… ich kenne A. Lichtenstein nicht, finde aber sehr interessant, was du hier über ihn geschrieben hast.
    danke für den schönen Beitrag und liebe Wochenendgrüße,
    Marlis

      • klingt traurig und dennoch hat das „vollendet“ einen Hauch Tröstlichkeit, auch wenn der Tag hier heute seltsam melancholisch-bedrückend – fast surreal ist: Es ist trüb und still – weil die gesamte Stadt wegen eines Nazi-Aufmarsches komplett gesperrt ist. irgendwie trifft mich der Lichtenberg heute zutiefst!
        Herzliche Grüße aus Jena
        Marlis

        • Stimmt.
          Heut ist irgendetwas dumpfes, schweres in der Luft. Wenn dann noch SO ein Aufmarsch hinzukommt…ist beklemmend absolut treffend.
          Zum Glück ist es in unserer Gegend (trotz überprortional hohem Flüchtlingsaufkommen – gerade in unserem Städtchen) noch verhältnismäßig ruhig. Eine geplante „Sonnwendfeier“ dieser Leute wurde von den Ortsansässigen unterbunden.
          Übrigens war Lichtenstein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und „fiel“ (ich mag das Wort nicht) für sein Vaterland – wie es immer so schön heißt.
          Trotzdem ein schönen Wochenende!
          erich

  3. Das Gedicht Trüber Abend ist echt bewundernswert, dennoch verstehe ich nicht ganz, was er mit der zweiten und der dritten Strophe zum Ausdruck bringen wollte.

    • Was er damit genau zum Audruck bringen will, weiß ich nicht, ich kann ihn nicht mehr fragen. Es ist für mich auch nicht so wichtig, was er sagen will, viel schwerer wiegt für mich das Gefühl und die Assoziationen welches er mit seinem Gedicht in mir hervorruft.
      Aber für mich es eine sehr treffende, expressionistische Beschreibung eines traurigen Abends (wie sie eigentlich alle sind, im Dunstkreis des käuflichen Vergnügens) in den Varietés, Vergnügungskaschemmen und „Etablissements“ des wilhelminischen Berlin (oder jeder andern Großstadt) kurz vor dem 1. Weltkrieg.

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