Erich Mühsam singt ein Kriegslied

Sengen, brennen, schießen, stechen,
Schädel spalten, Rippen brechen,
spionieren, requirieren,
patrouillieren, exerzieren,
fluchen, bluten, hungern, frieren …
So lebt der edle Kriegerstand,
die Flinte in der linken Hand,
das Messer in der rechten Hand –
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Aus dem Bett von Lehm und Jauche
zur Attacke auf dem Bauche!
Trommelfeuer – Handgranaten –
Wunden – Leichen – Heldentaten –
bravo, tapfere Soldaten!
So lebt der edle Kriegerstand,
das Eisenkreuz am Preußenband,[101]
die Tapferkeit am Bayernband,
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Stillgestanden! Hoch die Beine!
Augen gradeaus, ihr Schweine!
Visitiert und schlecht befunden.
Keinen Urlaub. Angebunden.
Strafdienst extra sieben Stunden.
So lebt der edle Kriegerstand.
Jawohl, Herr Oberleutenant!
Und zu Befehl, Herr Leutenant!
Mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Vorwärts mit Tabak und Kümmel!
Bajonette. Schlachtgetümmel.
Vorwärts! Sterben oder Siegen!
Deutscher kennt kein Unterliegen.
Knochen splittern, Fetzen fliegen.
So lebt der edle Kriegerstand.
Der Schweiß tropft in den Grabenrand,
das Blut tropft in den Straßenrand,
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Angeschossen – hochgeschmissen –
Bauch und Därme aufgerissen.
Rote Häuser – blauer Äther –
Teufel! Alle heiligen Väter! …
Mutter! Mutter!! Sanitäter!!!
So stirbt der edle Kriegerstand,
in Stiefel, Maul und Ohren Sand
und auf das Grab drei Schippen Sand –
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Erich Mühsam

Und das Ende vom Lied:

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Es waren Brüder, sie starben (das Wort „fielen“ versuche ich zu vermeiden) innerhalb von 2 Jahren im Alter von 23, 26 und 30 Jahren. Die Familie bestand dann nur noch aus den Eltern und der jüngsten Schwester. Ich komme auf dem Weg zum Grab meiner Eltern oft daran vorbei und erschaudere jedes mal bei dem unfassbaren Gedanken wie das ist, wenn eine Mutter innerhalb kürzester Zeit ihre 3 Söhne verliert.

Glücklicherweise kam mein Vater aus dem Krieg – nein er kam nicht „zurück“.
Für ihn gab es keine Heimat mehr.
Er war plötzlich „staatenloser Ausländer“ und Kriegskrüppel in einem fremden Land dessen Sprache er nicht sprach. Sein Bruder kämpfte und starb auf der anderen Seite.
Aber dass ist alles eine ganz andere Geschichte.

Erich Mühsam beschreibt mit seinem Gedicht den 1. Weltkrieg, die 3 Brüder und mein Vater kämpften und litten (im Falle meines Vaters bis zu seinem Tod) im 2. Weltkrieg. Es macht keinen Unterschied – bis heute nicht.

Wird sich der Mensch jemals ändern?

Zum Schluss:

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7 Kommentare zu “Erich Mühsam singt ein Kriegslied

  1. Nein, es macht keinen Unterschied, in welchem Krieg … und nein, offenbar kann sich die Menschheit nicht ändern und ist nicht in der Lage, ohne all das auszukommen. So unglaublich, so trostlos und bitter es ist.
    Wie traurig, dass auch dein Vater (und deine Familie) unter diesem Wahnsinn zu leiden hatten. (Der Gedanke an die drei im Krieg verstorbenen jungen Männer, deren Gräber du gelegentlich siehst, macht ebenfalls sehr betroffen. Was für ein Irrsinn.)

    LG Michèle

    • Es ist zu befürchten dass du recht hast. In der dt. Version des Liedes heißt es „…wann wird es je geschehen“. Ein Blick in die Nachrichtenlage reicht für ein „Nie“. Leider
      Trotzdem: Eine schöne Zeit
      Erich

  2. Danke. Mein Vater kam nicht „heim“ (Stalingrad), sein Bruder kam nach 5 Jahren Krieg nur scheinbar „heim“, denn tot waren seine Frau und seine beiden Kinder (Hungerjahre, Pilzvergiftung). Ich grübele „Was ist Heimkehr?“. Wenn die Flüchtlinge aus Syrien irgendwann einmal heimkehren, was finden sie vor? Was fand Odysseus, Archetyp aller Kriegs-Heimkehrer, auf seinem Ithaka?

    • Kurz vor seinem Tod konnte mein Vater noch einmal „heimkehren“. Er war nicht glücklich darüber. Zu groß war das Leid, das an diese Erinnerungen geknüpft war. Er war nicht nur staatenlos (er bekam dann doch – nach Jahrzehnten- einen dt. Pass) sondern auch heimatlos..

  3. Gestern habe ich in der Bergischen Literaturzeitschrift so einen ähnlichen Artikel gelesen. Das Thema des Hefts hieß Heimat, und da beschreibt auch jemand seine Kriegserfahrungen, und das er sich danach nirgendwo zu Hause fühlte.

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