„Die Welt wird finster. Man wird nicht mehr atmen können“

Dieses pessimistische Titelzitat entstammt dem Buch „Der Schmelztiegel“ von Marte Brill. Es ist im Jahr 2002 bei der Büchergilde Gutenberg erschienen.

Meines Wissens ist es die einzige Ausgabe in deutscher Sprache. Zugegeben, es ist keine große Literatur, aber ein glaubhafter Augenzeugenbericht einer emanzipierten Jüdin in der Emigration. Und gerade die Nöte, Ängste und Hoffnungslosigkeit der nicht-prominenten Emigranten aber auch ihre Chancen schildert sie äußerst eindrücklich, ohne große Sentimentalitäten, aber mit viel Mitgefühl.

Photo © e.a.brokans

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Zum Inhalt:

Die geschiedene Journalistin, Sozialistin und Jüdin Sylvia ahnt Unheil und nutzt eine berufliche Auslandsreise um mit ihrer Tochter Miriam das Nazi-Deutschland des Jahres 1933 zu verlassen, aber noch sollte es  kein endgültiger Abschied sein.

Sich mehr recht als schlecht in Spanien/Mallorca und Italien durchschlagend, nimmt sie das Angebot ihres ehemaligen Arbeitgebers über eine kostenlose Schiffspassage nach Brasilen an. In Hamburg, in einem Land das ihr keine Heimat mehr bieten will, bekommt sie endlich ihre Ausreisepapiere. Miriam bleibt vorerst beim Vater in Amsterdam

Sie verabschiedet sich von einer Freundin mit den Worten:

„Ihr werdet alle die Konsequenzen tragen müssen […] Alle. Auch du. Alle, die schweigen, und alle, die dulden.“

Im Zielhafen Rio de Janeiro versucht sie vergeblich Arbeit zu finden, zu groß ist der Ansturm, zu gering das Interesse der einheimischen Bevölkerung an den Flüchtlingen, aber immerhin gibt es keine Ablehnung oder Feindseligkeiten. Zu gering ist auch das verwertbare Können der Emigranten; in dem aufstrebenden Land werden Handwerker gebraucht, keine Akademiker.

Eine Chance sollte sich in São Paulo bieten, dem „Schmelztiegel“ der Heimatlosen.

„Alle diese Menschen verband nichts als die Freiheit: Freiheit zu leben und Freiheit zu sterben, Freiheit zu hassen und Freiheit zu lieben, die Freiheit auf der roten Erde zu stehen und in den funkelnden Himmel zu bauen. Und alle waren gleich unter diesem Himmel.“

Als Sekretärin der dortigen freiwilligen Beratungsstelle für Emigranten mit sehr beschränkten Mitteln ausgestattet, versucht sie zu helfen, soweit es in ihrer Macht steht. Bei einigen gelingt es, bei vielen nicht, manche haben keine Kraft mehr und suchen den Tod.

Sie kann ihre Tochter nachholen, welche zusammen mit ihrem Ex-Mann ankommt. Diesem bleibt der erwartete künstlerische Erfolg als Maler versagt, er reist nach einigen Monaten wieder ab. In Deutschland wird er dann wegen Rassenschande verhaftet werden und umkommen.

Als die Spenden ausgehen, muss die Beratungsstelle die Arbeit einstellen. Sylvia und Miriam stehen wieder auf der Straße.
Doch sie finden immer wieder Möglichkeiten, Freunde und Förderer um wenigstens zu überleben, während Europa vor die Hunde geht. Vor allem zeichnet beide Frauen ein ungeheurer Lebenswillen und eine unbezähmbare Kreativität, dieses Leben zu meistern zu wollen, aus.

„Wo Verbannte wohnen,stirbt die Hoffnung nicht. Das Leben wäre anders nicht zu ertragen. Mit jedem Keulenschlag des Schicksals erhebt die gemarterte Hoffnung nur kühner ihr Haupt. Das ist Gesetz, in dieser Hoffnung ruht schon der Keim aller künftigen Wandlung.“

Dieser sehr stark autobiographische Roman von Marte Brill sollte ihr einziger bleiben. Eigentlich wurden nur die Namen der Protagonisten geändert. Ansonsten hat sie oft ziemlich exakt die Einträge aus ihrem Tagebuch übernommen.

Die Autorin:

Martha Leiser (verh. Brill) wurde 1894 in Köln geboren, im Exil änderte sie ihren Vornamen in Marte.

Sie war zeitlebens publizistisch tätig. Vor allem Reisebeschreibungen, kurze Betrachtungen und Aufsätze waren ihre hauptsächliche Einnahmequelle. In den 30igern des vorigen Jahrhunderts war sie u.a. für eine Hamburger Reederei tätig. Dadurch kam sie in den Genuss von Reiseguthaben, was ihrem unsteten Leben sehr entgegenkam und ihr schließlich das Leben retten sollte.

1920 heiratet sie den Kunstmaler Erich Arno Brill. Die Ehe dauert nur ein knappes Jahr. Nach der Scheidung blieb die Tochter Alice (Miriam) bei der  Mutter.

Erich Brill wurde 1942 im KZ Riga-Kaiserwald erschossen.

Der Roman entstand vermutlich 1941/42, zu einer Veröffentlichung kam es nicht.

Marte Brill war auch dann in Brasilien weiterhin als Schriftstellerin und Übersetzerin tätig.

Alice studierte eine Zeitlang in den USA und etablierte sich dann in São Paulo als Fotografin und Malerin.

Marte Brill verstarb 1969 in São Paulo.

Eine professionelle Besprechung des Buches ist hier zu finden.

 

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