Martinisommer

Martinisommer nennt man hierzulande das momentane Wetterphänomen mit Wärme, Nebel und Wind, gelegentlich auch Sonne.  Es tritt häufig um den Martinstag auf, allerdings meist nicht so ausufernd wie heuer. Mir liegen diese Temperaturen nicht, sie stören meinen Hang zur Novembermelancholie. Ich würde gern etwas frösteln.

Denke ich allerdings an die Männer, Frauen und Kinder, welche – mit unzureichender Kleidung und oft nicht wissend ob sie ein Dach und etwas Wärme für die Nacht bekommen – in Europa unterwegs sind, will ich die momentanen Temperaturen gerne akzeptieren.

Aber spätestens mit dem Martinsfeuer wird der Sommer endgültig verbrannt. Hoffentlich sorgt Martin für genügend Mäntel und Decken.

1913 schrieb Alfred Lichtenstein dieses beklemmende, hoffnungslose Gedicht:

Nebel

Ein Nebel hat die Welt so weich zerstört.
Blutlose Bäume lösen sich in Rauch.
Und Schatten schweben, wo man Schreie hört.
Brennende Biester schwinden hin wie Hauch.

Gefangne Fliegen sind die Gaslaternen.
Und jede flackert, daß sie noch entrinne.
Doch seitlich lauert glimmend hoch in Fernen
Der giftge Mond, die fette Nebelspinne.

Wir aber, die, verrucht, zum Tode taugen,
Zerschreiten knirschend diese wüste Pracht.
stechen stumm die weißen Elendsaugen
Wie Spieße in die aufgeschwollne Nacht.

Alfred Lichtenstein
(1889 – 1914)

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

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8 Kommentare zu “Martinisommer

  1. Den Hesse mag ich nicht mal so besonders mit diesem Gedicht … und Nebelgedichte sind mir auch teuer, genauso wie Nebelfotos.
    Aber „Martinisommer“ kannte ich nicht. Danke dir dafür!
    Liebe Grüße
    Christiane

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