Berlin, April 1945

Keine Rezension, nur meine Eindrücke (das wird hier auch kein Bücherblog) zu:

Heinz Rein, Finale Berlin

Roman

Büchergilde Gutenberg, 1980/2015

Alles bricht zusammen: die Häuser unter dem Bombenhagel, die Fronten unter dem Ansturm der Alliierten, die Moral unter dem Druck der nackten Angst um das eigene Überleben.

Glück, das ist jetzt nicht mehr ein zärtlich verströmendes Adagio, da die Sirenen Tag und nach brüllen, nicht mehr ein milde fächelnder Winde unter abendlichen Bäumen, da Feuerstürme über die Stadt rasen, nicht mehr ein Wort aus klassischem Munde, da satanischer Vernichtungswille alle Vernunft niederschreit, Glück ist zur Erfüllung körperlicher Bedürfnisse herabgesunken, ist Fraß und Paarung, Glück ist nur in der hysterischen Jagd nach Zigaretten, Bohnenkaffee und Alkohol,nach Umarmung und Orgasmus zu finden.

Nur das menschenverachtende, grausam skrupellos agierende System der Nazis mit seinen „Herrenmenschen“, seinen servilen Mitläufern und seinen opportunistischen Mittätern funktioniert noch. Es kann alle treffen, die Raserei unterscheidet nicht mehr ob Säuglinge, Kinder, Frauen, alt oder jung. Die Männer sind entweder Tod oder an der Front oder werden im Volkssturm verheizt. Während rundherum der Krieg tobt, die Artillerie bereits in die Stadt schießt, es von oben Bomben hagelt, führen diese Fanatiker Krieg gegen die eigene Bevölkerung.

Denn es ist

…falsch, anzunehmen, daß die Bande jetzt, da sie mit einem Fuß schon im Grabe steht, resigniert und die Karre laufen läßt. Genau das Gegenteil ist der Fall, sie sind jetzt wie tolle Hunde, es kommt ihnen gar nicht darauf an, ein paar Unbeteiligte mit umzulegen.

Im Kern der Handlung steht eine bunt zusammengewürfelte Widerstandsgruppe um Kneipenwirt Oskar Klose und dem jungen Deserteur Joachim Lassehn. Mit geringem Erfolg versuchen diese Leute weiteres Blutvergießen an der Zivilbevölkerung zu verhindern.Aber eigentlich ist es nur noch ein Kampf um das eigene Überleben. Es reduziert sich auf das ewige „Er oder ich, die oder wir“

Wie die Sache für Berlin und Deutschland ausging, ist wohl allgemein bekannt.

1946 in großer Eile geschrieben erschien das Buch bereits 1947 im kommunistischen Dietz-Verlag. Aber gerade diese Nähe zur unmittelbaren Vergangenheit macht den unbestrittenen Wert des Buches aus. Hier schreib sich einer was von der Seele. Durchsetzt mit Originalzitaten aus  Presseberichten, Rundfunkmeldungen, Reden und Verlautbarungen der zentral gelenkten Propaganda, lassen sich die letzten Tage des Kampfes um Berlin fast minutiös nachverfolgen.

Allerdings hemmen diese – interessanten und auch wichtigen – Einschübe den Lesefluss doch erheblich. Auch die Dialogpassagen sind viel zu umfangreich. Da wird geschwafelt und diskutiert wie bei Karl May am Lagerfeuer.

In der Frankfurter Rundschau schreibt Katrin Hillgruber u.a.:

Als echter Politthriller und „Page-Turner“ entfaltet er einen ungeheuren Sog, in dem der Leser zusammen mit den Figuren in atemloser Spannung auf die erlösende Kapitulation zutaumelt.

Ich bin zugegebenermaßen bei diesem taumeln mehrmals gestrauchelt und war nahe daran vor dem Buch zu kapitulieren. Manchmal half nur noch einen Marscherleichterung durch Querlesen.

Es ist sicher ein zeitgeschichtlich wichtiges Buch mit viel Licht und etwas Schatten. Stilistisch kommt es nicht an Gert Ledig (Vergeltung) und Walter Kempowski (Alles umsonst) heran.

Im enthusiastischen Nachwort von Fritz J. Raddatz (der auch auf einige Schwächen und geschichtliche Fehler hinweist) verbürgt sich Raddatz für die Authentizität von Reins Schilderungen, er selbst habe es als 14jähriger in Berlin genauso erlebt.

Bildschirmfoto 2015-11-06 um 11.33.05

Photo © e.a.brokans

Heinz Rein, geboren 1906 in Berlin, war bis zur Machtergreifung der Nazis Sportjournalist. Politisch links stehend, bekam er Schreibverbot und lernte die Gefängnisse und Arbeitslager der Gestapo kennen.
Nach Kriegsende im Verwaltungsapparat der SBZ u.a. als Referent für Literatur, anschließend freier Schriftsteller. Anfang der 1950iger überwarf er sich mit Johannes R. Becher und der SED und siedelte nach Baden-Baden um. Dort verstarb er im Jahre 1991.

Noch etwas zum Photo: Ich bin kein Militariasammler. Der  Helm ist Familienbesitz und Teil der Familiengeschichte. Leider kann ich sie nicht mehr erzählen. Wie so oft wurde vergessen zu fragen, als sich noch die Gelegenheit dazu bot. Jetzt ist es leider zu spät.

Mehr zum Buch u.a. beim Deutschlandfunk und bei der Frankfurter Rundschau.

Nachtrag: Eine äußerst treffende Rezension des Buches hat auch Andreas Wolf geschrieben. Zu finden bei Glanz & Elend.

 

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3 Kommentare zu “Berlin, April 1945

  1. Ich finde es großartig, dass du die Schwächen des Buches so kurz und knapp und doch so klar benennst. Ich hab das auch gelesen und für Glanz & Elend rezensiert. (http://www.glanzundelend.de/Red15/r15/heinz-rein-finale-berlin.htm) Ich glaube, unsere Lektüren ähnelten sich sehr. Die Formulierung „geschwafelt und diskutiert wie bei Karl May am Lagerfeuer“ trifft es so perfekt, wäre ich da doch nur auch drauf gekommen, dann hätte ich mir selber einiges Geschwafel sparen können…

    • Danke dir für deinen Kommentar,die Rezension in Glanz & Elend hatte ich gar nicht gefunden, gleich mal nachlesen….
      So, jetzt: Die Erzählstimme, wie du sie nennst, war für mich oft der einzige Grund weiterzulesen.Das wurde von dir sehr treffend beschrieben.
      Ich trage den Link oben noch nach.
      Ansonsten danke ich dir für die Ermutigung, ich bin ja sonst eher der Leser denn der Schreiber.

  2. Pingback: Blogbummel November 2015 | buchpost

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