Ey, voll die Seuche

Endlich hatte Deutschland einen Platz an der Sonne ergattert. Nach dem gewonnenen Krieg von 1870/71 prosperierte die Wirtschaft. Unter der Führung Preussens zeigte man der Welt, wozu man fähig war . Das als Schandmal gedachte „Made in Germany“ wurde zum Gütesiegel. Wissenschaft und Forschung kletterten auf Weltniveau. Die Kunst zog gleich, auch wenn Willi der zwote darauf pfiff.

Und man hatte, wie es sich für eine Weltmacht mit Anspruch auf „Weltgeltung“ gehörte, Kolonien, zumindest ab 1884. Zu diesem Zeitpunkt waren die Sahnestücke zwar schon verteilt, aber was für Deutschland übrig blieb, versuchte man eben umso gnadenloser auszubeuten. Wirtschaftlich rentieren sollte sich das eh nie so recht.

Aber einen positiven Effekt hatte die ganze Sache. Um die Arbeitsfähigkeit der indigenen Bevölkerung zu erhalten, wurden Mediziner und Wissenschaftler ausgeschickt, diese sollten die in den Kolonien grassierenden Krankheiten und Seuchen erforschen und für Abhilfe zu sorgen. Denn durch mangelhafte Hygiene entstandene Infektionskrankheiten und die dadurch bedingte hohe Sterblichkeit waren beim Ausbeuten der Resource „Mensch“ einfach unwirtschaftlich und dem Profite abträglich.

Diese lebensgefährlichen Expeditionen, deren Teilnehmer oft nur wie durch ein Wunder überlebten, revolutionierten die gesamte Seuchenmedizin und Mikrobiologie. Allerdings bezahlten etliche auch mit ihrem Leben oder wurden selbst unheilbar krank.
Als größte Koryphäe auf diesem Fachgebiet muss man wohl den Bakteriologen Robert Koch bezeichnen. Seine Forschungsreisen zählten zusammen immerhin 8 Jahre. Nicht umsonst ist das Robert-Koch-Institut nach ihm benannt.

Natürlich gab es neben Koch noch viele andere Forscher und Ärzte die es in die Tropen zog. Sie und ihre Entdeckungsreisen werden in dem vorzüglichen Buch von Johannes W. Grünzug und Heinz Mehlhorn – „Expedition ins Reich der Seuchen“ – sehr ausführlich und profund beschrieben. Beide absolute Fachmänner auf diesem Gebiet, schaffen sie es locker, die etwas unangenehme Thematik in all ihren Aspekten zu beleuchten. Wobei nicht verschwiegen wird, dass die damaligen Wissenschaftler oft äußerst überheblich mit der einheimischen Bevölkerung umsprangen, auch zweifelhafte Experiment am Menschen waren nicht selten.

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Scan v. meinem Buch

In 18 Kapiteln, mit historischen Aufnahmen, Postkarten und Originalzitaten reich ergänzt, werden viele der auch heute immer noch nicht ausgerotteten Krankheiten, ihre Entdecker und deren Forschungsreisen beschrieben. Ein kurzer Steckbrief der jeweiligen Seuche ergänzt das betreffende Kapitel. Mit vielen Hinweisen auf weiterführende Literatur, einem umfangreichen Namens- und Sachregister ist dieses Buch für jeden an der Materie interessierten, sei es Historiker, Mediziner oder Biologen einen wahre Fundgrube. Aber auch der Laie kann unschwer seinen Nutzen daraus ziehen. Wobei sich die Autoren nicht nur auf die medizinischen Aspekte beschränken, sonder auch auf die Zeitläufte und politischen Umstände eingehen.

Fazit: Sehr empfehlenswert für den an der Materie interessierten, leider nur noch antiquarisch erhältlich.

ABER:
Da sich meine berufliche und auch sonstige Interessenlage etwas verschoben hat und ich auch meine Bibliothek rigoros verkleinere, lasse ich dieses Buch frei. Wer es haben möchte, möge es mir per E-mail (im Impressum) oder über twitter, evtl. auch in den Kommentaren kurz mitteilen. Sollten mehrere daran interessiert sein, entscheidet das Los. Die Verlosung endet am 31.12. um Mitternacht. (Natürlich kein Rechtsweg oder so). Erst dann brauche ich eine Kontaktadresse. Es entstehen absolut keine Kosten, weder für Buch noch für Postversand (leider nur innerhalb Deutschlands). Aber bitte nicht in der Bucht verticken.

Johannes W. Grüntzig, Heinz Mehlhorn:
Expeditionen ins Reich der Seuchen.
Medizinische Himmelfahrtskommandos der deutschen Kaiser- und Kolonialzeit.
Elsevier GmbH, Spektrum Akademischer Verlag,
Heidelberg, 2005,
380 Seiten, 176 schwarz-weiße und 126 farbige Abbildungen.

Ach ja, noch was: Die Idee für dieses Geschreibsel und dass dafür notwendige hervorkramen des Buches aus den Tiefen meiner Regale verdanke ich P. Wiemann und ihren famosen Blog Elementares Lesen.

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11 Kommentare zu “Ey, voll die Seuche

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