Wir schwiegen nebeneinanderher

Wir schwiegen nebeneinanderher, –
um uns erstarb die graue Nacht,
der Nächte eine – bleich und schwer,
die ich so oft mit dir durchwacht.
Mein Sinnen hing an deiner Qual. –
Du fühltest, wie ich um dich litt.
Lau ging ein Wind, und öd und fahl
klang unser leidgedämpfter Schritt.
Ich fühlte eine Angst in dir; –
du danktest meinem stillen Trost.
Wir sahen nichts. Doch wußten wir
das Schicksal nah, das um uns lost.
Vom Himmel hing es dumpf und schwer.
Im Morgendämmern ahnte ich dich.
Wir schwiegen nebeneinanderher, –
und unsre Seelen küßten sich.

Erich Mühsam

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Eigentlich wollte ich dieses wunderschöne, mitfühlende Gedicht einfach so stehen lassen. Aber in meiner heute begonnen Lektüre fand ich folgenden Charakterisierung Mühsams:

Erich Mühsam, der Edelanarchist, dessen Stern im Berliner Café des Westens aufging und in München lange sanften literarischen Glanz ausstrahlte (trotz aller edelanarchistischer Lichter), eher er sich mit wirklich blutiger politischer Röte erfüllte, Mühsam, der von Natur immer ein liebevolles, hilfreiches, unkriegerisches Geschöpf war und über dessen revolutionäres Heldentum man auch heute gern lächeln würde, wenn es nicht doch auch verwirrend und gefährdend wirkte…

So Victor Klemperer in einem Artikel über die Münchner Räterepublik vom Februar 1919. Unter dem Pseudonym „A.B.-Mitarbeiter“ (= Antibavaricus) war er als Korrespondent für die „Leipziger Neuesten Nachrichten“ tätig.
Enthalten sind diese Berichte und die 1942 entstanden Ergänzungen in dem Buch:

Victor Klemperer
Man möchte immer weinen und lachen in einem
Revolutionstagebuch 1919
Aufbau-Verlag bzw. Büchergilde Gutenberg.

Eine faszinierenden, sehr persönlich gefärbte Lektüre. Unbedingt empfehlenswert. Gerade auch in der Jetztzeit. Schildert sie doch sehr eindrücklich, wie schnell Wortgefechte zu tatsächlichen Gewaltausbrüchen führen können.

—-

Nachtrag: In den Kommentaren findet ihr ein vertontes Gedicht von Mühsam. Vielen Dank an Gerhard vom Kulturforum.

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14 Kommentare zu “Wir schwiegen nebeneinanderher

  1. Habe vor Jahren Klemperers Tagebücher aus der Zeit des Nationalsozialismus mit Interesse und Anteilnahme gelesen, aus denen ich mehr gelernt habe als in mancher Geschichtsstunde. Danke für die Erinnerung daran, dass ich auch das Revolutionstagebuch auf der Leseliste habe. LG, Anna

    • Von den Tagebüchern war ich damals auch sehr beeindruckt. Darum wurde das Rev.-Tb ganz oben auf den Stapel gelegt. Allein schon aus Neugier was er über Mühsam und die anderen Künstler schreibt.
      LG Erich

  2. Weniger ist tatsächlich manchmal mehr. Dies Gedicht, das in ihm wirkende Gefühl – es ist eine so selten schöne zarte Blüte. Danke für diese Mitteilung und für die Rose.

      • Lieber Erich, manchmal ist der „Senf“ doch sehr erhellend. Mir scheint, ich sollte mir auch mal Klemperers Tagebücher anschauen. Der Zweite Weltkrieg ist so ein Thema, mit dem ich mich nur schwerlich befasse, vermutlich weil es das Hauptthema in der Schule war und mein Geschichtsunterricht damals nicht wirklich interesseweckend war.

        Ich wollte Dir übrigens noch eine Mail schreiben und mich bedanken (was ich nun auf diesem Wege tue) Das Buch ist wohlbehalten bei meinen Eltern eingetroffen und wartet auf seine Abholung in den Februarferien. Lieben Gruß, Peggy

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