Mein Frauenbild (allerdings ohne Bild)

Merkwürdig.

Manchmal kommen einige nachdenkenswerte Ereignisse zusammen. Zum ersten war das  „(ed)“ vom Büchermagazin auf fb mit einer etwas komplizierten Frage und einem empfehlenswerten Link zu einem Text von Ruth Klüger. Zum anderen der Beitrag von Stephanie auf ihrem Blog, da besonders einer ihrer Kommentare. Und natürlich die Diskussion um die Vorfälle in Köln und anderswo.

Beides, übrigens am selben Tag veröffentlicht, ließen mich über mein Frauenbild nachgrübeln.  Wie die meisten sicherlich schon gemerkt haben, bin ich nicht der große intellektuelle Denker, sondern stricke eher an einfachen Lösungen und Texten. So wie meine Bilder sich auch nicht in allzuvielen Details ergehen, sondern die großen Farbflächen bevorzugen.

Einige Jahre vor dem großen Krieg (der mit der Nummer 2) kam in schwieriger Zeit eine Frau zur Welt. Ihr Traumberuf wäre Kindergärtnerin gewesen. Allerdings verbot ihr diesen Traum die herrschsüchtige Mutter, genauso wie sie ihr das Bücherlesen verbot. Unnützes Zeug eben. Sie durfte keinen Beruf ergreifen, sondern musste als Magd auf den Bauernhöfen der Nachbarschaft zum Familienunterhalt beitragen. Einmal, während des Krieges, schoßen ihr die alliierte Piloten mit ihren rotschwänzigen Mustangs die Kuh tot. Sie selbst überlebte, aber nur weil sie hinter der toten Kuh im Straßengraben Deckung fand und die Kugeln in die Kuh einschlugen. Sie hat mir die Stelle oft gezeigt und dabei die Geschichte erzählt. Je dementer sie wurde, desto öfter bekam ich diese und andere Geschichten zu hören, mit akribischer Detailgenauigkeit. Es war ihre Lieblingskuh, deren Namen ich leider vergessen habe. Ein andermal (es war ja ein großer Flugplatz in der Nähe) wurde einer von den Fliegern durch die Flak abgeschossen. Sie half mit, die Leiche zu bergen.

Nach dem Krieg suchte sie die Befreiung vom mütterlichen Joch in der Heirat mit einem dahergelaufenen, der hiesigen Sprache nur bedingt mächtigen , schwer traumatisierten Kriegskrüppel.  Die einheimischen Männer wollten sie nicht, sie hatte ja keine Mitgift.  Die Hochzeit und auch das ganze Leben vor- und nachher fand in einem ganz kleinen Dorf mitten in Bayern statt. Macht Euch keine Vorstellungen – die Wirklichkeit ist immer noch schlimmer.

Aber die schaffte es. Als ungelernte Arbeiterin in einem  Industriebetrieb in der nahen Stadt beschäftigt, sparte sie jeden Pfennig für ein kleines, eigenes Häuschen für ihre, mittlerweile um einen Sohn erweiterte, Familie.

Auch das schaffte sie. Ihr Mann half ihr zwar wo er konnte, aber leider konnte er nicht viel. Als Dank für den, zugegeben nicht unbedingt freiwilligen Einsatz für Führer (es war nicht seiner), Volk (auch nicht seines) und Vaterland (auch nicht seines) wurde er nach Kriegsende schikaniert wo es nur ging. Überlebt hatte er nur dank der US-Army und ihren Lazaretts. Die Staatsbürgerschaft wurde ihm aufgrund seinen rudimentären Deutschkenntnisse von den deutschen Behörden verweigert. Die Polizei kam des öfteren vorbei, um seine Fremdenpass zu kontrollieren. Er war staatenloser Ausländer mit UN-Pass. Hört sich doch gut an, oder? Arbeiten durfte er natürlich. Bis zu seinem Tod, der kurz nach dem Erreichen des Rentenalters eintrat, schippte er mit einer Hand und einer Prothese als Ersatz für die andere Hand, danebengefallenen Kies in den Betonmischer einer Betonfertigteilefirma. Aber zumindest starb er als deutscher Staatsbürger,

Das hier geschilderte ist sicherlich die Grundlage meines Frauenbildes. Ich habe darüber hinaus keine spezifischen, weiblichen Identifiaktionsfiguren, weder in der Literatur noch im realen Leben. Allerdings mag ich starke Frauen. Meine Mutter war so eine. Einen Kriegskrüppel als Ehemann durch sein verpfuschtes Leben zu begleiten oder besser zu führen, mit ihm, in einfachsten Verhältnissen, einen Sohn großzuziehen, etwas Wohlstand zu erwirtschaften und schließlich in der Dämmerung der Demenz und der Dunkelheit des Todes zu verschwinden, reicht mir als Frauenbild. Das Leben schreibt immer noch  die besten Bücher.

So.

Das war jetzt sehr privat und sehr intim. Zumindest für meine Verhältnisse. Es muss Euch nicht gefallen. Aber mir hat es gutgetan.

Danke für Eure Aufmerksamkeit.

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40 Kommentare zu “Mein Frauenbild (allerdings ohne Bild)

  1. Hej, das ist ja wirklich schön, dass ich Dich zu einem Text angestoßen habe. Es ist ein wichtiger Hinweis, dass eben reale Menschen wie Mütter, Schwestern oder auch halbreale wie Schauspielerinnen oder Sängerinnen usf. unsere Geschlechterbilder prägen. Sprache allein kann es da nicht richten. Aber eben: ein so weites Feld!

  2. In meiner Familie sah das ähnlich aus. „Gute, alte Zeit“ – jaja. Ich bin in einem Haus voller alter Leute aufgewachsen, die als Fernsehverweigerer und Kindervollbeschäftiger viel erzählten; durchaus auch vieles, was meinen Eltern die Haare zu Berge stehen ließ, aber geschadet hat´s mir nichts, im Gegenteil. Unser Haus wurde in matriarchalischer Linie vererbt, immer schmissen die Töchter den Laden, und die Männer, die dazu kamen, waren Vollwaisen oder Kriegskrüppel. Die Groß- und Urgroßtanten packten ihre eigenen Geschichten dazu, beim Kaffeeklatsch wurde nichts ausgespart: Winterhunger, übergriffige Soldaten, prügelnde Ehemänner, Wochenbettfieber, Alltägliches aus Arbeits- und Familienleben von Kleinbauern, Fischern und Tagelöhnern. Besonders beschäftigt hat mich, was meine Urgroßmutter über ihre Großmutter erzählte: Als „ledige Magd“ (so auf der Geburtsurkunde meines Ururgroßvaters genannt) drei Kinder durchzukriegen, war ein enormer Kraftaufwand. Und wie es dazu kam, war ebenso hart: Eine Magd, die an den falschen Hofherrn geriet, war schutzloses Freiwild, und wurde oft, sobald sich ein „Blag“ ankündigte, von der Hofherrin wutentbrannt rausgeschmissen. Es soll nun aber nicht so klingen, als hielte ich die Männer an sich für verdorben-aus-Tradition. Ich habe ganz einfach großen Respekt vor diesen Frauen, die sich in einem Leben, das sie sich nicht ausgesucht hatten, als so stark erwiesen haben.
    …Das war etwas ausschweifend. Eigentlich wollte ich schreiben: Danke für Deinen Text.

    • Ich habe zu danken für Deinen ausführlichen und sehr interessanten Text!
      Mein Opa mütterlicherseits war auch der Sohn einer „ledigen Magd“. Wie so viele damals. Ihr erging es genauso wie Du es schilderst. Als sie schwanger wurde, wurde sie vom Hof gejagt. Mochte sie selbst zusehen wo sie bleiben konnte. Ich hab mal irgendwo die Zahl von 30% gelesen. So groß war der Anteil der Kinder die in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg jährlich auf diese Weise entstanden sein sollten. Leider finde ich die Quelle momentan nicht mehr.

  3. Lieber Erich, ich finde Deine „Geschichte, die das Leben schreibt“schön! Danke dafür! Eigentlich „Danke“ für ALLE Deine Geschichten!Ich gucke später noch mal bei Dir vorbei, und schwätze noch ein bisschen…☺
    Liebe Grüsse, Petra

  4. Das Leben hat wirklich einiges parat … Es prägt, wie sollte es auch anders sein. In manchen Fällen ist es ganz gut, dass es doch diverse Einflüsse (und nicht nur einer) sind, die zugleich oder meist nacheinander zum Zuge kommen und so ein Bild zu verfeinern, aber auch abzuändern oder zu ergänzen vermögen.

    LG Michèle

  5. Mitnehmend, lieber Erich!
    Solche „Geschichten“ sie sollten unbedingt aufgeschrieben werden, damit sie gelesen werden und uns verbinden. Sie sind das Gegengewicht, wieder gutmachen geht ja nicht, aber auch aufzeigen, dass wir es heute anders machen können. Einen Beitrag leisten zu einem klaren „Nein“ gegen Sexismus, Gewalt, Rassismus…. Ich finde es besonders fein, wenn sich auch Männer zu Wort melden und sagen, dass ihnen das missfällt, wenn Frauen als Freiwild behandelt werden…

    Liebe Grüße aus der Silbenkemenate,
    Silbia

  6. Lieber Erich … was die Kriege so mit den Menschen gemacht haben … Meine Großmutter und meine Mutter waren/sind ganz ähnliche Frauen wie deine Mutter. Zwei, die sich immer durchgebissen haben. Diese Generation vor uns heilt auch, indem wir uns um uns kümmern, ein friedfertiges Leben leben und unsere Kinder zu aufrechten, authentischen, warmherzigen Menschen erziehen.

  7. Lieber Erich, ein anrührender Text (Du hast Recht, die besten Geschichten schreibt das Leben) und einer, der mich auf mehreren Ebenen zum Nachdenken gebracht hat (zum Beispiel darüber, dass heute viele auf hohem Niveau jammern), aber zurück zum Frauenbild: Ich finde es schade, dass wir heute immer noch darüber diskutieren müssen. Ich muss sagen, ich selbst bin in der glücklichen Situation groß geworden, meine Eltern haben mich zu einem Individuum erzogen, dass sein Selbstwertgefühl nicht aus dem Geschlecht zieht. Und ich habe Zeit meines Lebens das Gefühl gehabt, ich könne alles erreichen, was ich will, unabhängig davon, ob ich eine Frau bin oder ein Mann. Aber ich weiß auch, dass das leider nicht alle Frauen von sich sagen können. Ich glaube jedoch, hier spielen viel die Erziehung, das soziale Umfeld und auch die Medien eine Rolle. Das Frauenbild, das viele Filme und Bücher gerade auch für Mädchen und junge Frauen vermitteln, sind aus meiner Sicht eine Zumutung. Liebe Grüße und ein schönes Wochenende, Peggy

    • Danke für Dein ausführliches Statement, dem ich nur beipflichten kann.

      Deine Einstellung und die Deiner Eltern ist bewundernswert und richtig, aber beileibe keine Selbstverständlichkeit. Gerade die TV-Programme, welche ja oft auf gewisse soziales Milieus abzielen, sind voll von Stereotypen und Klischees bezüglich der Geschlechterrollen (Stichwort: Prekariatsfernsehen). Man könnte fast meinen, es ist Absicht (ist es ja vermutlich auch). Wenn mich mir die Welt so ansehen, glaube ich nicht, dass sich in absehbarer Zeit das Frauenbild grundlegend ändern wird, trotz Debatten und Quoten. Im Gegenteil – wir sollten aufpassen, das es sich nicht wieder zum negativen hin bewegt und das „Mutterkreuz“ wieder aus dem Orkus der Geschichte hervorgekramt wird.
      Aber das ist jetzt genug negative Weltsicht für heute.

      Ein entspanntes und entdeckungsreiches Wochenende!
      LG Erich

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