An (und auf) der Bahn

Das Häuschen an der Bahn,

Steht ein Häuschen an der Bahn,
hoch auf grünem Hügelplan.

Tag und Nacht, in schnellem Flug,
braust vorüber Zug um Zug.

Jedesmal bei dem Gebraus
zittert leis das kleine Haus -:

„Wen verläßt, wen sucht auf
„euer nimmermüder Lauf?“

„Oh nehmt mit, oh bestellt
„Grüße an die weite Welt!“

Rauch, Gestampf, Geroll, Geschrill…
Alles wieder totenstill.

Tag und Nacht dröhnt das Gleis.
Einsam Häuschen zittert leis.

Christian Morgenstern

PAUL CÉZANNE (1839-1906) DER BAHNDURCHSTICH (UM 1870) - gemeinfrei -

Paul Cézanne (1839-1906) – Der Bahndurchstich (um 1870) – gemeinfrei –

Ich wuchs in Bahnnähe auf. Meine Eltern pendelten tagtäglich mit dem Zug in die nächste größere Stadt. Später übernahm die Gummieisenbahn (Bahnbus) diese verantwortungsvolle Aufgabe. Ich war nie als Pendler auf die Eisenbahn angewiesen (sieht man mal von den 3 Jahren ab, in denen vergeblich versucht wurde, mir eine höhere Schulbildung angedeihen zu lassen).

Der kleine Haltepunkt war nur ca. 900 Meter entfernt. Besonders die Achtungspfiffe an den unbeschrankten Bahnübergängen des Anschlussgleises eines, dort in der freien Landschaft angesiedelten  Industriebetriebes, weckten in mir eine Sehnsucht nach der  Ferne. Besonders in schlaflosen Nächten ging die Phantasie mit den Pfiffen gerne auf Reisen

Der Traum von großen Bahnreisen wurde dann zumindest ansatzweise mit den ersten Rom- und Italienreisen verwirklicht. Was war das für ein erhebendes Gefühl, zum ersten Mal mit so einem ellenlangen Nachtzug über den Brenner und durch die halbe Apennin-Halbinsel zu fahren. Das klingen der Läutewerke an den Bahnübergängen, das rappeln und klackern der Schienenstöße (die es damals noch gab) und alle die schönen Geräusche einer Zugfahrt sind mir – sicherlich nostalgisch verklärt -heute noch präsent. Natürlich ließen sich die Fenster öffnen und man konnte sich trotz der Warnung „È pericoloso sporgersi“ weit hinauslehnen und sich den Fahrtwind um die Ohren pfeifen lassen. Jedes Land roch auch anders. Auf die Masten musste man halt selbst aufpassen.

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Die erste Flugreisen brachten nicht einmal ansatzweise solche Hochgefühle in mir hervor. Es war eine Befördern von A nach B in stickigen, engen Kabinen.

…..

Anmerkung: Das Gemälde „Der Bahndurchstich“ von Paul Cézanne hängt heute in der Neuen Pinakothek zu München. Näheres findet ihr hier. Mein Bild davon ist gemeinfrei bei Zeno.org zu finden.

Advertisements

20 Kommentare zu “An (und auf) der Bahn

  1. Irgendwie hat das abenteuerliche Gefühl auf einer längeren Zugreise für mich in dem Moment ein Stück abgenommen, als die Zugfenster nicht mehr zu öffnen waren. Gerade dieses Luft zwischendurch spüren (auch Veränderungen!) und das den Kopf hinausstecken können, brachten Emotionen, Sinneseindrücke und ein eigenartiges Freiheitsempfinden. Heute ist es vielleicht ruhiger Großraumwagen und den Abteilen (wenn nicht jemand drinnen lautstark herumkrakeelt), aber auch abgeschotteter nach außen.

    Schöne Fotos! Speziell auch deine S/W-Aufnahme! Weckt ein altes Gefühl – genau wie dein Hinweis auf die Masten!

    LG Michèle

    • Ja, es ist ruhiger – wenn man von den nervigen Mobiltelephonaten etc. absieht – aber irgendwie fehlt mir das unmittelbare, das sinnliche einer Reise. Ich erinnere mich an schöne Gespräche (und auch an ein paar weniger schöne) die allein durch die Frage entstanden sind, ob man das Fenster öffnen dürfe. Und den Kopf aus dem fahrenden Zug zu halten, und die Gerüche der durchfahren Gegenden zu genießen, das rollen der Räder auf den Schienen zu hören – unbezahlbar. Untrennbar mit dem Gefühl verbunden: Ich reise!

  2. Ich mag ein langsames Reisen auch viel lieber (mit Bahn oder Auto) als zu fliegen. Zu sehen, wie sich die Landschaft verändert … auch die Temperaturen, je weiter man nach Süden gelangt … das finde ich großartig. dann noch Zeit zu haben – ganz toll.
    Zudem liebe ich die Atmosphäre auf Bahnhöfen: das Kommen und Gehen, das Verabschieden, das Begrüßen … die Umarmungen.

  3. Ich verreise auch am liebsten mit dem Zug – da hat man Ruhe und Muße, man kann das Land aus dem Fenster betrachten oder ein gutes Buch lesen. Mit der Bahn nach Rom – hört sich interessant an. Könnt sofort losfahren 🙂

    • Vom Niederrhein nach Rom ist es ja noch eine Tagesreise mehr. Von München aus ging es. Aber man war trotzdem ganz schön gerädert (im wahrsten Sinne des Wortes). Für Luxus hatte ja man als Lehrling nicht so viel übrig (v.a. kein Geld). Aber es war trotzdem schön. Und in Roma-Termini gab es dann den besten Cappuccino der Welt. Eine Wohltat wenn man todmüde aus dem Zug fiel und gleich mit dem Sightseeing beginnen wollte. Tempi passati.

  4. Zug – das ist ein Sack voll Erinnerungen. Vielleicht am eindrucksvollsten war die 60 Stunden-Fahrt von Frankfurt über Jugoslawien nach Athen, 1970, allein mit einem Säugling (meinem Sohn). Und auf der Rückfahrt 6 Stunden Grenzkontrollen – Durchsuchung des Zuges (in Athen herrschte Militärdiktatur), Ungewissheit, und dann in Belgrad: der Bahnhof schwarz von Menschen, die schon 24 Stunden warteten, da man ihnen die Lok ausgespannt hatte (die brauchte man für einen Zug nach Rom). Unser Zug wurde so vollgestopft, dass man, wenn man durch den Gang wollte, um was zu essen zu bekommen, bedroht wurde. …. Ich fuhr damals öfter mal die Strecke. War abenteuerlich.

    • Abenteuerlich – das glaube ich Dir gerne. Ende der 7oiger wollten wir entweder nach Athen oder nach Rom fahren. Aus finanziellen Gründen, und auch aus Gründen die Du oben schilderst ging dann die erste lange Zugreise dann doch nach Rom.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s