Wiedergelesen: Train Dreams von Denis Johnson

Der gottesfürchtige Holzfäller und Gelegenheitsarbeiter Robert Grainier lebt im waldreichen Nordwesten der Vereinigten Staaten. Er kennt weder seine Eltern noch den Ort seiner Geburt.

„Er wusste sein Lebtag nur so viel, dass er irgendwann im Jahre 1886 entweder in Utah oder in Kanada geboren worden und mit einem Zug der 1892 fertig gestellten Great Northern Railroad zu seiner neuen Familie gekommen war“

Bildschirmfoto 2016-04-30 um 19.19.38

Spät heiratet er, mit Frau und Tochter zieht er in eine einsamen Waldhütte, allerdings ist er meist unterwegs um Geld zu verdienen. Während einer dieser Abwesenheiten kommt seine Frau in einem verheerenden Waldbrand um. Die Tochter, noch ein Säugling, wird seitdem vermißt.

Er schlägt sich weiterhin mehr schlecht als recht durchs Leben, verliert den Glauben an Gott, baut irgendwann die Waldhütte wieder neu auf und lebte als Teilzeiteremit in den „Wäldern die sein Leben ausfüllten“.

Einmal glaubt er seine verschollene Tochter in einem „Wolfsmädchen“ – einem Wesen halb Mensch, halb Wolf – wiederzuerkennen. Aber sie entschwindet erneut.

So lebt er sein mühseliges Leben bis ins 80ste Lebensjahr. Einmal ist er geflogen, nur einen kurzen Rundflug. Einmal überkam ihn die schiere Wollust, er überwand sie. Aber das Meer, obwohl eigentlich sehr nahe, hat er nie gesehen.

„Seine Lebensgeschichte […] endete damit, dass er vor einem Eisenbahnzug herumstand, in dem Elvis Presley saß.“

Immer präsent, wenn auch verhalten, sind in dieser Novelle die Eisenbahn und die Züge. Ihre Pfiffe durchdringen einsame Nächte, fordern Opfer, rollen durch unruhige Träume oder sind ganz profane Transportmittel.

Denis Johnson beschreibt dieses Lebens in seiner Kult-Novelle Train Dreams, erschienen 2004 bei Rowohlt und beim marebuchverlag. Es ist ein hartes Buch. In einer lakonischen, wuchtigen Sprache erzählt Johnson die Sorgen und Nöte und die Brutalität des Lebens der armen Teufel am Rande der Gesellschaft. Es ist schnell gelesen, es hat nur 112 Seiten, aber es bleibt viel länger im Gedächtnis.

Eine richtige Besprechung ist u.a. hier zu finden.

Eine kleine Dreingabe:

Anfang des 20. Jahrhunderts war die Eisenbahn das  einzigen zuverlässigen Transportmittel in den Weiten des nordamerikanischen Kontinents. Privatwirtschaftlich organisiert, wurde mit sehr harten Bandagen um Fracht und Passagiere gekämpft. Man war nicht zimperlich. Um die Native Americans scherte man sich keinen Deut. Erst als mit der Einrichtung der Nationalparks auch um zahlungskräftige Touristen gebuhlt wurde, erinnerte man sich ihrer, wenn auch nur zu Werbezwecken. Reklame wurde in den Staaten ja schon immer groß (im wahrsten Sinne des Wortes – man denke nur an die riesigen Billboards) geschrieben. Namhafte Künstler wurden beauftragt, Plakate und andere Werbemittel zu gestalten.

Einer dieser Künstler war der Deutsche Winold Reiss. 1886 in Karlsruhe geboren, war er zeitlebens von den amerikanischen Ureinwohner fasziniert. 1913, nach einem Kunststudium in München, emigrierte er in die Vereinigten Staaten. Als Kunstgewerbler und Innenarchitekt machte er sich bald einen Namen. Mit seiner Malerei hatte er anfänglich weniger Erfolg. Er porträtierte Schwarze und Mexikaner, diese Bilder wollte allerdings niemand sehen, geschweige den kaufen. Um Geld zu verdienen, nahm er auch andere, lukrativere Aufträge an. So wurde er schließlich auch als Porträtmaler ziemlich bekannt und erfolgreich.

Library of Congress;  http://loc.gov/pictures/resource/cph.3g05687/

Bildquelle: Library of Congress; http://loc.gov/pictures/resource/cph.3g05687/

 1919 fuhr er zum erstmals nach Montana zum Stamme der Blackfeet im Glacier-Nationalpark, natürlich mit der Great Northern Railway. In den folgenden Jahren kehrte er immer wieder dorthin zurück, er war fasziniert der vorgefundenen Kultur.

„Nie habe ich Menschen getroffen mit so wunderbarem Feingefühl und Takt. Man darf die Indianer nicht von unserem Standpunkt aus beurteilen – man muß versuchen, sie von ihrem Standpunkt zu sehen. Sie sind alle künstlerisch hochveranlagte Menschen, die Männer wie auch die Frauen. Wir können es an ihren Kostümen, Gebräuchen, Tänzen, Geräten und vor allem an ihrer poetischen Sprache beobachten. […] Ich liebe das rote Volk und bin froh, es darstellen zu dürfen.
(Quelle: Stadtwiki Karlsruhe)

Der Präsident der Great Northern Railway, Louis Hill, kaufte alle verfügbaren Indianerportäts von Reiss und verwandte sie u.a. in den damals sehr beliebten Kalendern, ähnlich den heute ach so begehrten Pirelli – Kalendern. Reiss wurde fast so etwas wie der Hauskünstler dieser Eisenbahngesellschaft.

1953 stirbt Winold Reiss. Die Blackfeet verstreuten seine Asche über ihr Heiliges Territorium.

Repro: e.a.brokans

Repro: e.a.brokans

Das abgebildete Blechreklameschild zeigt den Blackfeet – Medizinmann Lazy Boy, gemalt von Winold Reiss in den 1930er Jahren. Ich weiß nicht, ob dieses  ein Originalschild der Great Northern aus den 1940ern Jahren ist. Aber immerhin hängt es schon seit einem Vierteljahrhundert bei mir an der Wand. Also durchaus irgendwie antik.

 

Advertisements

8 Kommentare zu “Wiedergelesen: Train Dreams von Denis Johnson

  1. Wunderbarer Text, hab ihn sehr gern gelesen…ich glaube, in dieses Buch werde ich eintauchen müssen! Herzlichen Dank!

    • Ich habe zu danken!
      Es freut mich sehr, wenn etwas gefällt.
      Ja, das Buch ist es wirklich wert, gelesen zu werden.
      Leider gibt es die Novelle nur mehr im Antiquariat – soweit ich weiß.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s