Welke Blätter

Plötzlich hallt mein Schritt nicht mehr,
sondern rauschet leise, leise,
wie die tränenvolle Weise,
die ich sing’, von Sehnsucht schwer.
Unter meinen müden Beinen,
die ich hebe wie im Traum,
liegen tot und voll von Weinen
Blätter von dem großen Baum.

                                     24.9.1939

Selma Meerbaum-Eisinger
1924 – 1942

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Selma Merbaum – so hieß sie eigentlich in allen amtlichen Unterlagen – schrieb dieses Gedicht mit 15 Jahren. In Czernowitz (Rumänien) geboren und aufgewachsen, musste sie und ihre Familie, nach der deutschen Besetzung des kurzfristig sowjetischen Gebietes, ins jüdische Ghetto von Czernowitz umsiedeln. Im Juni 1942, mit der letzten „Aushebung“, wurden sie in verschiedene Arbeitslager „verschafft“. Im Lager Michailowka – in der damals deutsch besetzten Ukraine – starb sie schließlich am 16. Dezember 1942 an Fleckfieber. Sie wurde nur 18 Jahre alt und hinterließ 58 Gedichte.

Eine ausführliche Biografie über Selma Meerbaum, mit neuen Aspekten und neu transkribierten Texten, ist von Marion Tauschwitz veröffentlicht worden. Mehr dazu auf der Homepage der Autorin oder bei literaturkritik.de.

Natürlich darf man Jürgen Serke nicht vergessen. Dem Fürsprecher der verbrannten und verbannten Dichter ist es zu verdanken, dass Selma Meerbaum schließlich einem breiteren Publikum bekannt wurde. Seine „Geschichte einer Entdeckung“ ist hier nachzulesen.

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9 Kommentare zu “Welke Blätter

  1. Das ist ein herzzerreissendes Gedicht, wenn man die Hintergründe kennt.
    Und trotzdem oder gerade deswegen strömt es eine herbstlich-trostvolle Wärme aus.
    Lieben Gruss, zurück aus dem Blogurlaub,
    Brigitte

  2. Für mich ist sie eine Frühvollendete und ich liebe ihre Gedichte seit Erscheinen und habe sie zum Lesen und Hören auch bei mir schon eingestellt. Iris Berben Stimme passt wunderbar zu ihren Versen.
    Sehnsuchtsvoll – wehmütig ist auch ein Zustand, wenn man 15 Jahre jung ist.

    Mit liebem Morgengruß vom Dach
    Karin

      • Mir fiel kein passender Ausdruck ein, was ich meinte ist die Schönheit ihrer Verse schon in diesem jugendlichen Alter unabhängig von ihrem tragischen Schicksal.

        • Genau.
          Es wird oft vergessen, dass sie die meisten Verse schrieb, als es noch möglich war das relativ normale Leben einer heranwachsenden zu führen. Den Rest dann im Ghetto. Im Arbeitslager blieb sie stumm, zumindest ist nichts bekannt.

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