Ein Märchen

Wollt ihr ein Märchen erlauschen?
Ein Märchen? – Ich weiß eines.

O so wunderbar fein, so zart.
Wollt‘ ich’s in Laute, in Töne gestalten,
Wäre jeder Laut, jeder Ton zu lauttönend.

Vorsicht! Behutsam!
Denkt leise!

Sonnenfunken – goldner Hauch –
Löscht ihn nicht – leise! leise!

Ein Garten, eine Gestalt – ein Mädchen.
Rings auf zitternden Schwingen Farben und Düfte,
Und mein Mädchen mitten in Farbe und Duft.
Schwarzgrüne Büsche stumm, atemstockend,
Und darunter Blütenherzen,
Wildrote pochende Herzen,
Pochend in hast’gem Genießen.

Sie singt.
Ihre Träume sind ihre Lieder.

Weiße Astern,
Blendende Astern,
Wie sie sich wiegen.
Und der Garten singt
Und die Büsche,
Alles, alles singt in Farben und Düften.

Starrst du auf Rosen,
Nimm dich in acht.
Rosen sengen, brennen,
Weißt du das!
Sie weiß nichts.
Ahnte sie nur die Glut,
Müßte sie zitternd erglühn.

Aber Flammen wärmen,
Und Wärme weckt Flammen.
O berühre nicht! – Fort! – Flieh!
O berühre sie nicht!

Zu spät!
Erschrick nicht, rette,
Rette aus Flammen den Duft.

Angstfahle Blässe knirscht,
Aber Reue zermalmt nicht.
Auf weißen Astern schwarze Erde.
Warum schwarze Erde?
Warum nicht der Tod?

Erde ist Leben.

Auf weißen Astern schwarze Erde. –
Das ist mein Märchen.

Max Dauthendey
1867 – 1918

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

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13 Kommentare zu “Ein Märchen

  1. Er war ein Zauberer der Sprache, der Herr Dauthendey. (Den Film würde ich mir sicher auch ansehen…)
    Aber auch dein Bild dazu ist ein Märchen.
    Lieben Sonntagmorgengruss,
    Brigitte

  2. Dieser Film würde mich auch reizen, habe ihn aber auch noch nicht entdeckt, dafür aber diese Seite gefunden, die sehr ausführlich gestaltet ist. Vielleicht hilft sie ja Fragen Deiner Leser(innen) zu beantworten, die schon zu früheren Gedichteinstellungen an Dich gestellt wurden:

    https://www.max-dauthendey.de/

    Märchenbegeisterte Grüße vom Dach
    Karin

    • Herzlichen Danke, aber die meisten (auch Christiane) kennen die Seite bereits.
      Und den Film – irgendwann habe ich eine zeitlang gesucht, aber zugegebenermassen nicht sehr intensiv. Ich überlasse das mehr dem Schicksal. Es gibt so vieles was noch zu entdecken ist. Mein Wahlspruch: einfach treiben lassen.

      LG Erich (endlich der Hölle der Hecken, Baum- und Sträucherschneiderei entkommen)

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