Auferstanden aus Ruinen

Ab 1828 begann man die alte ( damals ehemalige) Universitätsstadt Ingolstadt zur bayerischen Landesfestung auszubauen. Natürlich hinkte die Festungstechnik den gewaltigen Fortschritten der Geschütztechnik immer hoffnungslos hinterher. Aber sogar noch nach den den Erfahrungen des Krieges von 1870/71 plante man weitere Außenforts (Vorposten). So entstand zwischen 1875 und 1878 südlich des Fischerdorfes Manching das Fort VIII.

Netzfundstück

Militärisch völlig nutzlos, dienten die Forts im 1. Weltkrieg meist als Kriegsgefangenenlager, vorwiegend für ausbruchsfreudige französische Offiziere. Im benachbarten Fort IX (Oberstimm) war z. B. der spätere französische Staatspräsident Charles de Gaulle untergebracht. Nach mehreren Fluchtversuchen verlegte man ihn schließlich auf die Wülzburg bei Weißenburg.
Jean Renoir hat diese Geschichte in seinem genialen Film „Die große Illusion / La grande Illusion“ mit Jean Gabin, Erich von Stroheim u.a. herausragend thematisiert.

Auch im 2 Weltkrieg spielten die Forts keine militärische Rolle. Gegen Kriegsende wurden Häftlinge des ausgebombten Wehrmachtsuntersuchungsgefängnisses München im Fort VIII eingekerkert, darunter auch etliche, denen die Todesstrafe drohte. 76 dieser Todesurteile wurden noch vollstreckt, zwei davon im Fort selbst, der Rest auf einem nahegelegenen Schießplatz. Bei Kriegsende übernahm die US-Army Fort VIII und verwendete es bis zum Herbst 1946 als Internierungslager für SS-Angehörige.

Schließlich von der Gemeinde käuflich erworben und teilweise gesprengt, dienten die traurigen Steine als Rohmaterial für diverse Bauvorhaben. Unter anderem wurde 1958, am Nordrand des ehem. Forts, die Friedenskirche der evangelischen Kirchengemeinde mit ihnen aufgebaut. Entworfen hatte sie Architekt Olaf Andreas Gulbrannson.

Foto © e.a.brokans

Olaf Andreas Gulbrannson ist der 1916 geborene Sohn des weitaus bekannteren Malers, Zeichners und Satirikers Olaf Leonhard Gulbrannson. Olaf Andreas war ein herausragender Entwerfer von evangelischen Sakralbauten im süddeutschen Raum. Leider konnten viele seiner Bauten erst posthum fertiggestellt werden. Er selbst kam bereits 1961, mit 45 jahren, bei einem Autounfall auf der Autobahn A9 zwischen Pfaffenhofen und Holledau, nicht weit von Manching, ums Leben. Die Friedenskirche in Manching gilt als einer seiner beeindruckendsten Bauten.

Foto © e.a.brokans

Wer also das sehr sehenswerte Kelten-Römer-Museum in Manching besucht, sollte auch dieser Kirche einen Besuch abstatten. Und sei es nur um diesen geschichtsträchtigen Bau zu würdigen. Beides liegt sehr verkehrsgünstig an der A9 – AS Manching.

Vom Fort selbst ist nicht mehr viel übrig. Wohnhäuser und ein Sportpark traten an seine Stelle.

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12 Kommentare zu “Auferstanden aus Ruinen

  1. Welch ein tröstlicher Gedanke, dass aus den Steinen der alten Kriegsgebäude eine Friedenskirche gebaut wurde. Sie ist sehr schön geworden.
    Danke für diese Geschichtslektion. Ich hatte keine Ahnung von diesen Festungs- und Gefangenenbauten und den bayerischen Hintergründen, die dazu führten.
    Lieben Gruss in den hoffentlich schönen, friedlichen Feiertag,
    Brigitte

    • Ach, da gäbe es noch viel zu erzählen. Napoleon war natürlich schuld und sogar da.
      Vielleicht so pö a pö gibt es mehr…. 😉
      Aber es freut mich, wenn ich Dir etwas neues erzählen kann.
      Einen friedvollen Gruß zurück!
      Erich

  2. Danke, sehr fein! Besonders die Geschichte/n herum. Festungsbau!?!?! Ich erinnere mich oft an Gustav Vasa`s ausgestopftes Pferd oder war es Gustaf Adolf`s?!? im Ingolstädter Stadtmuseum das in einer Festung untergebracht ist. Auf dem Pferd soll er Wallenstein von dem seinen gestossen, damit die entscheidende Schlacht des 30jährigen Krieges geschlagen und den Todessturz Wallensteins vom Prager Rathausbalkon vorbereitet haben. Gegenüber des weißen Hengstes liegt der Eingang zum Ingolstädter Stadtarchiv in dem ich glückliche Zeiten mit der Recherche zur „Frauengeschichte/n in Ingolstadt“ verbrachte.
    Gestern wanderte ich um das Fort Kugelbaake herum. Den nördlichsten Punkt Niedersachsens in Cuxhaven. Es sieht aus wie alle unsere Forts – hier in rotem Tegel in bekannter Kirchenarchitektur – und es wurde nie benutzt. Unsere Funkentdecker (nun habe ich ihre Namen schon wieder vergessen) nutzten es aber für ihre Versuche – Helgoland – Festland, hin und zurück. Museum, Stadtarchiv u/o Versuche aller Art zum Nutzen, eine wundervolle Architektur der Kirche in Manching lassen mich hoffen. Dir ein gutes Wochenende Ruth

    • Der ausgestopfte Zossen von Gustav Adolf steht noch immer im Stadtmuseum Kavalier Hepp. Seit einigen Jahren gibt es einen neugestalteten „Schwedenplatz“, da wo früher die Neubürger Bahnlinie die Münchner Straße querte. Da hat es jetzt auch einen Brunnen dem Gustav Adolf und seinem Schimmel zu ehren. Der sieht aus – ich kann es nicht anders sagen – wie ein überdimensionierter Pferdearsch.
      Ja, das mit die Forts hast sich ja mittlerweile meistenteils erledigt. Aber die Mauern in den Köpfen blieben leider bestehen.
      Das mit den „Frauengeschichte/n in Ingolstadt“ hört sich aber auch interessant an. Gibt es da was?
      LG Erich

      • Hi Erich!
        Es gab für mich zwei spannende Dinge mit dem Buch zur Frauengeschichte in Ingolstadt: – wie fiktiv darf Erzähltes in Geschichte sein? und – es ist wirklich ein Buch geworden, das Ingolstädter Frauen in/mit sehr unterschiedlichen Professionen und Lebenseinstellungen schrieben. Mein Text zur „Schuttermutter“ fand keinen Platz, weil ich da schon wieder weitergezogen. Aber die Gespräche zum Projekt sind in guter Erinnerung und zeigten, daß es möglich ist über weite Grenzen zusammen zu arbeiten. Besonders die verbrachte Zeit im Ingolstädter Stadtarchiv wirkt bis heute bei mir nach.
        LG Ruth

        • Hallo Ruth,
          herzlichen Dank für Deine ausführliche Antwort. „Schustermutter“ hört sich interessant an.
          Im Stadtarchiv hatte ich zu Schulzeiten so manche freie Stunde verbracht. Freiwillig!
          Lang, lang ist’s her.
          LG Erich

  3. Griaßdi!
    Tät gern mal wieder nach Ingolstadt fahren und zum Haus der M.L. Fleisser, weißt Du, ob das schon wieder zu besichtigen ist? Und das Buch über die Frauengeschichten , weißt Du wie es heißt?
    War mal vor Jahren da und als keltophile Menschen wollten wir Manching, die angebl. größte keltische Stadt anschschauen, das war vielleicht kompliziert, wir sind herumgeirrt, kein Mensch wusste was darüber, und von Kelten schon gleich gar nix…möcht unbedingt einen zweiten Versuch machen!
    Finde es total interessant, von Deinen historischen Streifzügen zu lesen! Viele liebe Grüße

    • Servus!
      Das Fleißer – Haus wird immer noch umgebaut. Eine Eröffnung wird es nicht vor 2018 geben.
      Manching ist jetzt keltisch voll erschloßen. Das Kelten – Römer – Museum zeigt, neben den ständig vorhandenen Objekten, wechselnde Ausstellung. Leider ist vom alten Keltenwall – am beeindruckendsten ist noch das Osttor – nicht mehr viel zu sehen. Aber mittlerweile sind alle Reste gut ausgeschildert und begehbar. Überall gibt es informative Schautafeln. Der beste Ausgangspunkt ist das Museum. Dort (und im Internet) gibt es auch einen Flyer mit den Wegbeschreibungen. Vielleicht schreibe ich noch mal was darüber.
      LG

      • Und wenn das Fleißer – Museum wieder zu besuchen ist, werde ich bestimmt berichten. Das Buch über die Frauengeschichten ist mir momentan nicht bekannt. Ich habe mir damals, als Ruth darüber schrieb, eine Notiz gemacht. Leider bin ich noch nicht dazu gekommen.

      • Herzlichen Dank für die Auskünfte…wird höchste Zeit, Dir hier zu folgen!
        Tät mich sehr freuen, wennst was über Manching schreiben tätest! Werde ganz sicher bald hinfahren!
        Und zu dem Buch werd ich die Ruth befragen!
        Servus und viele Grüße aus Südost!

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