Weidentrauer

Die hohle Weide

Der Morgentau verstreut im Thale
Sein blitzendes Geschmeide;
Da richtet sich im ersten Strahle
Empor am Bach die Weide.

Im Nachttau ließ sie niederhangen
Ihr grünendes Gefieder
Und hebt mit Hoffnung und Verlangen
Es nun im Frührot wieder.

Die Weide hat seit alten Tagen
So manchem Sturm getrutzet,
Ist immer wieder ausgeschlagen,
So oft man sie gestutzet.

Es hat sich in getrennte Glieder
Ihr hohler Stamm zerklüftet,
Und jedes Stämmchen hat sich wieder
Mit eigner Bork‘ umrüftet.

Sie weichen auseinander immer,
Und wer sie sieht, der schwöret,
Es haben diese Stämme nimmer
Zu einem Stamm gehöret.

Doch wie die Lüfte drüber rauschen,
So neigen mit Geflüster
Die Zweig‘ einander zu, und tauschen
Noch Grüße wie Geschwister;

Und wölben überm hohlen Kerne
Wohl gegen Sturmes Wüten
Ein Obdach, unter welchem gerne
Des Liedes Tauben brüten.

Soll ich, o Weide, dich beklagen,
Daß du den Kern vermissest,
Da jeden Frühling auszuschlagen
Du dennoch nie vergissest?

Du gleichest meinem Vaterlande,
Dem tief in sich gespaltnen,
Von einem tiefern Lebensbande
Zusammen doch gehaltnen.

Friedrich Rückert

Juni 2017 – Foto © e.a.brokans


Auch bei dieser Weide ist „Ihr hohler Stamm zerklüftet“ und das wurde ihr zum Verhängnis. Irgendwelche Volltrottel, noch hohler in der Birne als der Stamm, legten im Innern ein Feuer, durch die Kaminwirkung brannte es sofort lichterloh. Die schnell anrückende Feuerwehr löschte, aber es half nicht mehr. Kein einziger Ast blieb übrig. Das war wohl der Todesstoß für diesen Weidenbaum.

Dezember 2015 – Foto © e.a.brokans


Mehr als 400 Jahre steht die Weide am Rande des Teiches. Esoteriker nennen es einen „Magischen Ort“. In nebligen Nächten kann sogar ich es nachvollziehen, manchmal schaudert es mich.

Zwei Straßen führten nah vorbei. Zigtausendmal bin ich vorübergefahren. Jedesmal ging der Blick hinüber, manchmal verweilte ich. Teich und Weide sind ein beliebter Treffpunkt, eine Bank und ein kleiner Steg laden zum innehalten ein. Im kleinen Teich ziehen Enten und Blesshühner ihren Nachwuchs groß, man kann ihnen dabei zusehen.

Foto © e.a.brokans


Der traurige Rest der Weide bleibt stehen, vielleicht hat sie noch eine Chance.

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21 Kommentare zu “Weidentrauer

  1. Kein Stelldichein mehr unter Weide – erst starb die Liebe, dann die Weide …

    Bei den weißen Stiefmütterchen
    im Park wie ers mir auftrug
    stehe ich unter der Weide
    ungekämmte Alte blattlos
    siehst du sagt sie er kommt nicht

    Ach sage ich er hat sich den Fuß gebrochen
    eine Gräte verschluckt, eine Straße
    wurde plötzlich verlegt oder
    er kann seiner Frau nicht entkommen
    viele Dinge hindern uns Menschen

    Die Weide wiegt sich und knarrt
    kann auch sein er ist schon tot
    sah blaß aus als er dich untern Mantel küßte
    kann sein Weide kann sein
    so wollen wir hoffen er liebt mich nicht mehr

    Sarah Kirsch

  2. Soviel Symbolik – Salix geht besonders gut in meinem jetzigen Garten auch. Der Baum des Heilseins………. – welch Gewalt mit dem Feuer in ihm. Kein anderes Wesen als der Mensch würde Vergleichbares tun.
    Weide wie Vaterland: darauf muss einer erstmal kommen – die Gefahr das einer in ihm Feuer macht besteht (immer). Möge es nicht geschehen wünsche ich uns.
    Danke für diesen wunderbaren Beitrag in Verbindung mit Deinen Bildern – Zucchering? Auf jeden Fall gibt es dort ähnliche Orte. Um mein Haus herum sah es so aus – Donaualtarm – LG Ruth

    • Ich mochte die Weiden schon immer, auch schon als Kind, da wußte ich noch nicht viel von Symbolik.
      Ja, hüten wir uns vor den Zündlern und Brandstiftern.
      Und nein, nicht in Zuchering, sondern in der Nähe, bei Geisenfeld steht (hoffentlich noch länger) diese Weide.
      LG Erich

  3. Das Gedicht von Rückert ist traurig-zuversichtlich: immer wieder schlägt sie aus, die Heimat, die Weide, ihre diversen Stämme tragen Blätter und flüstern sich geschwisterlich zu. Dass jemand in ihrem Inneren Feuer legen würde – das hatte er nicht vorausgesehen. Und ist doch geschehen in den schrecklichen Jahren der Nazi-Herrschaft..
    Heute bestehen die deutschen Lande wieder, auch wenn der Stamm hohl und ausgebrannt ist. Wie Meintoefftoeffumele oben schreibt: „Die Weide ist nicht tot, …. sie hat noch soviel in sich, das Neues aus ihr entstehen kann. Anders, als wir vermuten. Leben und den Fortbestand des Lebens.“

    • Soviel möchte ich da nicht hingeheimsen. Ich seh das eher pragmatisch. Natürlich ist Todholz ein Paradies für Myriaden von Kleinlebewesen. Irgendwann wird alles zu Humus und daraus entsteht wieder Leben. Ein ewiger Kreislauf. Und laut Baumdoktor hat sie noch eine minimale Chance für einen Neubeginn. Mal schaun.

  4. hab auch die weiden sehr gern.
    und hab eine hier schräg links von meinem fenster, die ist noch jung,
    vielleicht fünf, sechs jahre alt: hat sich angesiedelt weißnichtwie und kann vorerst bleiben … danke für bilder und text, lieber erich!
    herzlichen pegagruß dir!

  5. So traurig, das Schicksal der Weide.
    Vor meiner Kemenate wurde im Frühjahr eine Weide gefällt. Ich habe einen Ableger eingepflanzt (leider nur im Topf) und erfreue mich an seinem Wuchs… damit etwas bleibt von der enormen Lebenskraft der Weide.

    Liebe Grüße,
    Silbia

  6. Ist wirklich schlimm und traurig was in so manchen kranken Köpfen vor dich geht!😯
    Aber die Bilder sind sehr schön… ich liebe solche Spiegelungen im Wasser!
    Liebe sonnige Grüße🌞 von Hanne und entdeckte endlich hier auch die Möglichkeit zum Anklicken für neue Beiträge per E-Mail💡😀

    • Ich weiß ja nicht ob es sich um Leichtsinn, grenzenlose Dummheit oder Absicht gehandelt hat. Es ist halt einfach schade.

      Der E-mail – Dings ist aber schon immer da. Zugegeben etwas versteckt. Ich selber folge eigentlich fast gar nicht über Mail. Darum vielleicht ;-). Und Danke. Freut mich wenn es gefällt.
      LG Erich

  7. Ich bin so optimistisch wie der Baumdoktor; irgendwo und -wann wird sich ein neuer Sprößling an die Oberfläche wagen und es wird einen Neubeginn geben. 400 Jahre Leben lassen sich nicht unterkriegen -:)))
    Lieber Gruß vom pitschenassen Dach, Karin

    • Hoffentlich hast Du recht, ich hoffe es auch!
      Auf jedenfalls kriegt er noch eine Chance, so wurde immerhin von der Stadtverwaltung entschieden.
      Auch wenn es nass ist, so eine Wohnung weiter oben hat momentan schon seine Vorteile.
      LG Erich

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