Ins Kaffeehaus!


Er wandelte kreuz und quer durch die nächtlichen Straßen, ließ den leichten Föhn um seine Stirne wehen, und endlich, entschlossenen Schritts, als wäre er nun an ein langgesuchtes Ziel gelangt, trat er in ein Kaffeehaus niederen Ranges ein, das altwienerisch gemütlich, nicht besonders geräumig, mäßig beleuchtet und zu dieser späten Stunde nur wenig besucht war.

Arthur Schnitzler, Traumnovelle, Kapitel IV.

Foto © E.A.Brokans 07. 2018


Das ist natürlich kein „Kaffeehaus niederer Ordnung“, sondern eines der bekanntesten „Boheminlokale“ in Wien. Zumindest war es das einmal. Um mich nicht der Schleichwerbungsabmahnungsidioterie äh -industrie auszusetzen, erwähne ich den Namen natürlich nicht. Aber bereits 1975 hat sich ein bekannter österreichischer Liedermacher über diese Lokalität gewundert, besang er doch einen gelegentlich dort anzutreffenden Menschen ohne Kleidung. Aber das ist ja auch schon lange her.

Jedenfalls führte dieser Song mit seinem eingängigen Refrain „Jö schau, so a Sau“ zu einem ersten Besuch dieser Lokalität. Anfang der 80er war das, und das Lokal brechend voll. Aber da die Frau Josefine, welche mit ihrem Mann Leopold das Lokal gründete und führte, die erstaunliche Fähigkeit hatte, 1000 Gäste auf nur 100 Stühle zu setzen, bekamen wir umgehend einen Platz. Der Kaffee war sehr gut, was er in Wien natürlich immer ist, ein „Nockerter“ allerdings war nicht zu sehen und die angeblich allgegenwärtige Prominenz und deren Adabeis erkannte ich nicht.

Vor kurzem ein erneuter Besuch, eher zufällig. Ich wollte, nach Belvedere und Albertina, unbedingt ein Stendhal-Syndrom vermeiden und etwas anderes sehen, als bekleckste Leinwand.
Der Kaffee war wieder exzellent, der Nockerte zeigte sich wiederum nicht und auch sonst war keine Sau niemand da. Immerhin ersparte mir diese, nur kurz dauernde Abwesenheit von Gästen, die Einholung der schriftlichen Einverständniserklärungen beim eventuell zufällig und unabsichtlich mit abgebildetem Beiwerke menschlicher Art.
Aber so ruhig ist es nicht immer. So zumindest erzählt man sich.

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10 Kommentare zu “Ins Kaffeehaus!

  1. Kaffeehaus niederen Ranges…

    Das erinnert mich an eine seltsame Gepflogenheit von mir in den 90ern. Ich besuchte immer wieder mal ein solches: Da war alles altmodisch drin, abgewetzt und schlechten Kaffee gabs obendrein dazu.

    • Keine Ahnung!
      Josefine und Leopold sind ja schon längst tot.

      Ich habe nur einen Kaffee getrunken, es lag zufällig am Weg.
      Insgesamt brachte ich es an diesem Tag auf 4 Kaffeehäuser.
      Da kommt es nicht so auf Details an.

  2. An „deinen“ Wiener Liedermacher erinnere ich mich noch sehr gut, Erich. Hab ich gern gehört. Auch den anderen, den Peter, mit seinem Kaffee, der fertig ist.
    Kaffeehäuser wirken inspirierend. Ich kann nachvollziehen, dass ganze Generationen der schreibenden, dichtenden und textenden Zunft sich dort niederließen, um die Kreativität herauszulocken, sie weiter zu fördern. In richtigen Cafés, mit Atmosphäre und durchaus Betrieb – nicht solchen mit Bahnhofswartesaalcharakter und Hektik

    Heute wirkt auf mich mein (Eis-)café so. Ich esse gar kein Eis, habe aber seit Jahren meinen Stammplatz, genieße die heiße Tasse und das Drumherum. Und wenn ich herumkomme (als es noch ging zumindest), halte ich es auch in anderen Städten so. Peile irgendwann ein Café oder Kaffeehaus an, nur um aufzusaugen und dabei erstaunlicher weise gleichzeitig wunderbar abzuschalten. Also keine Gefahr der Aufgabelung eines Stendhal-Syndroms…. ^^

    LG Michèle

    • Mich (uns) zog es auch schon in jungen Jahren in die Kaffeehäuser. Ich mochte die Stimmungen, die ja überall eine andere war. Außerdem mag ich Kaffee, in all seiner Vielfalt. In meinem ersten Stammkaffee, es nannte sich wirklich „Wiener Kaffeehaus“ obwohl es hunderte von Kilometern von Wien entfernt war, liebte ich das Beobachten der anderen Gäste jeder Altersstufe. Besonders ist mir ein älterer Herr in Erinnerung, der nicht ohne eine gewisse Eleganz bei (Stroh)witwen antichambrierte. Ein rechter Hallodri, er war ja verheiratet.
      LG Erich

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