Der Kanarienvogel

Im einzelstehenden Arbeiterhaus
Müssen die Mieter schleunig hinaus:
Es zeigen sich plötzlich Risse und Spalten,
Mörtel und Kalk wollen nicht mehr halten,
Ein leises Knistern geht unheimlich los,
Die Einsturzgefahr wird riesengroß.
Die Bewohner können nichts mehr retten,
Alles bleibt drinnen, Möbel und Betten;
Kaum raffen sie noch ihr bißchen Geld,
Eh das Gebäude zersplittert, zerschellt.

Was fällt denn der alten Näherin ein?
Sie läuft noch einmal ins Haus hinein,
Um ihren Kanarienvogel zu holen.
Zurück! Schon poltern Gebälk und Bohlen,
Es lösen sich Fugen, Klammern und Schluß,
Daß der Bau krachend zerstäuben muß.
Stehn geblieben ist nur eine Wand,
Von unten bis oben; die widerstand.
Im vierten Stock hängt an der Mauer
Ein Kanarienvogel in seinem Bauer
Und jubelt und schmettert und trillert und singt,
Daß es frohlockend zum Himmel klingt.[85]
Staub und Schuttwolke sind verflogen,
Die Frau ist aus den Trümmern gezogen,
Die treue Frau. Doch wie ein gefeiter
Singt oben und jubelt und tiriliert weiter
Der kleine Kanarienvogel.

Detlev von Liliencron: Gute Nacht. Berlin 1909

Foto von mannigfaltiges

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20 Kommentare zu “Der Kanarienvogel

  1. Ist es ein Svarowskytier? Diese Gegensätze sind faszinierend.Wo hast Du ihn vor die Linse bekommen?
    Meine Ersatzgroßeltern (die richtigen waren hinter der Mauer) züchteten in einer 7qm kleinen Küche diese Harzer Roller (es war ja in Goslar) , es hingen 30 Käfige über- und untereinander, und zu dem Erwachsenenpalaver, die Küche war immer gerammelt voll mit Leuten, tirillierte es in den höchsten Tönen. Der von meinen Eltern hieß Hansi (er überlebte nicht die späte Rückkehr meines Vaters aus der Kriegsgefangenschaft).Ihm folgte dann die moderne -:)) Version: der Wellensittich und danach, als ich das Haus verließ, ein Pudel -:))))

    • Nein, mit den Reserveklunker hat dieser hier nichts an der Umlenkrolle. Er war wohl beim errichten der Gegensätze mit beteiligt.
      Mit den Stubenvögel hatten wir es nicht so. Lediglich ein zugeflogener Wellensittich durfte seine letzten Lebensjahre im Haus meiner Eltern verbringen. Was du schilderst, das ganze Gepfeife und dazu noch die Menschentöne, wäre für mich der blanke Horror. Aber jeder so wie er es mag.

      • Ich war Kleinkind, das einzige weit und breit, die Söhne alle im Krieg und sogar vor Stalingrad gefallen, hatte keine Spielgefährten und war natürlich auch immer Mittelpunkt und diese Winzküche war ein solcher Ort der Geborgenheit und Wärme für mich (mein Vater war ja auch noch im Krieg), das das immer noch nachwirkt.Es gab immer etwas zu Naschen, ein Stückchen Bienenwabe, Kuchen und Milch, eine Murmel, Federn…..Schlemmerparadies für mich.
        Heute stehe ich Trubel und Menschmassen auch skeptisch und reserviert gegenüber und bin sehr gern allein, aber diese Zeit damals hat sich auch in mich eingebrannt als etwas sehr Schönes. Für mich waren Kriegsjahre nie Entbehrungsjahre (mit Ausnahme des Vaters und meine Mutter sah das auch anders) ich bekam alles, was für mich wichtig war…..es war ja so wenig und für mich so viel….

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