Zäzilie

Zäzilie soll die Fenster putzen,
sich selbst zum Gram, jedoch dem Haus zum Nutzen.

Durch meine Fenster muß man, spricht die Frau,
so durchsehn können, daß man nicht genau
erkennen kann, ob dieser Fenster Glas
Glas oder bloße Luft ist. Merk dir das.

Zäzilie ringt mit allen Menschen-Waffen …
Doch Ähnlichkeit mit Luft ist nicht zu schaffen.
Zuletzt ermannt sie sich mit einem Schrei –
und schlägt die Fenster allesamt entzwei!
Dann säubert sie die Rahmen von den Resten,
und ohne Zweifel ist es so am besten.
Sogar die Dame spricht, zunächst verdutzt:
So hat Zäzilie ja noch nie geputzt.

Doch alsobald ersieht man, was geschehn,
und spricht einstimmig: Diese Magd muß gehn.

Christian Morgenstern

Foto © E.A.Brokans

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10 Kommentare zu “Zäzilie

  1. Wenn ich diese Magd wohl wär‘,
    ich holte mir die Hausfrau her,
    und bät sie, zeige sie mir doch das,
    was Luft ist und das was Glas.
    Gnä Frau käm sicher in Bedrängnis,
    Zäzilie verschont von ihrem Verhängnis. -:))

    Was für eine Bahn fährt da durch die Fenster im Bild? Gibt es dort auch Scherben, denn ich kan Innen und Außen nicht unterscheiden?

    Liebe Grüsse in den Abend, Karin

    • Schönen Dank für den Reim! 🙂
      Ein Bahn fährt nicht durchs Bild, Scherben gibt es auch keine.
      Ansonsten mag ich es, wenn etwas im unklaren (hier ist es ja wohl das zu viel glasklare) bleibt.
      Dann kann sich seine Teile dazu denken!
      LG

  2. Was für ein reizendes Gedicht. Fensterputzen sollen ist für mich ebenfalls ein Gram. Beizeiten Fensterputzen wollen – und sei es zum Meiden von Scham – das kam vor. Was Zäzilie zu Hilfe nahm, enthält uns Morgenstern vor – ebenso wie ihre Motive, die Scheibe in Luft zu verwandeln. Es sind ja nicht nur die Glasscheiben, sondern auch die Rahm‘ …
    Jedenfalls verschafft sie sich Luft, die auch angefordert war, und dies keineswegs zahm. Wir wissen hier nicht, ob es sich in einem Glasscherbenviertel zuträgt oder wie das Arbeitsverhältnis gestaltet war, mindestlohnlahm?
    Die Diesel-Ruß-Partikel und ähnliches Zeug wegzuwischen wie auch den Spruch vom Fliegenschiss der Geschichte, dazu lädt die milde Herbstsonne mit ihren tiefen und wunderbar leuchtenden Strahlen ein.
    Wie ließe sich die Welt durch verstaubte oder klare Fenstergläser betrachten, gestalten und verändern ohne solche Gedichte? Dank und Gruß

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