Landschaft

„Wir versuchen uns an dem äußeren Bilde andrer bewohnter Gestirne wohl selten über ein gewisses Maß von Kraft und Erfolg hinaus. Und doch — Landschaft, ins Unendliche variiert! Welch eine Vorstellung!
Jede Landschaft hat ihre eigene besondere Seele, wie ein Mensch, dem du gegenüberlebst. Dies wirst du am deutlichsten empfinden, wenn du den Eindruck einer gegenwärtigen mit dem wiederbeschworenen vergleichst, den eine andere, frühere, deiner Seele eingeprägt hat. Etwa wenn du einen Ausschnitt der gegenwärtigen betrachtest, der recht gut auch jener vergangenen angehören könnte, — so daß dir eine Weile so unheimlich zumute wird, als glaubtest du die Hand eines Abwesenden oder gar Verstorbenen zu halten, während es doch, wie du weißt, die des dir Gegenüberstehenden ist.“

(1912 / Natur)

Auszug aus: Christian Morgenstern. „Stufen / Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen.“  Veröffentlicht posthum im Oktober 1917

(„Entwickelung“ – genau so steht es auf dem Buchumschlag)

Und übrigens findet ihr hier eine Rezension von Kurt Tucholsky dazu.

Bildschirmfoto 2020-01-20 um 20.38.45

Bild © E. A. Brokans

7 Kommentare zu “Landschaft

  1. Dieser wunderliche Text wirkt poetisch. Inhaltlich ambivalent, verschieden zustimmungsfähig und womöglich aus den Zusammhängen zu deuten.
    „Entwickelung“ ist ein schönes Wort, früher häufiger gebräuchlich poetisch und botanisch?. Während für mich „Entwicklung“ im Sinne von Fortschritt anmutet, atmet „Entwickelung“ auch etwas Ursprüngliches im Sinne von Auswickeln.
    Wie dem auch sei. Karl May hatte 1900 ein Gedicht „Entwickelung“. Und unsere literarischen Kolleg:innen in den Blogs fällt wohl etwas ein zu den Stufen Christian Morgensterns und später Hermann Hesses.
    Hier mag ich das Wort „des dir Gegenüberstehenden“.
    Viele Grüße in ein neues Lesejahr
    Bernd

  2. Wenn ich das Wort Landschaft lese, sehe ich Weite vor mir, schaue ich aus dem Fenster, gehe spazieren, ist sie kleinräumig, schenkt aber meist Seelenfrieden und Ruhe, obwohl es gar nicht ruhig in ihr zugehen muß. Irgendwie paradox -:)))
    Lieber Gruß vom endlich frostigen Dach, Karin

    • Landschaft ist für mich was neutrales, eigentlich alles was draussen vor der Tür liegt. Erst die Gedanken, die mir dann mache, wenn ich mir welche mache, formen dann irgendeine Stimmung. Dieselbe Landschaft kann ich je nach Stimmung unterschiedlich wahrnehmen.
      Liebe Grüße
      Erich

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