Der Blick

Mir gegenüber,
dicht unterm Dach,
sitzt ein Weib
am geduckten Fenster
und näht.

Früh
in das steigende Licht,
spät
in die fallende Nacht.

Manchmal
blickt es vom Schoße auf
und verloren hinaus
auf die Dächer –
die Wolken –
die Ewigkeit.

Ich kann
sein Auge nicht sehn,
aber ich fühle den Blick –
ich blicke ihn mit,
den zehrenden Blick
auf die Dächer –
die Wolken –
die Ewigkeit …

Christian Morgenstern
Quelle: Christian Morgenstern: Sämtliche Dichtungen. 
Abteilung 1, Band 7, Basel 1971–1973, S. 10-11.
Permalink: http://www.zeno.org/nid/20005389534
Lizenz: Gemeinfrei

 

Bildschirmfoto 2020-02-18 um 08.46.34

Bild © E. A. Brokans 

11 Kommentare zu “Der Blick

  1. Vielen Dank für den Morgenstern! Hier sitzt das Weib an der Hausarbeit mit der Frage nach der „kontrafaktischen Kausalitätstheorie“ – brrrrrr, schuettel, ätz! – und wünscht sich eine Nadel um das Ganze bestechend zu besticken. Der Himmel weint noch nicht. Irgendwie ist selbst im hohen Norden kein richtiger Winter. Danke für die kleine Pause – jetzt muss ich weiter. Und die Nadel im Heuhaufen……; liebe Grüsse in eine alte Heimat und an den kleinen Wald mit Z., Ruth

  2. Frage zum Gedicht und den Lesarten: Kommt dieser Blick von der Mutter, der Großmutter, vielleicht einer Tante, der Gemahlin, unterm Dach der Magd oder Zugeherin oder welcher nähenden „Bezugs“person?

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