Europens Bücher

Korf ist fassungslos und er entflieht,
wenn er nur Europens Bücher sieht.

Er versteht es nicht, wie man
zentnerschwere Bände leiden kann.

Und ihm graut, wie man dadurch den Geist
gleichsam in ein Grab von Stoff verweist.

Doch der Europäer ruht erst dann,
wenn er ihn in Bretter „binden“ kann.

Christian Morgenstern

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Insektenleben

Im Zimmer

Freier Vögel seh‘ ich schweben
Einen leichten, lichten Zug.
Himmel! hätt‘ ich solchen Flug!
Hätt‘ ich solch ein Wanderleben!

Doch gebannt an eine Stätte
Bin ich, ach! nur ein Insekt,
Mit der Nadel festgesteckt
In ein Fach im Kabinette.

Justinus Kerner

Schaffnerlos

Wortlos

Foto © E.A:Brokans

Auf der Straßenbahn

Wie der Wagen durch die Kurve biegt,
Wie die blanke Schienenstrecke vor ihm liegt:
Walzt er stärker, schneller.

Die Motore unterm Boden rattern,
Von den Leitungsdrähten knattern
Funken.

Scharf vorüber an Laternen, Frauenmoden,
Bild an Bild, Ladenschild, Pferdetritt, Menschenschritt –
Schütternd walzt und wiegt der Wagenboden,
Meine Sinne walzen, wiegen mit!:
Voller Strom! Voller Strom!

Der ganze Wagen, mit den Menschen drinnen,
Saust und summt und singt mit meinen Sinnen.
Das Wagensingen sausebraust, es schwillt!
Plötzlich schrillt
Die Klingel! –Der Stromgesang ist aus –
Ich steige aus –
Weiter walzt der Wagen.

Gerrit Engelke

Erneuerung

Die Mutter plagte ein Gedanke.
Sie kramt im alten Kleiderschranke,
Wo kurz und lang, obschon gedrängt,
Doch friedlich beieinander hängt.
Auf einmal ruft sie: Ei, sieh da,
Der Schwalbenschwanz, da ist er ja!
Den blauen, längst nicht mehr benützten,
Den hinten zwiefach zugespitzten,
Mit blanken Knöpfen schön geschmückt,
Der einst so manches Herz berückt,
Ihn trägt sie klug und überlegt
Dahin, wo sie zu schneidern pflegt
Und trennt und wendet, näht und mißt,
Bis daß das Werk vollendet ist.
Auf die Art aus des Vaters Fracke
Kriegt Fritzchen eine neue Jacke.
Grad so behilft sich der Poet.
Du liebe Zeit, was soll er machen?
Gebraucht sind die Gedankensachen
Schon alle, seit die Welt besteht.

Wilhelm Busch

oder:

A new year —
the same nonsense
piled on nonsense

Kobayashi Issa

Foto & Montage © E.A.Brokans

Jahreswechselmelancholie

Also wieder ein Jahreswechsel. Wahrscheinlich werden ich/wir ihn verschlafen, wie schon viele zuvor. Keine Vorsätze, kein „Auf zu neuen Ufern“. Kein Kater am nächsten Morgen.

Sind dann die Überreste der nachbarlichen Raketentestversuche gesammelt, die verschreckten Vögel zu ihren Futterstellen zurückgekehrt – was durchaus ein paar Tage dauern kann – und wenn sich dann auch noch der Feinstaub mitsamt seinem Hype verzogen hat – was hoffentlich schneller geht -, dann ist eh wieder alles beim Alten.

Aber den Brauch der Neujahrsglückwünsche möchte ich gerne nutzen, um Euch für Euer Interesse an meinem Geschreibsel und Geknipse zu danken.

Und weil man nie genug davon haben kann, wünsche ich Euch (und mir natürlich) Zufriedenheit, viel (oder zumindest soviel wie wir benötigen und/oder vertragen können) Glück und vor allem viel Gesundheit im neuen Jahr.

Wir lesen und gucken uns!

Erich

Bildschirmfoto 2017-12-30 um 08.54.07

Foto © E.A.Brokans

 

Etwas Punsch gefällig?

Falls jemand eine Rezept benötigt:

Punschlied

Vier Elemente,
Innig gesellt,
Bilden das Leben,
Bauen die Welt.

Preßt der Zitrone
Saftigen Stern,
Herb ist des Lebens
Innerster Kern.

Jetzt mit des Zuckers
Linderndem Saft
Zähmet die herbe
Brennende Kraft,

Gießet des Wassers
Sprudelnden Schwall,
Wasser umfänget
Ruhig das All.

Tropfen des Geistes
Gießet hinein,
Leben dem Leben
Gibt er allein.

Eh es verdüftet,
Schöpfet es schnell,
Nur wenn er glühet,
Labet der Quell.

Friedrich Schiller

Auf Euer Wohl!

Foto © e.a.brokans