Apokalypse

Ein Feuer seh ich lohen
Fern übers finstere Land,
Ich sehe den Schatten drohen
Einer ungeheuren Hand.

Das Feuer schlägt aus Schloten,
Rauchwolken wirbelnd, empor,
Es flattern die Flammen, die roten,
Wie Banner mit pechschwarzem Flor.

Die Schattenfaust ungeheuer
Ergreift die scharlachne Trophä‘,
Auf stürzender Städte Gemäuer
Den Fackelbrand schleudert sie jäh.

Es wütet die brodelnde Erde
In grauenerregender Brunst,
Und es wiehern die höllischen Pferde
Wild durch den blutdampfenden Dunst.

Karl Henckell

Quelle: Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 2: Buch des Kampfes, München 1921, S. 237-238.
Permalink: http://www.zeno.org/nid/20005037158
Lizenz: Gemeinfrei

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Bild © E. A. Brokans

Der Blick

Mir gegenüber,
dicht unterm Dach,
sitzt ein Weib
am geduckten Fenster
und näht.

Früh
in das steigende Licht,
spät
in die fallende Nacht.

Manchmal
blickt es vom Schoße auf
und verloren hinaus
auf die Dächer –
die Wolken –
die Ewigkeit.

Ich kann
sein Auge nicht sehn,
aber ich fühle den Blick –
ich blicke ihn mit,
den zehrenden Blick
auf die Dächer –
die Wolken –
die Ewigkeit …

Christian Morgenstern
Quelle: Christian Morgenstern: Sämtliche Dichtungen. 
Abteilung 1, Band 7, Basel 1971–1973, S. 10-11.
Permalink: http://www.zeno.org/nid/20005389534
Lizenz: Gemeinfrei

 

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Bild © E. A. Brokans 

Ein Garten

Ein Garten.
Im Januar.

Im tiefsten Winter.
Ungelogen.
Die Tannenreiser sollen als Beweis gelten.
Gedacht als Frostschutz für Sträucher und Rosen
Der Garten liegt nicht im Süden.
Sondern mitten Deutschland, in Weimar.
Es ist kurz vor Mittag.
Das Thermometer zeigt knappe 14 Grad Celsius.
Ginge nicht der Wind, ich würde schwitzen.
Im tiefsten Winter.
Im Januar.

Macht nur weiter so!

Ein Garten aus dem 18. Jahrhundert. Der Weg führt schnurgerade zu einem südländischen Pavillon Die Beete sind mit Buch eingefasst und mit Blumen Kräutern und Beerensträucher bepflanzt.

Der Garten des Kirms-Krackow-Hauses in Weimar. Januar 2020. Bild © EAB

SpamArt

Nachhaltigkeit ist ja in aller Munde und in allen Köpfen, auch wenn es mit der praktischen Umsetzung oft hapert.

Dabei läßt sich sogar mit der unseligen Spam-Mail irgendwas sinnvolles anfangen, z.B. eine Vorlage für ein schickes Geschenkpapier. Nur noch ausdrucken und irgendwas einwickeln. So wird der Papierkorb des Rechners entlastet und nach Gebrauch kann man es ja einscannen und wieder zurückschicken.

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Bildquelle: Unaufgeforderte Spam-Mail, geringfügig von mir bearbeitet.

Landschaft

„Wir versuchen uns an dem äußeren Bilde andrer bewohnter Gestirne wohl selten über ein gewisses Maß von Kraft und Erfolg hinaus. Und doch — Landschaft, ins Unendliche variiert! Welch eine Vorstellung!
Jede Landschaft hat ihre eigene besondere Seele, wie ein Mensch, dem du gegenüberlebst. Dies wirst du am deutlichsten empfinden, wenn du den Eindruck einer gegenwärtigen mit dem wiederbeschworenen vergleichst, den eine andere, frühere, deiner Seele eingeprägt hat. Etwa wenn du einen Ausschnitt der gegenwärtigen betrachtest, der recht gut auch jener vergangenen angehören könnte, — so daß dir eine Weile so unheimlich zumute wird, als glaubtest du die Hand eines Abwesenden oder gar Verstorbenen zu halten, während es doch, wie du weißt, die des dir Gegenüberstehenden ist.“

(1912 / Natur)

Auszug aus: Christian Morgenstern. „Stufen / Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen.“  Veröffentlicht posthum im Oktober 1917

(„Entwickelung“ – genau so steht es auf dem Buchumschlag)

Und übrigens findet ihr hier eine Rezension von Kurt Tucholsky dazu.

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Bild © E. A. Brokans

Die Republik der Spinnen

Dem Spinnenvolke fiel es ein,
In Zukunft sicherer zu seyn,
Und nicht Jedwedem zu vergönnen,
In ihrem Schloß herum zu rennen,
Sie wohnten eben dazumal
In einem großen wüsten Saal,
Durch dessen offne Fensterbogen
Stets Mücke, Schwalb‘ und Sperling flogen.
Wir wollen (murreten die Spinnen)
Den Vortheil euch wohl abgewinnen;
Und zogen in die Läng‘ und Quer‘
Viel Fäden vor den Fenstern her.
Doch Schwalb‘ und Sperling kamen bald
Und fuhren dreist und mit Gewalt
Durch diese leichten Spinnenweben,
Und nur die Mücken blieben kleben.

Ganz so, wie diese Spinnennetze,
Sind oft im Staate die Gesetze.
Kein Mächt’ger wird darin gefangen,
Nur blos der Schwache bleibt d’rin hangen.

Justus Friedrich Wilhelm Zachariä (1726 – 1777)
Quelle: Anthologie aus den Gedichten von J. F. Wilh. Zachariä, Hildburghausen/ New York 1850–55, S. 80-81.
Gefunden: http://www.zeno.org/nid/20005927013 /Gemeinfrei

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Photographie © E.A.Brokans