Das Nasobem

Auf seinen Nasen schreitet
einher das Nasobem,
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.

Es steht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
zum ersten Mal ans Licht.

Auf seinen Nasen schreitet
(wie schon gesagt) seitdem,
von seinem Kind begleitet,
einher das Nasobem.

Cristian Morgenstern

Foto © mannigfaltiges

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Der Kanarienvogel

Im einzelstehenden Arbeiterhaus
Müssen die Mieter schleunig hinaus:
Es zeigen sich plötzlich Risse und Spalten,
Mörtel und Kalk wollen nicht mehr halten,
Ein leises Knistern geht unheimlich los,
Die Einsturzgefahr wird riesengroß.
Die Bewohner können nichts mehr retten,
Alles bleibt drinnen, Möbel und Betten;
Kaum raffen sie noch ihr bißchen Geld,
Eh das Gebäude zersplittert, zerschellt.

Was fällt denn der alten Näherin ein?
Sie läuft noch einmal ins Haus hinein,
Um ihren Kanarienvogel zu holen.
Zurück! Schon poltern Gebälk und Bohlen,
Es lösen sich Fugen, Klammern und Schluß,
Daß der Bau krachend zerstäuben muß.
Stehn geblieben ist nur eine Wand,
Von unten bis oben; die widerstand.
Im vierten Stock hängt an der Mauer
Ein Kanarienvogel in seinem Bauer
Und jubelt und schmettert und trillert und singt,
Daß es frohlockend zum Himmel klingt.[85]
Staub und Schuttwolke sind verflogen,
Die Frau ist aus den Trümmern gezogen,
Die treue Frau. Doch wie ein gefeiter
Singt oben und jubelt und tiriliert weiter
Der kleine Kanarienvogel.

Detlev von Liliencron: Gute Nacht. Berlin 1909

Foto von mannigfaltiges

*Hüstel*

Wer immerfort dem rauem Klima der gleichnamigen Anlagen und den unberechenbaren Böen der mittlerweile allerorten anzutreffenden Luftquirle ausgesetzt ist, sollte eventuell, um seine oberen Atemwege nicht unnötig zu reizen, von einer eskalierenden Tonsillitis ganz zu schweigen, den Erwerb eines dieser schicken Halstücher in Betracht ziehen.
Denn vorbei ist die Zeit als Zugluft noch süß war:


Urplötzlich mir zur Seite ging ein Rauschen,
Ein flatternd Knistern weicher Seidenbänder,
Die süße Zugluft bausch’ger Frau’ngewänder,
In Rhythmus regten sich beschwingte Socken,
An meine Wange streiften üpp’ge Locken,
Mir war’s, als ob mich Moschusduft umwehe
Von Odalisken- oder Schlangennähe

Anastasius Grün, Die Vorigen, weniger Einen (Auszug)

Fotot von mannigfaltiges

Ausgeblüht


Was ist Leibesschönheit? Was ihr Prangen?
Was ist Lilienhals und ringelnd Haar?
Was sind Purpurlippen, Rosenwangen,
Schwanenbrust und schimmernd Augenpaar?
Blumen sind sie, gestern aufgegangen,
Heut verwelkt, verstoben morgen gar.
Unvergänglich sind des Geistes Schimmer;
Seine Blüthe welkt – sein Kelch verduftet – nimmer.

Gotthard Ludwig Kosegarten / An Christiane von Smiterlöwe (Ausschnitt)

Foto von mannigfaltiges

Wasserlilien

Wir steigen auf aus feuchten Tiefen,
Da träumten wir so langen Traum
Umspült von linder Wellen Schaum,
Als uns des Lenzes Stimmen riefen.

Und manch‘ ein sinniges Gemüth
Ersieht in uns die schöne Kunde
Von dem, was unten Schönes blüht,
Wo’s Fischlein spielt auf Meeresgrunde. –

Wie ist’s hier oben all so bunt –
Doch unser Haus ist stiller, milder.
Lebt wohl, ihr Tages reiche Bilder,
Wir sinken wieder in den Grund.

Luise Hensel

Auf Zuckermanns Seiten bin ich belehrt worden, dass die Seerose auf dem Bild keine Wasserlilie ist, auch wenn der Volksmund (und ich) sie oft so nennt. Mir ist das egal. Ich mag beide Namen.

Ins Kaffeehaus!


Er wandelte kreuz und quer durch die nächtlichen Straßen, ließ den leichten Föhn um seine Stirne wehen, und endlich, entschlossenen Schritts, als wäre er nun an ein langgesuchtes Ziel gelangt, trat er in ein Kaffeehaus niederen Ranges ein, das altwienerisch gemütlich, nicht besonders geräumig, mäßig beleuchtet und zu dieser späten Stunde nur wenig besucht war.

Arthur Schnitzler, Traumnovelle, Kapitel IV.

Foto © E.A.Brokans 07. 2018


Das ist natürlich kein „Kaffeehaus niederer Ordnung“, sondern eines der bekanntesten „Boheminlokale“ in Wien. Zumindest war es das einmal. Um mich nicht der Schleichwerbungsabmahnungsidioterie äh -industrie auszusetzen, erwähne ich den Namen natürlich nicht. Aber bereits 1975 hat sich ein bekannter österreichischer Liedermacher über diese Lokalität gewundert, besang er doch einen gelegentlich dort anzutreffenden Menschen ohne Kleidung. Aber das ist ja auch schon lange her.

Jedenfalls führte dieser Song mit seinem eingängigen Refrain „Jö schau, so a Sau“ zu einem ersten Besuch dieser Lokalität. Anfang der 80er war das, und das Lokal brechend voll. Aber da die Frau Josefine, welche mit ihrem Mann Leopold das Lokal gründete und führte, die erstaunliche Fähigkeit hatte, 1000 Gäste auf nur 100 Stühle zu setzen, bekamen wir umgehend einen Platz. Der Kaffee war sehr gut, was er in Wien natürlich immer ist, ein „Nockerter“ allerdings war nicht zu sehen und die angeblich allgegenwärtige Prominenz und deren Adabeis erkannte ich nicht.

Vor kurzem ein erneuter Besuch, eher zufällig. Ich wollte, nach Belvedere und Albertina, unbedingt ein Stendhal-Syndrom vermeiden und etwas anderes sehen, als bekleckste Leinwand.
Der Kaffee war wieder exzellent, der Nockerte zeigte sich wiederum nicht und auch sonst war keine Sau niemand da. Immerhin ersparte mir diese, nur kurz dauernde Abwesenheit von Gästen, die Einholung der schriftlichen Einverständniserklärungen beim eventuell zufällig und unabsichtlich mit abgebildetem Beiwerke menschlicher Art.
Aber so ruhig ist es nicht immer. So zumindest erzählt man sich.