Zäzilie

Zäzilie soll die Fenster putzen,
sich selbst zum Gram, jedoch dem Haus zum Nutzen.

Durch meine Fenster muß man, spricht die Frau,
so durchsehn können, daß man nicht genau
erkennen kann, ob dieser Fenster Glas
Glas oder bloße Luft ist. Merk dir das.

Zäzilie ringt mit allen Menschen-Waffen …
Doch Ähnlichkeit mit Luft ist nicht zu schaffen.
Zuletzt ermannt sie sich mit einem Schrei –
und schlägt die Fenster allesamt entzwei!
Dann säubert sie die Rahmen von den Resten,
und ohne Zweifel ist es so am besten.
Sogar die Dame spricht, zunächst verdutzt:
So hat Zäzilie ja noch nie geputzt.

Doch alsobald ersieht man, was geschehn,
und spricht einstimmig: Diese Magd muß gehn.

Christian Morgenstern

Foto © E.A.Brokans

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Augenschein

Der Duden meint:

Augenschein: „das Anschauen, die unmittelbare Wahrnehmung durch das Auge“

Manches erschließt sich erst ganz, wenn man direkt davor steht und es mit seinen eigenen Augen sieht. Sofort fühlen sich auch alle anderen Sinne angesprochen, bei diesem Bild will ich unwillkürlich mit den Fingerspitzen die Oberfläche ertasten.

Allerdings ist dringend davon abzuraten. Es handelt sich schließlich nicht um einen profanen Rauhputz mit Farbbeimengung, sondern um einen echten Claude Monet mit dem Titel „Portal und Albanturm [der Kathedrale von Rouen – m. Erg.] in der Dämmerung, 1894″. Zu sehen noch bis zum 6. Januar 2019 in der Albertina, Wien.

Übrigens ist es nicht unbedingt eine Kleindetailaufnahme. Die Höhe des Bildausschnittes beträgt ungefähr ein ein gutes Viertel der Gesamthöhe von 106 cm. Der Meister hat schon sehr dick aufgetragen.

Bild von Claude Monet, abfotografiert von mir.

Inmitten der großen Stadt

Sieh, nun ist Nacht!
Der Großstadt lautes Reich
durchwandert ungehört
der dunkle Fluss.
Sein stilles Antlitz
weiß um tausend Sterne.

Und deine Seele , Menschenkind?…

Ward sie nicht Spiel und Spiegel
irrer Funken,
die gestern wurden,
morgen zu vergehn, –
verlorst
in deiner kleinen Lust und Pein
du nicht das Firmament,
darin du wohnst, –
hast du dich selber nicht
vergessen,
Mensch,
und weiß dein Antlitz noch
um Ewigkeit?

Christian Morgenstern

Foto von mir

Ängste und Nöte einer besorgten Sonnenblume von geringem Wert

Die Frisur sitzt nicht. Ich sehe aus wie ein explodierter Handfeger.
Aber egal.
Die Mutter aller Probleme ist dieser heiße Sommer. Eigentlich müßte ich diese Hitze ja gewohnt sein, wozu stammt man den aus Mittelamerika?. Vermutlich habe ich mich zu sehr integriert.

Immerhin wurden meine Vorfahren von den Inkas sogar als Abbilder ihres Gottes verehrt.
Aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter, hier bin ich auf den Gartenbesitzer angewiesen, den faulen Sack. Er hat mich beim gießen immer geflissentlich übersehen. Nur weil er mich nicht selbst gesät hat. Was kann ich dafür, wenn sich die Vögel um ihr Futter selber kümmern.

Apropos „Mutter aller Problem“. Irgend so ein VollHorstla aus dem Gerolfinger Eichenwald hält wohl die Migranten dafür. Hoffentlich braucht der nicht mal Pflege, denn dann kann er rufen bis er schwarz – ne, das issa ja schon – sagen wir besser braun – das will er wohl – wird. Da kommt nämlich dann keiner, wegen Mangel und Notstand und so. Wenn er dann noch die Migranten und Zuwanderer rauswirft kann er sich seinen Allerwertesten selber abwischen. Viel Spass dabei.

Nix für ungut, bin nur eine kleine unbedeutende Sonnenblume von geringem Wert.

Kleine Fluchten

Nein, das ist nicht Long John Silver, der ehemalige Schiffskoch der Hispaniola, welcher sich auf seine alten Tage als schmieriges Köchlein in einer drittklassigen Spelunke verdingen muss.

Und nein, es ist auch nicht Popeye der Seemann, den der Strukturwandel in der Seefahrt kalt erwischt hat. Jener musste seinen Platz an Bord an asiatische Billiglohnkräfte abgeben. Da half auch kein Spinat. Dauerfreundin Olivia ist schon lange mit Bonzo auf und davon. Mittlerweile betreibt er eine kleine Imbissbude, aber seine Spinatbürger verkaufen sich schlecht, es reicht nicht mal mehr für sein geliebtes Pfeifchen.

Repro von mir im Vorübergehen angefertigt (mit Erlaubnis).

Sondern es ist Paul Antoine Graff, Koch und Besitzer eines Hotels in Pourville am Ärmelkanal. Claude Monet wohnte 1882 während seines zweimonatigen Malaufenthalts bei ihm und seiner Frau, welche er ebenfalls porträtierte, was er eigentlich sehr selten tat. Bei Abreise schenkte er es Père Paul als Danke für seine Kochkünste.

Das Bild hängt in der Österreichischen Galerie Belvedere im Schloss Belvedere, Wien. Ich kannte es noch nicht und ging erst achtlos daran vorbei. Aber irgendwie hat es sich festgesetzt. nach ein paar Minuten kehrte ich um und sah es mir genauer an. Erst jetzt entdeckte ich, dass es Claude Monet gemalt hatte. Die comicartigen Züge des Bildes beflügelten meine Phantasie (s.o.).

Aber dazu sind Bilder ja auch da, als kleine Welten in die man entfliehen kann wenn es einem in der realen Welt zu bunt wird. Obwohl, momentan dominiert ja scheinbar nur eine Farbe.

 

Septemberregen

Tote Blumen

In des Hofes Sterbewinkel,
schräg vom Dachfirst überhangen,
liegt auf Scherben Schutt und Kehricht
– tief das Haupt in Staub gepreßt –
eine tote Sonnenblume.

Aus dem Dachrohr unermüdlich
rieselt der Septemberregen,
rinnt und rinnt, und kann doch nimmer
die Verwelkte neu beleben,
kann aus ihrem Strahlenkelch
nicht den Staub der Erde waschen.

Clara Müller-Jahnke

Foto © eab

Ein trauriges Gedicht. Eigentlich mag ich den Herbst sehr gerne, die Farben, das heimelige und so…,

Aber ob ich diesen „teutschen“ Herbst mag?

Hier in Bayern beginnt der Wahlk(r)ampf, die Aufmärsche im Osten und vielleicht auch bald andernorts, der Tonfall allüberall …

Mir graut.

Ich bin versucht, mich in mein Schneckenhaus zurückzuziehen, um nichts mehr zu hören und zu sehen. Nur noch lesen, kochen, den Garten versorgen, den Vögeln zugucken. Aber dann besteht die Gefahr, dass dieses (vermeintliche) Idyll von genagelten Stiefeln zertreten wird. Das würde mir auch nicht gefallen.

Also: Hintern hoch und raus.

Jeder tue, was er kann!