Ich hätt‘ schon Lust auf frisches Grün…

…vielleicht geht es dann auch hier weiter.
Bildschirmfoto 2019-02-02 um 08.56.20.png

Werbeanzeigen

Der Kanarienvogel

Im einzelstehenden Arbeiterhaus
Müssen die Mieter schleunig hinaus:
Es zeigen sich plötzlich Risse und Spalten,
Mörtel und Kalk wollen nicht mehr halten,
Ein leises Knistern geht unheimlich los,
Die Einsturzgefahr wird riesengroß.
Die Bewohner können nichts mehr retten,
Alles bleibt drinnen, Möbel und Betten;
Kaum raffen sie noch ihr bißchen Geld,
Eh das Gebäude zersplittert, zerschellt.

Was fällt denn der alten Näherin ein?
Sie läuft noch einmal ins Haus hinein,
Um ihren Kanarienvogel zu holen.
Zurück! Schon poltern Gebälk und Bohlen,
Es lösen sich Fugen, Klammern und Schluß,
Daß der Bau krachend zerstäuben muß.
Stehn geblieben ist nur eine Wand,
Von unten bis oben; die widerstand.
Im vierten Stock hängt an der Mauer
Ein Kanarienvogel in seinem Bauer
Und jubelt und schmettert und trillert und singt,
Daß es frohlockend zum Himmel klingt.[85]
Staub und Schuttwolke sind verflogen,
Die Frau ist aus den Trümmern gezogen,
Die treue Frau. Doch wie ein gefeiter
Singt oben und jubelt und tiriliert weiter
Der kleine Kanarienvogel.

Detlev von Liliencron: Gute Nacht. Berlin 1909

Foto von mannigfaltiges

Pausenzeichen

Ja doch, es gibt mich noch.

„Aber meine Lust zu bloggen hab‘ ich gehängt an die Wand
Hab‘ sie nicht umschlungen mit einem grünen Band –
Ich kann nicht mehr schreiben, mein Hirn ist zu leer.“

Es hat sich einiges verändert. Mal schaun ob’s hier noch mal etwas wird. Die Kurzform des Tweets liegt meiner momentanen Maulfaulheit irgendwie mehr. Und dann auch noch diese DSGVO.
Oh mei. Oh mei.

Bis irgendwann, vielleicht.

Hier natürlich nun das Original:

Pause

Meine Laute hab‘ ich gehängt an die Wand,
Hab‘ sie umschlungen mit einem grünen Band –
Ich kann nicht mehr singen, mein Herz ist zu voll,
Weiß nicht, wie ich’s in Reime zwingen soll.
Meiner Sehnsucht allerheißesten Schmerz
Durft‘ ich aushauchen in Liederscherz,
Und wie ich klagte so süß und fein,
Meint‘ ich doch, mein Leiden wär‘ nicht klein.
Ei, wie groß ist wohl meines Glückes Last,
Daß kein Klang auf Erden es in sich faßt?

Nun, liebe Laute, ruh‘ an dem Nagel hier!
Und weht ein Lüftchen über die Saiten dir,
Und streift eine Biene mit ihren Flügeln dich,
Da wird mir bange und es durchschauert mich.[13]
Warum ließ ich das Band auch hängen so lang‘?
Oft fliegt’s um die Saiten mit seufzendem Klang.
Ist es der Nachklang meiner Liebespein?
Soll es das Vorspiel neuer Lieder sein?

Wilhelm Müller

Und das Foto passt auch nicht zum Gedicht.
Na egal.

Bildschirmfoto 2018-04-29 um 08.28.24

Foto © e.a.brokans