Die Republik der Spinnen

Dem Spinnenvolke fiel es ein,
In Zukunft sicherer zu seyn,
Und nicht Jedwedem zu vergönnen,
In ihrem Schloß herum zu rennen,
Sie wohnten eben dazumal
In einem großen wüsten Saal,
Durch dessen offne Fensterbogen
Stets Mücke, Schwalb‘ und Sperling flogen.
Wir wollen (murreten die Spinnen)
Den Vortheil euch wohl abgewinnen;
Und zogen in die Läng‘ und Quer‘
Viel Fäden vor den Fenstern her.
Doch Schwalb‘ und Sperling kamen bald
Und fuhren dreist und mit Gewalt
Durch diese leichten Spinnenweben,
Und nur die Mücken blieben kleben.

Ganz so, wie diese Spinnennetze,
Sind oft im Staate die Gesetze.
Kein Mächt’ger wird darin gefangen,
Nur blos der Schwache bleibt d’rin hangen.

Justus Friedrich Wilhelm Zachariä (1726 – 1777)
Quelle: Anthologie aus den Gedichten von J. F. Wilh. Zachariä, Hildburghausen/ New York 1850–55, S. 80-81.
Gefunden: http://www.zeno.org/nid/20005927013 /Gemeinfrei

Bildschirmfoto 2019-10-15 um 10.06.03

Photographie © E.A.Brokans

Wiesenglück

Vor  meiner Haustüre habe ich eine Wiese. Nein, mir gehört sie nicht, ein Landwirt bewirtschaftet sie. Mitten im Wohngebiet. Ringsherum begehrte (und vergebene) Bauplätze. Er gibt sie nicht her, obwohl er Druck von der Stadt bekommt. Ihm und seinen Söhnen reicht das hart erarbeitete Vermögen. Früher, als er noch Kälberaufzucht betrieb, wurde sie regelmäßig gemäht. Jetzt findet die Mahd nur noch einmal im Sommer statt. Ansonsten verwildert die Wiese. Von unserem Seiteneingang sind es nur drei Meter bis zur Wildnis. Jeden Morgen gilt mein erster Blich aus dem Küchenfenster Wind, Wetter und Wiese. Es beruhigt ungemein. Es gibt immer was zu bestaunen, denn natürlich stellen sich Gäste ein.

Hase, Igel und eine vielfältige Vogelschar. Von den Insekten und anderen Kleinlebewesen ganz zu schweigen.Und natürlich Katzen, sie fühlen sich als Herrscher der Wiese. Allerdings gibt es zu viele von ihnen. Alles gut genährte Freigänger auf der sinnlosen Jagd nach Spielzug.

Im zeitigen Frühjahr, gleich nachdem das erste frische Grün sprießt, kommt Familie Has‘ (eigentlich sind es ja Einzelgänger) zum Sattwerden und wohl auch zum Liebesspiel.

Photo © E:A:Brokans

Die Katzen sind mit dem hohen Grass und er Blütenpracht gar nicht einverstanden. Sie verlieren den Überblick.

Photo © E.A.Brokans

Anfang Juli wird die Wiese gemäht und das Heu verkauft. Zeit für einen Neubeginn. Denkt sich wohl auch Familie Has‘ (das Bild ist vom ersten Sonntag im August)

Photo © E.A.Brokans

Hoffentlich bleibt diese Idylle den Tieren (und mir als stillen Beobachter) noch lange erhalten.

Inkognito

Der Distelfalter will dem Fotografen keine datenschutzrechtlichen Schwierigkeiten machen und versteckt sein Gesicht lieber hinter dem Lavendel.

Metamorphosen (Ausschnitt)

Sonst war meine Seele ein Schmetterling,
Ein leichter, feiner, blütenverliebter Schmetterling,
Der sich im Sonnenscheine von weichen Winden
Gerne tragen ließ, wie ein Blumenblatt;
Und er steckte sein Saugrüsselchen gerne in alle Süßigkeit,
Und er berauschte sich gerne am Tausendblumengeist,
Und im offenen, samenstaubduftigen Schoße üppiger,
Buttergelber Rosen schlief er gerne,
Der sorgenlose, leichtsinnige,
Frei schwebende Schmetterling meiner Seele.

Weißt du noch, meine Seele, wie du zum letztenmale
Schmetterling warst?

Otto Julius Bierbaum

Foto © E.A.Brokans

Ein neuer Gast

Manni der Falter hat einen neuen Freund. Der Schwalbenschwanz kam auf einen Abstecher vorbei um sich am Lavendel zu stärken. Er ist einer der größten Falter in der Gegend und fällt, neben den Farben natürlich, auch durch seinen hektischen Flug auf.
Machaon, wie er sich nannte, war unterwegs zu einem Date. Er sagte „Hilltoping“ dazu. Dieser Event findest nämlich meist auf Hügelkuppen statt. Die Altvorderen nannten es Gipfelbalz. Naja, in den Zeiten von Tinder etc. muss auch ein Schmetterling sprachlich mit der Zeit gehen. Sonst klappt das nicht mit dem Nachwuchs.

Foto © E.A.Brokans