Die Republik der Spinnen

Dem Spinnenvolke fiel es ein,
In Zukunft sicherer zu seyn,
Und nicht Jedwedem zu vergönnen,
In ihrem Schloß herum zu rennen,
Sie wohnten eben dazumal
In einem großen wüsten Saal,
Durch dessen offne Fensterbogen
Stets Mücke, Schwalb‘ und Sperling flogen.
Wir wollen (murreten die Spinnen)
Den Vortheil euch wohl abgewinnen;
Und zogen in die Läng‘ und Quer‘
Viel Fäden vor den Fenstern her.
Doch Schwalb‘ und Sperling kamen bald
Und fuhren dreist und mit Gewalt
Durch diese leichten Spinnenweben,
Und nur die Mücken blieben kleben.

Ganz so, wie diese Spinnennetze,
Sind oft im Staate die Gesetze.
Kein Mächt’ger wird darin gefangen,
Nur blos der Schwache bleibt d’rin hangen.

Justus Friedrich Wilhelm Zachariä (1726 – 1777)
Quelle: Anthologie aus den Gedichten von J. F. Wilh. Zachariä, Hildburghausen/ New York 1850–55, S. 80-81.
Gefunden: http://www.zeno.org/nid/20005927013 /Gemeinfrei

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Photographie © E.A.Brokans

Vom zerschellen…

Sprich nicht immer
Von dem laub ·
Windes raub ·
Vom zerschellen
Reifer quitten ·
Von den tritten
Der vernichter
Spät im jahr.
Von dem zittern
Der libellen
In gewittern
Und der lichter
Deren flimmer
Wandelbar.

Aus Stefan George: Die Bücher der Hirten- und Preisgedichte, der Sagen und Sänge und der hängenden Gärten. Gesamt-Ausgabe der Werke, Band 3, Berlin 1930, S. 110-111.
Quelle: http://www.zeno.org/nid/20004810422 / Gemeinfrei

Mein Quittenstrauch (wild/zier, was weiß ich) ist leider nur einen dreiviertel Meter hoch, außerdem hängen die Früchte dermaßen stabil an den Ästen, dass ich mit zerschellenden, reifen Früchten nicht dienen kann. Und wenn dann mach ich schmackhaftes Gelee daraus.

Muss eben etwas anderes herhalten. Mit viel Phantasie kann man auf dem Lichtbild durchaus etwas Zerschellendes erkennen.

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Bild © e.a.brokans

2 stolze Zauberschwäne

»Stolze Schwäne segeln dort
Auf den stillen Wogen,
Falken aus dem Felsenhort
Kreisen kühne Bogen.
Schauet die bunten Schaaren!
In die Welt laß ich sie fahren!«

Ausschnitt aus „Lyriker“ von Ludwig Eichrodt: Leben und Liebe, Frankfurt a.M. 1856, S. 160-161.
Quelle http://www.zeno.org/nid/20004742230 / Gemeinfrei

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Foto © E.A.Brokans

Sommertraumtrosteinsamkeit

Sommertag

Hellster, grellster Sommertag,
Sonnenglutdurchschwelte Luft,
Schwüler, schwerer Blumenduft,
Müd verhaltener Finkenschlag.

Satte Reife weit und breit,
Leis schon übergilbt der Wald;
Bunt in Herbst verraschelt bald
Sommertraumstrosteinsamkeit.

Otto Julius Bierbaum
aus Irrgarten der Liebe. Berlin/Leipzig 1901, S. 137-138.
Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004553357 / Gemeinfrei

 

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Lichtbild von E.A.Brokans

Restauration

nach Durchlesung eines Manuskripts mit Gedichten

Das süße Zeug ohne Saft und Kraft!
Es hat mir all mein Gedärm erschlafft.
Es roch, ich will des Henkers sein,
Wie lauter welke Rosen und Kamilleblümlein.
Mir ward ganz übel, mauserig, dumm,
Ich sah mich schnell nach was Tüchtigem um,
Lief in den Garten hinterm Haus,
Zog einen herzhaften Rettich aus,
Fraß ihn auch auf bis auf den Schwanz,
Da war ich wieder frisch und genesen ganz.

Eduard Mörike

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Photo © E.A.Brokans

Bitte Platz zu nehmen!

Der Ästhet

Wenn ich sitze, will ich nicht
sitzen, wie mein Sitz-Fleisch möchte,
sondern wie mein Sitz-Geist sich,
säße er, den Stuhl sich flöchte.

Der jedoch bedarf nicht viel,
schätzt am Stuhl allein den Stil,
überläßt den Zweck des Möbels
ohne Grimm der Gier des Pöbels.

Christian Morgenstern

Foto © E .A. Brokans