Europens Bücher

Korf ist fassungslos und er entflieht,
wenn er nur Europens Bücher sieht.

Er versteht es nicht, wie man
zentnerschwere Bände leiden kann.

Und ihm graut, wie man dadurch den Geist
gleichsam in ein Grab von Stoff verweist.

Doch der Europäer ruht erst dann,
wenn er ihn in Bretter „binden“ kann.

Christian Morgenstern

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Insektenleben

Im Zimmer

Freier Vögel seh‘ ich schweben
Einen leichten, lichten Zug.
Himmel! hätt‘ ich solchen Flug!
Hätt‘ ich solch ein Wanderleben!

Doch gebannt an eine Stätte
Bin ich, ach! nur ein Insekt,
Mit der Nadel festgesteckt
In ein Fach im Kabinette.

Justinus Kerner

Erneuerung

Die Mutter plagte ein Gedanke.
Sie kramt im alten Kleiderschranke,
Wo kurz und lang, obschon gedrängt,
Doch friedlich beieinander hängt.
Auf einmal ruft sie: Ei, sieh da,
Der Schwalbenschwanz, da ist er ja!
Den blauen, längst nicht mehr benützten,
Den hinten zwiefach zugespitzten,
Mit blanken Knöpfen schön geschmückt,
Der einst so manches Herz berückt,
Ihn trägt sie klug und überlegt
Dahin, wo sie zu schneidern pflegt
Und trennt und wendet, näht und mißt,
Bis daß das Werk vollendet ist.
Auf die Art aus des Vaters Fracke
Kriegt Fritzchen eine neue Jacke.
Grad so behilft sich der Poet.
Du liebe Zeit, was soll er machen?
Gebraucht sind die Gedankensachen
Schon alle, seit die Welt besteht.

Wilhelm Busch

oder:

A new year —
the same nonsense
piled on nonsense

Kobayashi Issa

Foto & Montage © E.A.Brokans

Etwas Punsch gefällig?

Falls jemand eine Rezept benötigt:

Punschlied

Vier Elemente,
Innig gesellt,
Bilden das Leben,
Bauen die Welt.

Preßt der Zitrone
Saftigen Stern,
Herb ist des Lebens
Innerster Kern.

Jetzt mit des Zuckers
Linderndem Saft
Zähmet die herbe
Brennende Kraft,

Gießet des Wassers
Sprudelnden Schwall,
Wasser umfänget
Ruhig das All.

Tropfen des Geistes
Gießet hinein,
Leben dem Leben
Gibt er allein.

Eh es verdüftet,
Schöpfet es schnell,
Nur wenn er glühet,
Labet der Quell.

Friedrich Schiller

Auf Euer Wohl!

Foto © e.a.brokans

Reif

Auf schwarzen Auen
Kalte grünblanke Mondrosen.
Scharf kristallene Sternblüten,
Und senken weißen klingenden Samen
In die weißen singenden Winde.

Streng keimen marmorkühle Myrthen,
Edelweiß aus wehem klagenden Alabaster,
Singen mit den weißen Winden:

: Eine eisblasse Mondwelle schläft
Bei den mattgrauen Wellen der Sonne …

Max Dauthendey

Foto © e.a.brokans

In der Zelle

Scheu glitt ein Tag vorbei – wie gestern heut.
Ein leerer rascher Tropfen sank ins Jahr.
Und wenn sich aus der Nacht geballtem Nichts
der letzte Schatten in den Morgen streut –
du freust dich kaum am kalten Kuß des Lichts.
Und morgen wird es sein, wie’s heut und gestern war.

Gefängnis: Leben ohne Gegenwart,
ganz ausgefüllt von der Vergangenheit
und von der Hoffnung ihrer Wiederkehr.
Du fragst nicht, ob du weich ruhst oder hart,
ob deine Schüssel voll ist oder leer.
Betrogen um den Augenblick verrinnt die Zeit.

Du wirst nicht älter und du bleibst nicht jung.
Gewöhnung weckt dich, bettet dich zur Ruh.
Dein Fragewort heißt niemals: Wie? – Nur: Wann?
Doch Wann ist Zukunft, Wann ist Forderung.
Weh dir, wenn dich Gewöhnung töten kann.
Verlern das Warten nicht. Bleib immer Du! Bleib Du!

Erich Mühsam

Foto © e.a.brokans

Erich Kurt Mühsam: Geboren am 6. April 1878 zu Berlin. Dichter, Publizist, Anarchist und einer der führenden Köpfe der kurzlebigen Münchner Räterepublik. Nach deren Scheitern bekam er 15 Jahre Festungshaft und wurde erst 1924, nach 5 Jahren, endlich amnestiert.
Bereits kurz nach der Machtergreifung nahmen ihn die Nazis in „Schutzhaft“. Am 10. Juli 1934 wurde er im KZ Oranienburg durch die SS–Wachmannschaft vergiftet und erhängt. Nach 14 Monaten Haft und Folter sollte es wie Selbstmord aussehen!
….
Okay, ich habe den kurzen biographischen Anhang schon eine paarmal gebloggt.
Aber:
1. Man kann nicht oft genug daran erinnern.
2. Es sind auch jetzt wieder (oder wann eigentlich nicht?) viele aus dubiosen Gründen in Haft, ich sag nur #freedeniz.
3. Im Hinblick auf den nächsten Sonntag: Wehret den Anfängen!

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Weidentrauer

Die hohle Weide

Der Morgentau verstreut im Thale
Sein blitzendes Geschmeide;
Da richtet sich im ersten Strahle
Empor am Bach die Weide.

Im Nachttau ließ sie niederhangen
Ihr grünendes Gefieder
Und hebt mit Hoffnung und Verlangen
Es nun im Frührot wieder.

Die Weide hat seit alten Tagen
So manchem Sturm getrutzet,
Ist immer wieder ausgeschlagen,
So oft man sie gestutzet.

Es hat sich in getrennte Glieder
Ihr hohler Stamm zerklüftet,
Und jedes Stämmchen hat sich wieder
Mit eigner Bork‘ umrüftet.

Sie weichen auseinander immer,
Und wer sie sieht, der schwöret,
Es haben diese Stämme nimmer
Zu einem Stamm gehöret.

Doch wie die Lüfte drüber rauschen,
So neigen mit Geflüster
Die Zweig‘ einander zu, und tauschen
Noch Grüße wie Geschwister;

Und wölben überm hohlen Kerne
Wohl gegen Sturmes Wüten
Ein Obdach, unter welchem gerne
Des Liedes Tauben brüten.

Soll ich, o Weide, dich beklagen,
Daß du den Kern vermissest,
Da jeden Frühling auszuschlagen
Du dennoch nie vergissest?

Du gleichest meinem Vaterlande,
Dem tief in sich gespaltnen,
Von einem tiefern Lebensbande
Zusammen doch gehaltnen.

Friedrich Rückert

Juni 2017 – Foto © e.a.brokans


Auch bei dieser Weide ist „Ihr hohler Stamm zerklüftet“ und das wurde ihr zum Verhängnis. Irgendwelche Volltrottel, noch hohler in der Birne als der Stamm, legten im Innern ein Feuer, durch die Kaminwirkung brannte es sofort lichterloh. Die schnell anrückende Feuerwehr löschte, aber es half nicht mehr. Kein einziger Ast blieb übrig. Das war wohl der Todesstoß für diesen Weidenbaum.

Dezember 2015 – Foto © e.a.brokans


Mehr als 400 Jahre steht die Weide am Rande des Teiches. Esoteriker nennen es einen „Magischen Ort“. In nebligen Nächten kann sogar ich es nachvollziehen, manchmal schaudert es mich.

Zwei Straßen führten nah vorbei. Zigtausendmal bin ich vorübergefahren. Jedesmal ging der Blick hinüber, manchmal verweilte ich. Teich und Weide sind ein beliebter Treffpunkt, eine Bank und ein kleiner Steg laden zum innehalten ein. Im kleinen Teich ziehen Enten und Blesshühner ihren Nachwuchs groß, man kann ihnen dabei zusehen.

Foto © e.a.brokans


Der traurige Rest der Weide bleibt stehen, vielleicht hat sie noch eine Chance.