Apokalypse

Ein Feuer seh ich lohen
Fern übers finstere Land,
Ich sehe den Schatten drohen
Einer ungeheuren Hand.

Das Feuer schlägt aus Schloten,
Rauchwolken wirbelnd, empor,
Es flattern die Flammen, die roten,
Wie Banner mit pechschwarzem Flor.

Die Schattenfaust ungeheuer
Ergreift die scharlachne Trophä‘,
Auf stürzender Städte Gemäuer
Den Fackelbrand schleudert sie jäh.

Es wütet die brodelnde Erde
In grauenerregender Brunst,
Und es wiehern die höllischen Pferde
Wild durch den blutdampfenden Dunst.

Karl Henckell

Quelle: Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 2: Buch des Kampfes, München 1921, S. 237-238.
Permalink: http://www.zeno.org/nid/20005037158
Lizenz: Gemeinfrei

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Bild © E. A. Brokans

Der Blick

Mir gegenüber,
dicht unterm Dach,
sitzt ein Weib
am geduckten Fenster
und näht.

Früh
in das steigende Licht,
spät
in die fallende Nacht.

Manchmal
blickt es vom Schoße auf
und verloren hinaus
auf die Dächer –
die Wolken –
die Ewigkeit.

Ich kann
sein Auge nicht sehn,
aber ich fühle den Blick –
ich blicke ihn mit,
den zehrenden Blick
auf die Dächer –
die Wolken –
die Ewigkeit …

Christian Morgenstern
Quelle: Christian Morgenstern: Sämtliche Dichtungen. 
Abteilung 1, Band 7, Basel 1971–1973, S. 10-11.
Permalink: http://www.zeno.org/nid/20005389534
Lizenz: Gemeinfrei

 

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Bild © E. A. Brokans 

Die Republik der Spinnen

Dem Spinnenvolke fiel es ein,
In Zukunft sicherer zu seyn,
Und nicht Jedwedem zu vergönnen,
In ihrem Schloß herum zu rennen,
Sie wohnten eben dazumal
In einem großen wüsten Saal,
Durch dessen offne Fensterbogen
Stets Mücke, Schwalb‘ und Sperling flogen.
Wir wollen (murreten die Spinnen)
Den Vortheil euch wohl abgewinnen;
Und zogen in die Läng‘ und Quer‘
Viel Fäden vor den Fenstern her.
Doch Schwalb‘ und Sperling kamen bald
Und fuhren dreist und mit Gewalt
Durch diese leichten Spinnenweben,
Und nur die Mücken blieben kleben.

Ganz so, wie diese Spinnennetze,
Sind oft im Staate die Gesetze.
Kein Mächt’ger wird darin gefangen,
Nur blos der Schwache bleibt d’rin hangen.

Justus Friedrich Wilhelm Zachariä (1726 – 1777)
Quelle: Anthologie aus den Gedichten von J. F. Wilh. Zachariä, Hildburghausen/ New York 1850–55, S. 80-81.
Gefunden: http://www.zeno.org/nid/20005927013 /Gemeinfrei

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Photographie © E.A.Brokans

Vom zerschellen…

Sprich nicht immer
Von dem laub ·
Windes raub ·
Vom zerschellen
Reifer quitten ·
Von den tritten
Der vernichter
Spät im jahr.
Von dem zittern
Der libellen
In gewittern
Und der lichter
Deren flimmer
Wandelbar.

Aus Stefan George: Die Bücher der Hirten- und Preisgedichte, der Sagen und Sänge und der hängenden Gärten. Gesamt-Ausgabe der Werke, Band 3, Berlin 1930, S. 110-111.
Quelle: http://www.zeno.org/nid/20004810422 / Gemeinfrei

Mein Quittenstrauch (wild/zier, was weiß ich) ist leider nur einen dreiviertel Meter hoch, außerdem hängen die Früchte dermaßen stabil an den Ästen, dass ich mit zerschellenden, reifen Früchten nicht dienen kann. Und wenn dann mach ich schmackhaftes Gelee daraus.

Muss eben etwas anderes herhalten. Mit viel Phantasie kann man auf dem Lichtbild durchaus etwas Zerschellendes erkennen.

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Bild © e.a.brokans

2 stolze Zauberschwäne

»Stolze Schwäne segeln dort
Auf den stillen Wogen,
Falken aus dem Felsenhort
Kreisen kühne Bogen.
Schauet die bunten Schaaren!
In die Welt laß ich sie fahren!«

Ausschnitt aus „Lyriker“ von Ludwig Eichrodt: Leben und Liebe, Frankfurt a.M. 1856, S. 160-161.
Quelle http://www.zeno.org/nid/20004742230 / Gemeinfrei

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Foto © E.A.Brokans

Sommertraumtrosteinsamkeit

Sommertag

Hellster, grellster Sommertag,
Sonnenglutdurchschwelte Luft,
Schwüler, schwerer Blumenduft,
Müd verhaltener Finkenschlag.

Satte Reife weit und breit,
Leis schon übergilbt der Wald;
Bunt in Herbst verraschelt bald
Sommertraumstrosteinsamkeit.

Otto Julius Bierbaum
aus Irrgarten der Liebe. Berlin/Leipzig 1901, S. 137-138.
Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004553357 / Gemeinfrei

 

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Lichtbild von E.A.Brokans

Restauration

nach Durchlesung eines Manuskripts mit Gedichten

Das süße Zeug ohne Saft und Kraft!
Es hat mir all mein Gedärm erschlafft.
Es roch, ich will des Henkers sein,
Wie lauter welke Rosen und Kamilleblümlein.
Mir ward ganz übel, mauserig, dumm,
Ich sah mich schnell nach was Tüchtigem um,
Lief in den Garten hinterm Haus,
Zog einen herzhaften Rettich aus,
Fraß ihn auch auf bis auf den Schwanz,
Da war ich wieder frisch und genesen ganz.

Eduard Mörike

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Photo © E.A.Brokans