Noch mal Glück gehabt.

Wie mir Manni (der Falter – ihr kennt ihn) soeben atemlos und mit zitternden Fühlern berichtete, wurde er von einem fliegendem Mitglied der Panzerknackerbande (aka Raubwürger) als mögliches Opfer beobachtet und taxiert, durfte dann aber wider erwarten unbehelligt weiter flattern. Der Schreck saß ihm noch gehörig in den Flügeln.

Denn:

Ein Schmetterling zu sein, egal in welchem Stadium, sei es als Raupe, Puppe, Falter, bedeutet, jede Sekunde mit dem Tod zu rechnen. Ein Insekt rechnet naturgemäß nicht, aber damit rechnet es doch.

(Das Zitat stammt aus dem wunderbaren Büchlein „Schmetterlinge“ von Andrea Grill  erschienen in der Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz; Berlin)

Photo © e.a.brokans

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Wiedergelesen: Train Dreams von Denis Johnson

Der gottesfürchtige Holzfäller und Gelegenheitsarbeiter Robert Grainier lebt im waldreichen Nordwesten der Vereinigten Staaten. Er kennt weder seine Eltern noch den Ort seiner Geburt.

„Er wusste sein Lebtag nur so viel, dass er irgendwann im Jahre 1886 entweder in Utah oder in Kanada geboren worden und mit einem Zug der 1892 fertig gestellten Great Northern Railroad zu seiner neuen Familie gekommen war“

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Spät heiratet er, mit Frau und Tochter zieht er in eine einsamen Waldhütte, allerdings ist er meist unterwegs um Geld zu verdienen. Während einer dieser Abwesenheiten kommt seine Frau in einem verheerenden Waldbrand um. Die Tochter, noch ein Säugling, wird seitdem vermißt.

Er schlägt sich weiterhin mehr schlecht als recht durchs Leben, verliert den Glauben an Gott, baut irgendwann die Waldhütte wieder neu auf und lebte als Teilzeiteremit in den „Wäldern die sein Leben ausfüllten“.

Einmal glaubt er seine verschollene Tochter in einem „Wolfsmädchen“ – einem Wesen halb Mensch, halb Wolf – wiederzuerkennen. Aber sie entschwindet erneut.

So lebt er sein mühseliges Leben bis ins 80ste Lebensjahr. Einmal ist er geflogen, nur einen kurzen Rundflug. Einmal überkam ihn die schiere Wollust, er überwand sie. Aber das Meer, obwohl eigentlich sehr nahe, hat er nie gesehen.

„Seine Lebensgeschichte […] endete damit, dass er vor einem Eisenbahnzug herumstand, in dem Elvis Presley saß.“

Immer präsent, wenn auch verhalten, sind in dieser Novelle die Eisenbahn und die Züge. Ihre Pfiffe durchdringen einsame Nächte, fordern Opfer, rollen durch unruhige Träume oder sind ganz profane Transportmittel.

Denis Johnson beschreibt dieses Lebens in seiner Kult-Novelle Train Dreams, erschienen 2004 bei Rowohlt und beim marebuchverlag. Es ist ein hartes Buch. In einer lakonischen, wuchtigen Sprache erzählt Johnson die Sorgen und Nöte und die Brutalität des Lebens der armen Teufel am Rande der Gesellschaft. Es ist schnell gelesen, es hat nur 112 Seiten, aber es bleibt viel länger im Gedächtnis.

Eine richtige Besprechung ist u.a. hier zu finden.

Eine kleine Dreingabe:

Anfang des 20. Jahrhunderts war die Eisenbahn das  einzigen zuverlässigen Transportmittel in den Weiten des nordamerikanischen Kontinents. Privatwirtschaftlich organisiert, wurde mit sehr harten Bandagen um Fracht und Passagiere gekämpft. Man war nicht zimperlich. Um die Native Americans scherte man sich keinen Deut. Erst als mit der Einrichtung der Nationalparks auch um zahlungskräftige Touristen gebuhlt wurde, erinnerte man sich ihrer, wenn auch nur zu Werbezwecken. Reklame wurde in den Staaten ja schon immer groß (im wahrsten Sinne des Wortes – man denke nur an die riesigen Billboards) geschrieben. Namhafte Künstler wurden beauftragt, Plakate und andere Werbemittel zu gestalten.

Einer dieser Künstler war der Deutsche Winold Reiss. 1886 in Karlsruhe geboren, war er zeitlebens von den amerikanischen Ureinwohner fasziniert. 1913, nach einem Kunststudium in München, emigrierte er in die Vereinigten Staaten. Als Kunstgewerbler und Innenarchitekt machte er sich bald einen Namen. Mit seiner Malerei hatte er anfänglich weniger Erfolg. Er porträtierte Schwarze und Mexikaner, diese Bilder wollte allerdings niemand sehen, geschweige den kaufen. Um Geld zu verdienen, nahm er auch andere, lukrativere Aufträge an. So wurde er schließlich auch als Porträtmaler ziemlich bekannt und erfolgreich.

Library of Congress;  http://loc.gov/pictures/resource/cph.3g05687/

Bildquelle: Library of Congress; http://loc.gov/pictures/resource/cph.3g05687/

 1919 fuhr er zum erstmals nach Montana zum Stamme der Blackfeet im Glacier-Nationalpark, natürlich mit der Great Northern Railway. In den folgenden Jahren kehrte er immer wieder dorthin zurück, er war fasziniert der vorgefundenen Kultur.

„Nie habe ich Menschen getroffen mit so wunderbarem Feingefühl und Takt. Man darf die Indianer nicht von unserem Standpunkt aus beurteilen – man muß versuchen, sie von ihrem Standpunkt zu sehen. Sie sind alle künstlerisch hochveranlagte Menschen, die Männer wie auch die Frauen. Wir können es an ihren Kostümen, Gebräuchen, Tänzen, Geräten und vor allem an ihrer poetischen Sprache beobachten. […] Ich liebe das rote Volk und bin froh, es darstellen zu dürfen.
(Quelle: Stadtwiki Karlsruhe)

Der Präsident der Great Northern Railway, Louis Hill, kaufte alle verfügbaren Indianerportäts von Reiss und verwandte sie u.a. in den damals sehr beliebten Kalendern, ähnlich den heute ach so begehrten Pirelli – Kalendern. Reiss wurde fast so etwas wie der Hauskünstler dieser Eisenbahngesellschaft.

1953 stirbt Winold Reiss. Die Blackfeet verstreuten seine Asche über ihr Heiliges Territorium.

Repro: e.a.brokans

Repro: e.a.brokans

Das abgebildete Blechreklameschild zeigt den Blackfeet – Medizinmann Lazy Boy, gemalt von Winold Reiss in den 1930er Jahren. Ich weiß nicht, ob dieses  ein Originalschild der Great Northern aus den 1940ern Jahren ist. Aber immerhin hängt es schon seit einem Vierteljahrhundert bei mir an der Wand. Also durchaus irgendwie antik.

 

Manni, Frau Dr. Grill, Nabokov und so…

Schöne Grüße von Manni (dem Falter) soll ich ausrichten. Er ist momentan etwas unpäßlich. Er steckt in einem Schaukasten fest. Das mit dem feststecken könnt Ihr wörtlich nehmen, denn jemand hat ihm eine Nadel durch die Brust gejagt und ihn damit festgepinnt. Aber es war eh ist nur noch seine äußere Hülle. Seine Seele ist schon längst weitergewandert. Das hier ist sein neues Outfit:

Photo © e.a.brokans

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Er ist jetzt ein Spanner und muss meist nachts arbeiten. Nein, nicht was Ihr schon wieder denkt. Der Name kommt von der etwas merkwürdigen Fortbewegungsart im Raupenstadium. Die Spannerraupe hat nur vorne und hinten jeweils ein paar Beine. Dadurch muss sie sich dauernd krümmen und strecken (spannen eben) um vom Fleck zu kommen. Ihr kennt das ja vom Job.

Wer mehr über Manni und seine Artgenossen wissen will, sollte unbedingt das kleine Büchlein „Schmetterlinge“ von Andrea Grill (erschienen bei Matthes & Seitz) lesen. Die Autorin, promovierte Biologin und Schriftstellerin, weiß wovon sie schreibt. In ihrer Doktorarbeit ging es um die Evolution endemischer Schmetterlinge in Sardinien. Aber sie doziert hier nicht, sondern schildert in sehr persönlich gefärbten Texten die Faszination der Schmetterlinge. Auch wenn sie selbst nicht unbedingt auf Anhieb dieser Faszination erlegen ist.

Aber  nicht nur Schmetterlinge werden beschrieben, auch die Liebhaber und Erforscher der Falter werden gewürdigt. Von Aristoteles (Psyche war übrigens das altgriechische Wort für Schmetterling) über Maria Sybilla Merian (von der hier schon mal was zu lesen war) und Darwin, spannt sich der Bogen bis hin zu einem der größten Amateur-Schmetterlingsforscher  namens Vladimir Nabokov.

Kann ein Schmetterling denken und fühlen? Kann er Träumen, und wenn ja, was? Empfindet er Schmerzen? All diese Fragen, deren letztendliche Klärung wohl noch aussteht, werden kurz aber  erhellend behandelt.
Neben etlichen, im Buch verstreuten Zeichnungen, werden auch noch 21 ausgewählte Schmetterlingsarten ausführlicher mit Text und Zeichnung porträtiert.

Eine kleine Dreingabe:

Diese schnelle, aber wie ich finde wunderbare, Skizze stammt von Albert Bierstadt (1830 – 1902). Eigentlich ein romantisierender Landschaftsmaler im Amerika des 19. Jahrhunderts. Im Alter sehr vereinsamt und bankrott, schuf er mehrere dieser zauberhaften kleinen Werke.

Quelle: http://www.zeno.org/nid/20003890791 gemeinfrei

Quelle:  http://www.zeno.org/nid/20003890791   gemeinfrei

Und wer mehr über Nabokov, seine literarischen Werke und seine Liebe zu Schmetterlingen erfahren will, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen: Lila Azam Zanganeh, Der Zauberer – Nabokov und das Glück, Büchergilde Gutenberg 2015.

Und noch eine kleine Anmerkung: ich hab mir alle diese Bücher selbst gekauft, und bekomme auch nichts für deren Erwähnung.

Wir schwiegen nebeneinanderher

Wir schwiegen nebeneinanderher, –
um uns erstarb die graue Nacht,
der Nächte eine – bleich und schwer,
die ich so oft mit dir durchwacht.
Mein Sinnen hing an deiner Qual. –
Du fühltest, wie ich um dich litt.
Lau ging ein Wind, und öd und fahl
klang unser leidgedämpfter Schritt.
Ich fühlte eine Angst in dir; –
du danktest meinem stillen Trost.
Wir sahen nichts. Doch wußten wir
das Schicksal nah, das um uns lost.
Vom Himmel hing es dumpf und schwer.
Im Morgendämmern ahnte ich dich.
Wir schwiegen nebeneinanderher, –
und unsre Seelen küßten sich.

Erich Mühsam

Photo © e.a.brokans

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Eigentlich wollte ich dieses wunderschöne, mitfühlende Gedicht einfach so stehen lassen. Aber in meiner heute begonnen Lektüre fand ich folgenden Charakterisierung Mühsams:

Erich Mühsam, der Edelanarchist, dessen Stern im Berliner Café des Westens aufging und in München lange sanften literarischen Glanz ausstrahlte (trotz aller edelanarchistischer Lichter), eher er sich mit wirklich blutiger politischer Röte erfüllte, Mühsam, der von Natur immer ein liebevolles, hilfreiches, unkriegerisches Geschöpf war und über dessen revolutionäres Heldentum man auch heute gern lächeln würde, wenn es nicht doch auch verwirrend und gefährdend wirkte…

So Victor Klemperer in einem Artikel über die Münchner Räterepublik vom Februar 1919. Unter dem Pseudonym „A.B.-Mitarbeiter“ (= Antibavaricus) war er als Korrespondent für die „Leipziger Neuesten Nachrichten“ tätig.
Enthalten sind diese Berichte und die 1942 entstanden Ergänzungen in dem Buch:

Victor Klemperer
Man möchte immer weinen und lachen in einem
Revolutionstagebuch 1919
Aufbau-Verlag bzw. Büchergilde Gutenberg.

Eine faszinierenden, sehr persönlich gefärbte Lektüre. Unbedingt empfehlenswert. Gerade auch in der Jetztzeit. Schildert sie doch sehr eindrücklich, wie schnell Wortgefechte zu tatsächlichen Gewaltausbrüchen führen können.

—-

Nachtrag: In den Kommentaren findet ihr ein vertontes Gedicht von Mühsam. Vielen Dank an Gerhard vom Kulturforum.

Ey, voll die Seuche

Endlich hatte Deutschland einen Platz an der Sonne ergattert. Nach dem gewonnenen Krieg von 1870/71 prosperierte die Wirtschaft. Unter der Führung Preussens zeigte man der Welt, wozu man fähig war . Das als Schandmal gedachte „Made in Germany“ wurde zum Gütesiegel. Wissenschaft und Forschung kletterten auf Weltniveau. Die Kunst zog gleich, auch wenn Willi der zwote darauf pfiff.

Und man hatte, wie es sich für eine Weltmacht mit Anspruch auf „Weltgeltung“ gehörte, Kolonien, zumindest ab 1884. Zu diesem Zeitpunkt waren die Sahnestücke zwar schon verteilt, aber was für Deutschland übrig blieb, versuchte man eben umso gnadenloser auszubeuten. Wirtschaftlich rentieren sollte sich das eh nie so recht.

Aber einen positiven Effekt hatte die ganze Sache. Um die Arbeitsfähigkeit der indigenen Bevölkerung zu erhalten, wurden Mediziner und Wissenschaftler ausgeschickt, diese sollten die in den Kolonien grassierenden Krankheiten und Seuchen erforschen und für Abhilfe zu sorgen. Denn durch mangelhafte Hygiene entstandene Infektionskrankheiten und die dadurch bedingte hohe Sterblichkeit waren beim Ausbeuten der Resource „Mensch“ einfach unwirtschaftlich und dem Profite abträglich.

Diese lebensgefährlichen Expeditionen, deren Teilnehmer oft nur wie durch ein Wunder überlebten, revolutionierten die gesamte Seuchenmedizin und Mikrobiologie. Allerdings bezahlten etliche auch mit ihrem Leben oder wurden selbst unheilbar krank.
Als größte Koryphäe auf diesem Fachgebiet muss man wohl den Bakteriologen Robert Koch bezeichnen. Seine Forschungsreisen zählten zusammen immerhin 8 Jahre. Nicht umsonst ist das Robert-Koch-Institut nach ihm benannt.

Natürlich gab es neben Koch noch viele andere Forscher und Ärzte die es in die Tropen zog. Sie und ihre Entdeckungsreisen werden in dem vorzüglichen Buch von Johannes W. Grünzug und Heinz Mehlhorn – „Expedition ins Reich der Seuchen“ – sehr ausführlich und profund beschrieben. Beide absolute Fachmänner auf diesem Gebiet, schaffen sie es locker, die etwas unangenehme Thematik in all ihren Aspekten zu beleuchten. Wobei nicht verschwiegen wird, dass die damaligen Wissenschaftler oft äußerst überheblich mit der einheimischen Bevölkerung umsprangen, auch zweifelhafte Experiment am Menschen waren nicht selten.

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Scan v. meinem Buch

In 18 Kapiteln, mit historischen Aufnahmen, Postkarten und Originalzitaten reich ergänzt, werden viele der auch heute immer noch nicht ausgerotteten Krankheiten, ihre Entdecker und deren Forschungsreisen beschrieben. Ein kurzer Steckbrief der jeweiligen Seuche ergänzt das betreffende Kapitel. Mit vielen Hinweisen auf weiterführende Literatur, einem umfangreichen Namens- und Sachregister ist dieses Buch für jeden an der Materie interessierten, sei es Historiker, Mediziner oder Biologen einen wahre Fundgrube. Aber auch der Laie kann unschwer seinen Nutzen daraus ziehen. Wobei sich die Autoren nicht nur auf die medizinischen Aspekte beschränken, sonder auch auf die Zeitläufte und politischen Umstände eingehen.

Fazit: Sehr empfehlenswert für den an der Materie interessierten, leider nur noch antiquarisch erhältlich.

ABER:
Da sich meine berufliche und auch sonstige Interessenlage etwas verschoben hat und ich auch meine Bibliothek rigoros verkleinere, lasse ich dieses Buch frei. Wer es haben möchte, möge es mir per E-mail (im Impressum) oder über twitter, evtl. auch in den Kommentaren kurz mitteilen. Sollten mehrere daran interessiert sein, entscheidet das Los. Die Verlosung endet am 31.12. um Mitternacht. (Natürlich kein Rechtsweg oder so). Erst dann brauche ich eine Kontaktadresse. Es entstehen absolut keine Kosten, weder für Buch noch für Postversand (leider nur innerhalb Deutschlands). Aber bitte nicht in der Bucht verticken.

Johannes W. Grüntzig, Heinz Mehlhorn:
Expeditionen ins Reich der Seuchen.
Medizinische Himmelfahrtskommandos der deutschen Kaiser- und Kolonialzeit.
Elsevier GmbH, Spektrum Akademischer Verlag,
Heidelberg, 2005,
380 Seiten, 176 schwarz-weiße und 126 farbige Abbildungen.

Ach ja, noch was: Die Idee für dieses Geschreibsel und dass dafür notwendige hervorkramen des Buches aus den Tiefen meiner Regale verdanke ich P. Wiemann und ihren famosen Blog Elementares Lesen.

Nennt mich Manni.

Ich bin ein Falter. Dieser Name erklärt sich wohl von selbst. Flügel auf, Flügel zu – falten halt. Alles klar. Aber warum Schmetterling? Oder haben Sie schon mal einen Falter eine Arie schmettern hören? Von einem Schmetterball ganz zu schweigen.

Fragen Sie doch doch mal Ihre Vorfahren, die mit dem ostmitteldeutschen Idiom, die werden Ihnen sagen was Schmetten bedeutet. Nämlich Schmand oder Sauerrahm oder so’n Zeugs. Und früher, also ganz früher, hielt man Raupen und ähnliches Gewürm für Teufelsbrut, entstanden aus Schlamm und den Ausscheidungen anderer Tiere. Dieser Meinung war auch Aristoteles, aber der hielt auch die Sklaverei für naturgegeben. Barbarenstämme – damit waren wohl die Nordeuropäer gemeint – waren weniger vernunftbegabt als die Griechen und konnten diesen somit nur als Sklaven dienen. Tja, wie schon der große Philosoph B. Dylan meinte: Die Zeiten, die tun sich ändern.  Aber das nur am Rande.

Zurück zur Teufelsbrut: Also damals glaubte man, dass sich Hexen in Schmetterlinge verwandelt könnten, nur um den Menschlingen die gute Butter oder den Rahm zu verderben. Die Angelsachsen waren auch nicht besser, sie nannten uns Butterfliegen, wohl aus dem selben Grund.

Aber dann kam Frau Maria Sybilla Merian, geboren 1647 zu Frankfurt am Main.

Jede freie Minute erforschte sie unser Leben, sammelte und fütterte Raupen, beobachtete was sich tat. Dabei dokumentierte sie zeichnerisch alle Stadien der Entwicklung von der Raupe zu den „Mandelkernen“, wie sie die Kokons nannte, bis hin zu den „Sommervögelchen“, wie sie uns sehr charmant bezeichnete. Die Kollegen von der Nachtschicht wurden „Mottenvögelein“  oder „Eulenfalter“ getauft.

Da gewinnbringendes Malen – so mit oder in Öl – denn  Männern vorbehalten war, arbeitete sie vorwiegend mit Zeichnungen, Aquarellen und stach in Kupfer. Aus diesen zauberhaften Blättern, welche meist sämtliche Stadien des Schmetterlingsleben zusammen mit deren bevorzugter Futterpflanze zeigten,  entstanden dann ihre wunderbare Bücher. Sie war eine Pionierin auf dem Gebiet der Erforschung und künstlerischen Darstellung von Blumen und niederen Tieren. Sie reiste bis nach Surinam in Westindien, nur um dort Flora und Fauna zu beobachten und zu zeichnen. Und das alles als allein erziehende Mutter, von ihrem Mann hatte sie sich getrennt.

Ansonsten lebte sie sie nur von und für ihre Kunst. Obwohl zu ihrer Zeit schon berühmt und geschätzt, wurde sie 1713 in Amsterdam als „unvermögend“ in einem Armengrab beigesetzt. Am Tag ihres Todes erhielt sie endlich noch einen erkleckliche Geldbetrag des Zaren. Aber den konnte sie nicht mehr mitnehmen.

Tja, das war es dann wohl für heute, ich gauckle mal rüber zu Herrn Nabokov, mal sehen was der so treibt. Aber Vorsicht ist geboten, er hat dieses äußerst unangenehme und  gefährliche Sammelleidenschaft. Da endet man aufgespießt in irgendwelchen Schaukästen. Also hoffentlich bis demnächst in alter Frische.

Bleiben sie flatterhaft und vielfältig
Ihr Manni Falter

Photo © e.a.brokans

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Nun ist er schon wieder weg, der Manni.Ein etwas unsteter Bursche. Immer unterwegs, mal hier mal dort, mal macht er diese oder mal jenes mal gar nichts. Also muss ich noch etwas ergänzen:

Manni hat seinen Informationen wohl aus sehr schönen Büchlein von Boris Friedewald mit dem Titel „Maria Sibylla Merians Reise zu den Schmetterlingen“, erschienen bei Prestel (im Verlagslink auch ein paar ihrer Bilder). Handlich, nur etwas größer als ein Taschenbuch, gibt es einen kurzen Abriss über das Leben der Merian. Viele ihrer Zeichnungen und Kupferstiche ergänzen das Werk auf’s trefflichste, und das zu einem sehr moderaten Preis.

Auch Emma hat einen schönen Artikel dazu.

Für die Überschrift  – Ein Klassiker, der vor 164 Jahren das Licht der literarischen Öffentlichkeit erblickte – muss sich Manni wohl bei Herrn Melville bedanken.

EAB

Berlin, April 1945

Keine Rezension, nur meine Eindrücke (das wird hier auch kein Bücherblog) zu:

Heinz Rein, Finale Berlin

Roman

Büchergilde Gutenberg, 1980/2015

Alles bricht zusammen: die Häuser unter dem Bombenhagel, die Fronten unter dem Ansturm der Alliierten, die Moral unter dem Druck der nackten Angst um das eigene Überleben.

Glück, das ist jetzt nicht mehr ein zärtlich verströmendes Adagio, da die Sirenen Tag und nach brüllen, nicht mehr ein milde fächelnder Winde unter abendlichen Bäumen, da Feuerstürme über die Stadt rasen, nicht mehr ein Wort aus klassischem Munde, da satanischer Vernichtungswille alle Vernunft niederschreit, Glück ist zur Erfüllung körperlicher Bedürfnisse herabgesunken, ist Fraß und Paarung, Glück ist nur in der hysterischen Jagd nach Zigaretten, Bohnenkaffee und Alkohol,nach Umarmung und Orgasmus zu finden.

Nur das menschenverachtende, grausam skrupellos agierende System der Nazis mit seinen „Herrenmenschen“, seinen servilen Mitläufern und seinen opportunistischen Mittätern funktioniert noch. Es kann alle treffen, die Raserei unterscheidet nicht mehr ob Säuglinge, Kinder, Frauen, alt oder jung. Die Männer sind entweder Tod oder an der Front oder werden im Volkssturm verheizt. Während rundherum der Krieg tobt, die Artillerie bereits in die Stadt schießt, es von oben Bomben hagelt, führen diese Fanatiker Krieg gegen die eigene Bevölkerung.

Denn es ist

…falsch, anzunehmen, daß die Bande jetzt, da sie mit einem Fuß schon im Grabe steht, resigniert und die Karre laufen läßt. Genau das Gegenteil ist der Fall, sie sind jetzt wie tolle Hunde, es kommt ihnen gar nicht darauf an, ein paar Unbeteiligte mit umzulegen.

Im Kern der Handlung steht eine bunt zusammengewürfelte Widerstandsgruppe um Kneipenwirt Oskar Klose und dem jungen Deserteur Joachim Lassehn. Mit geringem Erfolg versuchen diese Leute weiteres Blutvergießen an der Zivilbevölkerung zu verhindern.Aber eigentlich ist es nur noch ein Kampf um das eigene Überleben. Es reduziert sich auf das ewige „Er oder ich, die oder wir“

Wie die Sache für Berlin und Deutschland ausging, ist wohl allgemein bekannt.

1946 in großer Eile geschrieben erschien das Buch bereits 1947 im kommunistischen Dietz-Verlag. Aber gerade diese Nähe zur unmittelbaren Vergangenheit macht den unbestrittenen Wert des Buches aus. Hier schreib sich einer was von der Seele. Durchsetzt mit Originalzitaten aus  Presseberichten, Rundfunkmeldungen, Reden und Verlautbarungen der zentral gelenkten Propaganda, lassen sich die letzten Tage des Kampfes um Berlin fast minutiös nachverfolgen.

Allerdings hemmen diese – interessanten und auch wichtigen – Einschübe den Lesefluss doch erheblich. Auch die Dialogpassagen sind viel zu umfangreich. Da wird geschwafelt und diskutiert wie bei Karl May am Lagerfeuer.

In der Frankfurter Rundschau schreibt Katrin Hillgruber u.a.:

Als echter Politthriller und „Page-Turner“ entfaltet er einen ungeheuren Sog, in dem der Leser zusammen mit den Figuren in atemloser Spannung auf die erlösende Kapitulation zutaumelt.

Ich bin zugegebenermaßen bei diesem taumeln mehrmals gestrauchelt und war nahe daran vor dem Buch zu kapitulieren. Manchmal half nur noch einen Marscherleichterung durch Querlesen.

Es ist sicher ein zeitgeschichtlich wichtiges Buch mit viel Licht und etwas Schatten. Stilistisch kommt es nicht an Gert Ledig (Vergeltung) und Walter Kempowski (Alles umsonst) heran.

Im enthusiastischen Nachwort von Fritz J. Raddatz (der auch auf einige Schwächen und geschichtliche Fehler hinweist) verbürgt sich Raddatz für die Authentizität von Reins Schilderungen, er selbst habe es als 14jähriger in Berlin genauso erlebt.

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Photo © e.a.brokans

Heinz Rein, geboren 1906 in Berlin, war bis zur Machtergreifung der Nazis Sportjournalist. Politisch links stehend, bekam er Schreibverbot und lernte die Gefängnisse und Arbeitslager der Gestapo kennen.
Nach Kriegsende im Verwaltungsapparat der SBZ u.a. als Referent für Literatur, anschließend freier Schriftsteller. Anfang der 1950iger überwarf er sich mit Johannes R. Becher und der SED und siedelte nach Baden-Baden um. Dort verstarb er im Jahre 1991.

Noch etwas zum Photo: Ich bin kein Militariasammler. Der  Helm ist Familienbesitz und Teil der Familiengeschichte. Leider kann ich sie nicht mehr erzählen. Wie so oft wurde vergessen zu fragen, als sich noch die Gelegenheit dazu bot. Jetzt ist es leider zu spät.

Mehr zum Buch u.a. beim Deutschlandfunk und bei der Frankfurter Rundschau.

Nachtrag: Eine äußerst treffende Rezension des Buches hat auch Andreas Wolf geschrieben. Zu finden bei Glanz & Elend.