Zäzilie

Zäzilie soll die Fenster putzen,
sich selbst zum Gram, jedoch dem Haus zum Nutzen.

Durch meine Fenster muß man, spricht die Frau,
so durchsehn können, daß man nicht genau
erkennen kann, ob dieser Fenster Glas
Glas oder bloße Luft ist. Merk dir das.

Zäzilie ringt mit allen Menschen-Waffen …
Doch Ähnlichkeit mit Luft ist nicht zu schaffen.
Zuletzt ermannt sie sich mit einem Schrei –
und schlägt die Fenster allesamt entzwei!
Dann säubert sie die Rahmen von den Resten,
und ohne Zweifel ist es so am besten.
Sogar die Dame spricht, zunächst verdutzt:
So hat Zäzilie ja noch nie geputzt.

Doch alsobald ersieht man, was geschehn,
und spricht einstimmig: Diese Magd muß gehn.

Christian Morgenstern

Foto © E.A.Brokans

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Septemberregen

Tote Blumen

In des Hofes Sterbewinkel,
schräg vom Dachfirst überhangen,
liegt auf Scherben Schutt und Kehricht
– tief das Haupt in Staub gepreßt –
eine tote Sonnenblume.

Aus dem Dachrohr unermüdlich
rieselt der Septemberregen,
rinnt und rinnt, und kann doch nimmer
die Verwelkte neu beleben,
kann aus ihrem Strahlenkelch
nicht den Staub der Erde waschen.

Clara Müller-Jahnke

Foto © eab

Ein trauriges Gedicht. Eigentlich mag ich den Herbst sehr gerne, die Farben, das heimelige und so…,

Aber ob ich diesen „teutschen“ Herbst mag?

Hier in Bayern beginnt der Wahlk(r)ampf, die Aufmärsche im Osten und vielleicht auch bald andernorts, der Tonfall allüberall …

Mir graut.

Ich bin versucht, mich in mein Schneckenhaus zurückzuziehen, um nichts mehr zu hören und zu sehen. Nur noch lesen, kochen, den Garten versorgen, den Vögeln zugucken. Aber dann besteht die Gefahr, dass dieses (vermeintliche) Idyll von genagelten Stiefeln zertreten wird. Das würde mir auch nicht gefallen.

Also: Hintern hoch und raus.

Jeder tue, was er kann!

Ins Kaffeehaus!


Er wandelte kreuz und quer durch die nächtlichen Straßen, ließ den leichten Föhn um seine Stirne wehen, und endlich, entschlossenen Schritts, als wäre er nun an ein langgesuchtes Ziel gelangt, trat er in ein Kaffeehaus niederen Ranges ein, das altwienerisch gemütlich, nicht besonders geräumig, mäßig beleuchtet und zu dieser späten Stunde nur wenig besucht war.

Arthur Schnitzler, Traumnovelle, Kapitel IV.

Foto © E.A.Brokans 07. 2018


Das ist natürlich kein „Kaffeehaus niederer Ordnung“, sondern eines der bekanntesten „Boheminlokale“ in Wien. Zumindest war es das einmal. Um mich nicht der Schleichwerbungsabmahnungsidioterie äh -industrie auszusetzen, erwähne ich den Namen natürlich nicht. Aber bereits 1975 hat sich ein bekannter österreichischer Liedermacher über diese Lokalität gewundert, besang er doch einen gelegentlich dort anzutreffenden Menschen ohne Kleidung. Aber das ist ja auch schon lange her.

Jedenfalls führte dieser Song mit seinem eingängigen Refrain „Jö schau, so a Sau“ zu einem ersten Besuch dieser Lokalität. Anfang der 80er war das, und das Lokal brechend voll. Aber da die Frau Josefine, welche mit ihrem Mann Leopold das Lokal gründete und führte, die erstaunliche Fähigkeit hatte, 1000 Gäste auf nur 100 Stühle zu setzen, bekamen wir umgehend einen Platz. Der Kaffee war sehr gut, was er in Wien natürlich immer ist, ein „Nockerter“ allerdings war nicht zu sehen und die angeblich allgegenwärtige Prominenz und deren Adabeis erkannte ich nicht.

Vor kurzem ein erneuter Besuch, eher zufällig. Ich wollte, nach Belvedere und Albertina, unbedingt ein Stendhal-Syndrom vermeiden und etwas anderes sehen, als bekleckste Leinwand.
Der Kaffee war wieder exzellent, der Nockerte zeigte sich wiederum nicht und auch sonst war keine Sau niemand da. Immerhin ersparte mir diese, nur kurz dauernde Abwesenheit von Gästen, die Einholung der schriftlichen Einverständniserklärungen beim eventuell zufällig und unabsichtlich mit abgebildetem Beiwerke menschlicher Art.
Aber so ruhig ist es nicht immer. So zumindest erzählt man sich.

Pudel (schwarze und begossene)

Der heroische Pudel

Ein schwarzer Pudel, dessen Haar
des abends noch wie Kohle war,
betrübte sich so höllenheiß,
weil seine Dame Flügel spielte,
trotzdem er heulte: daß (o Preis
dem Schmerz, der solchen Sieg erzielte!)
er beim Gekräh der Morgenhähne
aufstand als wie ein hoher Greis –
mit einer silberweißen Mähne.

Christian Morgenstern

Der Pudel auf dem Bild war auch schwarz, aber eher vom Dachbodenstaub und Ruß. Das zu ändern wurde er begossen. Auch wenn er guckte wie ein ebensolcher, das Prozedere hatte Erfolg, er wurde zwar nicht silberweiß aber immerhin…
Leider war des Pudels Kern aus Pappendeckel und das war’s dann mit des Pudels Wohl.

Photo © E.A.Brokans

Poesie der Arbeit

Die Arbeit ist etwa auch poetisch,
Wir wollen da nicht streiten lang;
Doch ist die Wahrheit antithetisch,
Denn poetischer noch ist der Müßiggang.

Franz Grillparzer

Foto © E.A.Brokans

Genug des Müßiggangs. Sieht man mal von dem Pausenzeichen Ende April ab, ist seit dem letzten Blogeintrag ein gutes Vierteljahr vergangen. Ein längerer Klinikaufenthalt und eine langwierige, noch nicht abgeschlossene Rekonvaleszenz beanspruchten meine Aufmerksamkeit. Man hat zwar viel Zeit zum Grübeln, aber die Gedanken schlagen oft eine andere Richtung ein. Wenn sie sich nicht im Kreise drehen. Aber mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Mittlerweile habe ich den/das (sucht es Euch aus) Blog DSGVO tauglich gemacht – hoffe ich zumindest. Eine große Hilfe war mir dabei der Datenschutz-Generator von RA Dr. Thomas Schwenke. Es wird hier vorläufig keine direkt anklickbaren Links mehr geben. Die Widgets wurden entfernt und das EU-Cookie-Gesetz Banner hinzugefügt. Ansonsten mache ich mir darüber keine weiteren Gedanken, es wird sich sicherlich noch einiges ändern.

So, das war es für Erste. Bis demnächst.

Und herzlichen Dank für Eure Unterstützung und das gute Zureden, hier und auch auf Twitter.

Ach ja, gerade läuft ja dieser europäische Trällerwettbewerb. Ich habe hier auch einen Star im Ring – mit Publikum, welches aber der Sache scheinbar etwas reserviert gegenübersteht, oder besser gesagt -hängt.

Foto © E.A.Brokans

Erneuerung

Die Mutter plagte ein Gedanke.
Sie kramt im alten Kleiderschranke,
Wo kurz und lang, obschon gedrängt,
Doch friedlich beieinander hängt.
Auf einmal ruft sie: Ei, sieh da,
Der Schwalbenschwanz, da ist er ja!
Den blauen, längst nicht mehr benützten,
Den hinten zwiefach zugespitzten,
Mit blanken Knöpfen schön geschmückt,
Der einst so manches Herz berückt,
Ihn trägt sie klug und überlegt
Dahin, wo sie zu schneidern pflegt
Und trennt und wendet, näht und mißt,
Bis daß das Werk vollendet ist.
Auf die Art aus des Vaters Fracke
Kriegt Fritzchen eine neue Jacke.
Grad so behilft sich der Poet.
Du liebe Zeit, was soll er machen?
Gebraucht sind die Gedankensachen
Schon alle, seit die Welt besteht.

Wilhelm Busch

oder:

A new year —
the same nonsense
piled on nonsense

Kobayashi Issa

Foto & Montage © E.A.Brokans