Natur vs. Kultur – No.62/16

Photo © e.a.brokans

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Ich bin nachtragend!

Zu meinem letzten Beitrag (Ringelnatz/Oberwiesenfeld) erreichte mich noch ein Kommentar von der Perlengazelle. Da ich ihn sehr interessant finde, die meisten Stammleser den Beitrag aber schon gelesen (oder auch nur abgeliked) haben, poste ich ihn hier nochmals nachtragenderweise als Ergänzung:

Hier sieht man die „arktische Landschaft“, die Ringelnatz gemalt hat – Bild 5 der Bilderreihe anklicken: Treibende Eisschollen – das „eiskalte Bild“.
http://www.dw.com/de/joachim-ringelnatz-als-maler-ausstellung-im-zentrum-f%C3%BCr-verfolgte-k%C3%BCnste/a-19222976
Ringelnatz flog sehr gerne und so oft, dass er eine Ermäßigung auf den Flugpreis bekam. Er plante, sein Gedicht „Fernflug“ an die Lufthansa zu schicken zum Zweck der Reklame und 200 Mark dafür zu fordern – daraus ist wohl nichts geworden. Gleichwohl hat ihn die Lufthansa posthum geehrt. Im schon von Quer erwähnten Sonderdruck (1990).

Quer ist übrigens Brigitte Fuchs, sie hat auch einen beachtenswerten Blog mit Photos und Poesie.
Bei beiden möchte ich mich herzlich für ihre Infos bedanken.

Photo © e.a.brokans

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Wiedergelesen: Train Dreams von Denis Johnson

Der gottesfürchtige Holzfäller und Gelegenheitsarbeiter Robert Grainier lebt im waldreichen Nordwesten der Vereinigten Staaten. Er kennt weder seine Eltern noch den Ort seiner Geburt.

„Er wusste sein Lebtag nur so viel, dass er irgendwann im Jahre 1886 entweder in Utah oder in Kanada geboren worden und mit einem Zug der 1892 fertig gestellten Great Northern Railroad zu seiner neuen Familie gekommen war“

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Spät heiratet er, mit Frau und Tochter zieht er in eine einsamen Waldhütte, allerdings ist er meist unterwegs um Geld zu verdienen. Während einer dieser Abwesenheiten kommt seine Frau in einem verheerenden Waldbrand um. Die Tochter, noch ein Säugling, wird seitdem vermißt.

Er schlägt sich weiterhin mehr schlecht als recht durchs Leben, verliert den Glauben an Gott, baut irgendwann die Waldhütte wieder neu auf und lebte als Teilzeiteremit in den „Wäldern die sein Leben ausfüllten“.

Einmal glaubt er seine verschollene Tochter in einem „Wolfsmädchen“ – einem Wesen halb Mensch, halb Wolf – wiederzuerkennen. Aber sie entschwindet erneut.

So lebt er sein mühseliges Leben bis ins 80ste Lebensjahr. Einmal ist er geflogen, nur einen kurzen Rundflug. Einmal überkam ihn die schiere Wollust, er überwand sie. Aber das Meer, obwohl eigentlich sehr nahe, hat er nie gesehen.

„Seine Lebensgeschichte […] endete damit, dass er vor einem Eisenbahnzug herumstand, in dem Elvis Presley saß.“

Immer präsent, wenn auch verhalten, sind in dieser Novelle die Eisenbahn und die Züge. Ihre Pfiffe durchdringen einsame Nächte, fordern Opfer, rollen durch unruhige Träume oder sind ganz profane Transportmittel.

Denis Johnson beschreibt dieses Lebens in seiner Kult-Novelle Train Dreams, erschienen 2004 bei Rowohlt und beim marebuchverlag. Es ist ein hartes Buch. In einer lakonischen, wuchtigen Sprache erzählt Johnson die Sorgen und Nöte und die Brutalität des Lebens der armen Teufel am Rande der Gesellschaft. Es ist schnell gelesen, es hat nur 112 Seiten, aber es bleibt viel länger im Gedächtnis.

Eine richtige Besprechung ist u.a. hier zu finden.

Eine kleine Dreingabe:

Anfang des 20. Jahrhunderts war die Eisenbahn das  einzigen zuverlässigen Transportmittel in den Weiten des nordamerikanischen Kontinents. Privatwirtschaftlich organisiert, wurde mit sehr harten Bandagen um Fracht und Passagiere gekämpft. Man war nicht zimperlich. Um die Native Americans scherte man sich keinen Deut. Erst als mit der Einrichtung der Nationalparks auch um zahlungskräftige Touristen gebuhlt wurde, erinnerte man sich ihrer, wenn auch nur zu Werbezwecken. Reklame wurde in den Staaten ja schon immer groß (im wahrsten Sinne des Wortes – man denke nur an die riesigen Billboards) geschrieben. Namhafte Künstler wurden beauftragt, Plakate und andere Werbemittel zu gestalten.

Einer dieser Künstler war der Deutsche Winold Reiss. 1886 in Karlsruhe geboren, war er zeitlebens von den amerikanischen Ureinwohner fasziniert. 1913, nach einem Kunststudium in München, emigrierte er in die Vereinigten Staaten. Als Kunstgewerbler und Innenarchitekt machte er sich bald einen Namen. Mit seiner Malerei hatte er anfänglich weniger Erfolg. Er porträtierte Schwarze und Mexikaner, diese Bilder wollte allerdings niemand sehen, geschweige den kaufen. Um Geld zu verdienen, nahm er auch andere, lukrativere Aufträge an. So wurde er schließlich auch als Porträtmaler ziemlich bekannt und erfolgreich.

Library of Congress;  http://loc.gov/pictures/resource/cph.3g05687/

Bildquelle: Library of Congress; http://loc.gov/pictures/resource/cph.3g05687/

 1919 fuhr er zum erstmals nach Montana zum Stamme der Blackfeet im Glacier-Nationalpark, natürlich mit der Great Northern Railway. In den folgenden Jahren kehrte er immer wieder dorthin zurück, er war fasziniert der vorgefundenen Kultur.

„Nie habe ich Menschen getroffen mit so wunderbarem Feingefühl und Takt. Man darf die Indianer nicht von unserem Standpunkt aus beurteilen – man muß versuchen, sie von ihrem Standpunkt zu sehen. Sie sind alle künstlerisch hochveranlagte Menschen, die Männer wie auch die Frauen. Wir können es an ihren Kostümen, Gebräuchen, Tänzen, Geräten und vor allem an ihrer poetischen Sprache beobachten. […] Ich liebe das rote Volk und bin froh, es darstellen zu dürfen.
(Quelle: Stadtwiki Karlsruhe)

Der Präsident der Great Northern Railway, Louis Hill, kaufte alle verfügbaren Indianerportäts von Reiss und verwandte sie u.a. in den damals sehr beliebten Kalendern, ähnlich den heute ach so begehrten Pirelli – Kalendern. Reiss wurde fast so etwas wie der Hauskünstler dieser Eisenbahngesellschaft.

1953 stirbt Winold Reiss. Die Blackfeet verstreuten seine Asche über ihr Heiliges Territorium.

Repro: e.a.brokans

Repro: e.a.brokans

Das abgebildete Blechreklameschild zeigt den Blackfeet – Medizinmann Lazy Boy, gemalt von Winold Reiss in den 1930er Jahren. Ich weiß nicht, ob dieses  ein Originalschild der Great Northern aus den 1940ern Jahren ist. Aber immerhin hängt es schon seit einem Vierteljahrhundert bei mir an der Wand. Also durchaus irgendwie antik.

 

Viola Tricolor, der Kasperlgraf & die Streetgang

Erinnert ihr Euch noch an diesen Post. Ich finde das meine kleine, treue Streetgang vor dem Kellerabgang mit viel Phantasie durchaus menschliche Züge offenbart.  Etwas weiter ging hingegen Franz Graf von Pocci (sprich Potschi) der sogar menschliche Charaktere mit Veilchengesichtern ausstattete.

Bildquelle Wikimedia / gemeinfrei

Bildquelle Wikimedia / gemeinfrei

Maler an der Staffelei.

So sieht man oft die Maler sitzen
Wie sie vor ihren Bildern schwitzen.
„O hätt‘ ich dieses Werk schon angebracht!
Jetzt kauft man Nichts, weil’s Üb’rall kracht.“

Franz Ludwig Evarist Alexander Graf von Pocci, 1807 in München geboren und 1876 ebendort gestorben. 1830 wurde er Kammerjunker am Hofe von König Ludwig I. Im Laufe seines Lebens diente er 3 Königen und brachte es bis zum Oberstkämmerer.

Schon während seiner Studienzeit versuchte er es mit der zu Komposition. Die Melodie zu dem Volkslied „Wenn ich ein Vöglein wär“ stammt z. B. von ihm. Erfolg war ihm damit allerdings nicht beschieden. Das betraf auch seine Volksdichtungen.

Wesentlich bekannter und auch erfolgreicher war er als Illustrator und Karikaturist. Seinen Spitznamen „Kasperlgraf“ – durchaus als Ehrenname zu verstehen – verdankte er seinem unermüdlichem Schaffen für das literarische Erwachsenen- und natürlich auch für das Kinderpuppenspiel. Der bekannte Kasperl Larifari ist seine Schöpfung.

Als Alterswerk gilt „Viola Tricolor“, ein kleines Kinderbüchlein mit acht Chromlithographien und jeweils einem Gedicht dazu, erschienen 1876 bei Stroefner & Kirchner, München & New York. 1977 legte es der Insel-Verlag in der verlagstypischen Aufmachung neu auf. Beide Werke befinden sich nicht in meinem Besitz. Sie sind antiquarisch zwar erhältlich, mir aber zu teuer. Die Abbildungen stammen aus der Originalausgabe.

Die Uni Oldenburg hat dankenswerter Weise das Original eingescannt und ins Netz gestellt. Hier der Link. Oder hier bei 50watts.com reinklicken, mehrere Zeichnungen und die dazugehörigen Gedichte, auf Englisch, sind dort zu finden. Ich persönlich freue mich auf diese Sonderausstellung, welche Ende  Juni 2016 im  Museum-Starnberger-See eröffnet wird. Immerhin lebt Herr von Pocci als Namensgeber der U3/U6-Bahnstation „Poccistraße“ in München (auch einer der beste Zugänge zum Kreisverwaltungsreferat) in den Ohren von täglich tausenden Pendlern und Reisenden weiter. Auch wenn die wenigsten den Namen noch zuordnen können.

Bindequelle Wikimedia / gemeinfrei

Bindequelle Wikimedia / gemeinfrei

Die Fakultäten.

Hier steht der Professoren Schaar
In facultät’schen Amtstalar,
Und glaubt es nur: Ein Jeder denkt sich:
„Von Allen der Gscheideste bin ich!“

Ach ja, beinahe hätte ich vergessen: beste Grüße vom meinem „Leader Of The Pack“, formely known as „Grantlhauer“.

Photo © e.a.brokans

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Bis demnächst!

Gelb

Sie [die Farbe Gelb]führt in ihrer höchsten Reinheit immer die Natur des Hellen mit sich und besitzt eine heitere, muntere, sanft reizende Eigenschaft.

[…]

So ist es der Erfahrung gemäß, daß das Gelbe einen durchaus warmen und behaglichen Eindruck mache. Daher es auch in der Malerei der beleuchteten und wirksamen Seite zukommt.

J.W. Goethe, Zur Farbenlehre

Photo © e.a.brokans

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Apropos Malerei: Vor 100 Jahren stieg der Blaue Reiter ein letztes Mal auf sein Pferd. Durchaus mit einer gewissen Begeisterung in den Krieg gezogen, wurde er durch die grauenhaften Erlebnisse und Verluste bald eines Besseren belehrt. Leider zu spät. Am 4. März 1916 starb ein großes Talent vor Verdun. Mit dem „Liegenden (gelben) Hund im Schnee“ sei auch hier kurz an ihn erinnert. Bildquelle: Zeno.org

Franz Marc, Liegender Hund im Schnee - gemeinfrei

Franz Marc, Liegender Hund im Schnee – gemeinfrei

Etwas versöhnliches zum Ausklang, eine Reminiszenz an meine Jugendzeit und die erste Liebe denn „Yellow was the colour of my first love’s hair“ (oder so ähnlich):

 

 

Seid umschlungen.

Du sollst mich liebend umschließen,
Geliebtes, schönes Weib!
Umschling mich mit Armen und Füßen,
Und mit dem geschmeidigen Leib.

Gewaltig hat umfangen,
Umwunden, umschlungen schon
Die allerschönste der Schlangen
Den glücklichsten Laocoon.

Heinrich Heine

Photo © e.a.brokans

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Was sich der Harry bei seinem Gedicht wohl gedacht haben mag? Viel wurde hinein interpretiert, aber vermutlich wollte er nur die lustvolle Berührung unter erotischen Vorzeichen thematisieren. Eine Prise Lust am provozieren des Bildungsbürgertums würzte das Ganze zusätzlich. Beides ist ihm bestens gelungen. Immerhin empfanden seine Zeitgenossen das Gedicht als „anstößig“. Denn es war ja hinlänglich bekannt, daß der Flirt der Familie Laokoon mit der Schlange tödlich endete, zumindest für die Laokoons. Ob die damit glücklich waren? Nur die Schlange, das alte Sex-Symbol, überlebte diesen Schlamassel.

Die abgebildete Gruppe ist übrigens nicht das Original, sondern ein Gipsabdruck. Gefunden und photographiert (noch auf Film) in den 1980igern im Kapitolinischen Museum zu Rom. Zum Umbau des Museums (bis 2005) dürfte die Skupltur vermutlich entfernt worden sein. Zumindest taucht sie im Netz nicht mehr auf.

Das Original, wahrscheinlich um 200 v. Chr. entstanden, wurde 1506 in einem Weinberg auf einem der sieben Hügel Roms gefunden. In der Renaissance um einige abgebrochen Arme falsch ergänzt, erhielt es erst im letzten Jahrhundert sein vermutlich originales Aussehen zurück. Aber da war die gezeigte Gruppe schon längst abgeformt.

Wo damals und auch heute das Original zu finden ist, was es sonst noch zu sehen gibt und wo das Zeug herkommt, beschreibt uns in aller Kürze Herr Waiblinger:

Mumien im Vatican

Alles find‘ ich in dir, Laokoon, Zeus und Apollo,
Aus dem gestürzten Olymp flohen die Götter zu dir.
Welt der Griechen und Römer, du zeigst auch ägyptische Götzen,
Und Brittania versorgt reichlich mit Mumien dich.

Wilhelm Waiblinger 1804 – 1830

Waiblinger, ein frühreifer, romantischer Dichterrebell – heute würde man ihn als Aussteiger bezeichnen – starb in seiner Wahlheimat Rom mit 26 Jahren an Armut, Klima und Lebenswandel.

Walden, der Sturm und eine Tulpe

Mein Herz horcht auf
Zag
Zagend schließt mein Herzblick sich um deine Gelenke
Ergriffen schwanken deine Knöchel
Deine Brüste atmen weit befangen
Hände gleiten
Gleiten tasten
Tasten streifen streichen streicheln
Hände jammern klammern krampfen kreisen
Blicke jagen
Jagen Blicke blicken Hände
Hände blicken
Brüste brüsten sich entgegen
Verwegen
Wegen wiegen wogen wagen
Hände rasen Hände rasten
Schenkel schwingen schwellen schweifen
Schenkel schweigen
Zittert ein Tropfen im Kelch verborgen
Mein Herz blickt auf
Birgt sich ein Tropfen unter deinem Lid
Schimmert zur Träne geweitet auf deine Braue
Sinkt auf die Tulpe deiner Brust
Tiefer stürzt er in den Kelch deines Leibes
Beben schmiegen
Geliebte

Herwarth Walden

Photo © e.a.brokans

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Herwarth Walden (1878 – 1941) hieß eigentlich Georg Lewin. Sein Pseudonym verdankte er seiner ersten Frau Else Lasker- Schüler und ihrem Faible für den Roman „Walden“ von Henry Thoreau.

Walden war ein Multitalent. Nur wenige Biographien von Künstlern des beginnenden 20. Jahrhunderts kommen ohne seine Erwähnung aus. Das gilt zumindest für jene, die mit ihm gegen den spießbürgerlichen Mief der wilhelminischen Ära kämpften.

Als Schriftsteller, Kritiker und Verleger gründete er u.a. die Zeitung „Der Sturm“. Als Galerist und Künstler betrieb er die Sturm-Galerie in Berlin. Gerade der deutschen Avantgarde in all‘ ihren Facetten war er besonders zugetan. Das er nebenbei noch komponierte und musizierte sei nur am Rande vermerkt.

1918 wurde er Mitglied der KPD. Bereits 1932 emigrierte er, das kommende Unheil ahnend, in die Sowjetunion. Das stalinistische Regime vertraut ihm allerdings nicht und steckte ihn 1941 als vermeintlichen Verräter in ein Gefängnis bei Saratow. Dort verstarb er im Oktober 1941.

Mehr zu Levin/Walden, dem Sturm und besonders den Sturm-Frauen, zeigt das Schirnmag (anklicken lohnt). Die dazugehörige Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt ist ebenso äußerst beachtenswert (nur noch bis zum 7. Februar). Leider konnte ich sie nicht persönlich in Augenschein nehmen.

Ein Faksimile des ganzen Bandes „Im Geschweig der Liebe“ von 1925 ist hier zu finden.