Farbfoto II

Ende der 1970er Jahre fand sie statt, meine erste bewußte Begegnung mit Kunst. Mit richtiger Kunst, im Original. Und ohne Zwang und Anleitung. Das Lenbachhaus in München begeisterte damals mit einer Max Ernst – Ausstellung. Ich war fasziniert und äußerst beeindruckt. Allerdings verflachte das Interesse an Kunst und Künstler bald wieder. Anderes wurde wichtiger, wie es in jungen Jahren halt so ist.  Aber die Saat fiel auf fruchtbaren Boden und ging langsam auf. Vor einigen Jahren, während einer USA – Reise, fuhr ich extra wegen Max Ernst einen kleinen Umweg um die roten Felsen und die Landschaft in der Gegend um Sedona (AZ) zu besuchen. Er lebte ja dort ein paar Jahre. Mittlerweile gibt es dort nach meinem Gusto aber viel zu viel Esoterik.
Heute kann ich nur zustimmend nicken, wenn seine letzten Ehefrau Dorothea Tanning, eine ebenso begnadete Künstlerin, meint:

Art has always been the raft onto which we climb to save our sanity. I don’t see a different purpose for it now.

Das Foto ist natürlich keine Kunst, nur eine Bearbeitung aus einer Laune heraus. Erst das Ergebnis dieses Herumspielerei hat mich wieder an diese Ausstellung  – ich bin natürlich nicht nur auf Max Ernst fixiert – und mein Erleben damals erinnert. Das Foto als Hommage à Max Ernst zu bezeichnen wäre dann aber doch etwas zu hochgegriffen.

foto @ e.a.brokans

foto @ e.a.brokans

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Nicht natürlich? Natürlich nicht!

Gelegentlich werde ich gefragt, ob ich Filter verwende oder ob meine Photos bearbeitet sind. Die ehrliche Antwort, zu der ich auch stehe: Aber natürlich! Es gibt ja eigentlich keine unbearbeitetes Photos, weder bei mir noch bei anderen. Allein schon der Gedanke daran, von einem Gegenstand oder einem Ereignis ein Photo zu machen, ist eine Bearbeitung. Die Auswahl von Standort, Brennweite, Belichtungs-, Tageszeit und Wetter etc. sind weitere Parameter welche auf das endgültige Photo einwirken. Von der Kammertechnik und den Programmen, welche meist ohne unser Zutun oder sogar ohne unser Wissen arbeiten, mal ganz abgesehen. Das war auch bei der analogen Photographie nicht anders.

Das hat schon Truman Capote erkannt (andere natürlich auch):

…selbst der Kamera gelingt kein ganz getreues Abbild der Realität. Die Kunst ist eben kein destilliertes Wasser. Persönliche Eindrücke, Vorurteile, die Auswahl, die man unwillkürlich trifft und auch treffen muss, das alles verändert die genannte reine Wahrheit.

(Aus dem Vorwort zu „Truman Capote, Die Hunde bellen – Reportagen und Porträts“)

Ich bin kein Dokumentarist. Ich will die Wirklichkeit nicht getreu abbilden. Das Photo – wie es mir die Kamera liefert – ist nur Rohstoff. Erst die Bearbeitung nach meinem Gusto läßt mein Photo entstehen. Wobei ich von technischer Perfektion und dergleichen nicht viel halte. Die einzige Vorgabe: Gefallen muss es mir und nebenbei sollte es auch noch Spass machen.  Wenn es aber dann der Einen oder dem Andern auch gefällt, macht es natürlich doppelten Spaß. Ich würde ja lieber zeichnen oder malen, aber um dieses zu lernen, fehlt mir die Zeit und die Geduld, vom Talent mal ganz zu schweigen. Also bleibe ich bei der Knipserei.

Sempervivum / Hauswurz Photo © e.a.brokans

Sempervivum / Hauswutz äh -wurz    – –   Photo © e.a.brokans

An (und auf) der Bahn

Das Häuschen an der Bahn,

Steht ein Häuschen an der Bahn,
hoch auf grünem Hügelplan.

Tag und Nacht, in schnellem Flug,
braust vorüber Zug um Zug.

Jedesmal bei dem Gebraus
zittert leis das kleine Haus -:

„Wen verläßt, wen sucht auf
„euer nimmermüder Lauf?“

„Oh nehmt mit, oh bestellt
„Grüße an die weite Welt!“

Rauch, Gestampf, Geroll, Geschrill…
Alles wieder totenstill.

Tag und Nacht dröhnt das Gleis.
Einsam Häuschen zittert leis.

Christian Morgenstern

PAUL CÉZANNE (1839-1906) DER BAHNDURCHSTICH (UM 1870) - gemeinfrei -

Paul Cézanne (1839-1906) – Der Bahndurchstich (um 1870) – gemeinfrei –

Ich wuchs in Bahnnähe auf. Meine Eltern pendelten tagtäglich mit dem Zug in die nächste größere Stadt. Später übernahm die Gummieisenbahn (Bahnbus) diese verantwortungsvolle Aufgabe. Ich war nie als Pendler auf die Eisenbahn angewiesen (sieht man mal von den 3 Jahren ab, in denen vergeblich versucht wurde, mir eine höhere Schulbildung angedeihen zu lassen).

Der kleine Haltepunkt war nur ca. 900 Meter entfernt. Besonders die Achtungspfiffe an den unbeschrankten Bahnübergängen des Anschlussgleises eines, dort in der freien Landschaft angesiedelten  Industriebetriebes, weckten in mir eine Sehnsucht nach der  Ferne. Besonders in schlaflosen Nächten ging die Phantasie mit den Pfiffen gerne auf Reisen

Der Traum von großen Bahnreisen wurde dann zumindest ansatzweise mit den ersten Rom- und Italienreisen verwirklicht. Was war das für ein erhebendes Gefühl, zum ersten Mal mit so einem ellenlangen Nachtzug über den Brenner und durch die halbe Apennin-Halbinsel zu fahren. Das klingen der Läutewerke an den Bahnübergängen, das rappeln und klackern der Schienenstöße (die es damals noch gab) und alle die schönen Geräusche einer Zugfahrt sind mir – sicherlich nostalgisch verklärt -heute noch präsent. Natürlich ließen sich die Fenster öffnen und man konnte sich trotz der Warnung „È pericoloso sporgersi“ weit hinauslehnen und sich den Fahrtwind um die Ohren pfeifen lassen. Jedes Land roch auch anders. Auf die Masten musste man halt selbst aufpassen.

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Die erste Flugreisen brachten nicht einmal ansatzweise solche Hochgefühle in mir hervor. Es war eine Befördern von A nach B in stickigen, engen Kabinen.

…..

Anmerkung: Das Gemälde „Der Bahndurchstich“ von Paul Cézanne hängt heute in der Neuen Pinakothek zu München. Näheres findet ihr hier. Mein Bild davon ist gemeinfrei bei Zeno.org zu finden.

Aussichten & Einsichten

Aussichten (auf das kommende Frühjahr):

Drei kleine Strassen
mit Häuserchen wie aus einer Spielzeugschachtel
münden auf den stillen Marktplatz.

Der alte Brunnen vor dem Kirchlein rauscht,
die Linden duften.

Das ist das ganze Städtchen.

Aber draussen,
wo aus einem blauen, tiefen Himmel Lerchen singen,
blinkt der See und wogen Kornfelder.

Mir ist Alles wie ein Traum.

Soll ich bleiben? Soll ich weiterziehn?

Der Brunnen rauscht . . . die Linden duften.

Arno Holz

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Einsichten.

Der einen oder dem anderen ist es bestimmt schon aufgefallen. Auf meinen Photos fehlen die Menschen. Ein Alltagsklunkerbeitrag von Stephanie Jaeckel, die sich auch mit dieser Thematik beschäftigte, ließ mich darüber nachdenken.

Vorab eine kleine Erläuterung: Mir geht hier nicht um das Urheberrecht, ich rede hier von Porträtaufnahmen, bei denen die abgebildete Person deutlich erkennbar ist. Sobald dies der Fall ist und an eine Veröffentlichung gedacht wird, muss eine Einverständniserklärung – möglichst in schriftlicher Form – vorliegen. Ansonsten kann es Ärger mit dem „Recht am eigenen Bild“ geben. Natürlich gibt es da auch, wie bei jedem Gesetz, Ausnahmen und Fallstricke. Auf diese möchte ich aber nicht eingehen, ich bin kein Fachmann. Das Netz ist diesbezüglich voll von fundierten Hinweisen. In anderen Ländern ist man übrigens bei weitem nicht so rigoros beim „Recht am eigenen Bild“.

Mir geht es allerdings nicht so sehr um die rechtliche Situation, sondern mehr die Ethik. Ich selbst bin ziemlich kamerascheu, darum verfahren ich nach dem alten Spruch:

„Was man mir nicht antun soll, will ich auch nicht anderen Menschen zufügen“.

(Konfuzius oder so…)

Darum verzichte ich darauf fremde Menschen ohne ihre ausdrückliche Erlaubnis abzulichten und die Photos in irgendeiner Form zu veröffentlichen. Ich möchte ja auch nicht, dass Photos mit meinem Konterfei in irgendwelchen sozialen Netzwerken kursieren (reine Hypothese – an mir gibt es nix interessantes).

Ich mag auch diese sogenannte „street photographie“ nicht besonders. Manchmal schrammt sie doch hart am Voyeurismus entlang. Die oft hochgelobten Aufnahmen der sagenhaften, manischen Bildersammlerin Vivian Maier sprechen hier Bände; ebenso die technisch und photoästhetisch sicherlich hervorragenden Aufnahmen von betrunkenen und kotzenden Feiernden aus Großbritannien, welche kurz nach Silvester im Netz kursierten.

Andererseits sehe ich natürlich schon die Notwendigkeit gewisser Photos, um die Welt aufzurütteln; soweit das bei der vorherrschenden Abgestumpftheit und Sensationsgier überhaupt noch möglich ist. Es ist halt – wie so oft – ein Spagat. Und entscheiden muss jeder für sich.

Mein Frauenbild (allerdings ohne Bild)

Merkwürdig.

Manchmal kommen einige nachdenkenswerte Ereignisse zusammen. Zum ersten war das  „(ed)“ vom Büchermagazin auf fb mit einer etwas komplizierten Frage und einem empfehlenswerten Link zu einem Text von Ruth Klüger. Zum anderen der Beitrag von Stephanie auf ihrem Blog, da besonders einer ihrer Kommentare. Und natürlich die Diskussion um die Vorfälle in Köln und anderswo.

Beides, übrigens am selben Tag veröffentlicht, ließen mich über mein Frauenbild nachgrübeln.  Wie die meisten sicherlich schon gemerkt haben, bin ich nicht der große intellektuelle Denker, sondern stricke eher an einfachen Lösungen und Texten. So wie meine Bilder sich auch nicht in allzuvielen Details ergehen, sondern die großen Farbflächen bevorzugen.

Einige Jahre vor dem großen Krieg (der mit der Nummer 2) kam in schwieriger Zeit eine Frau zur Welt. Ihr Traumberuf wäre Kindergärtnerin gewesen. Allerdings verbot ihr diesen Traum die herrschsüchtige Mutter, genauso wie sie ihr das Bücherlesen verbot. Unnützes Zeug eben. Sie durfte keinen Beruf ergreifen, sondern musste als Magd auf den Bauernhöfen der Nachbarschaft zum Familienunterhalt beitragen. Einmal, während des Krieges, schoßen ihr die alliierte Piloten mit ihren rotschwänzigen Mustangs die Kuh tot. Sie selbst überlebte, aber nur weil sie hinter der toten Kuh im Straßengraben Deckung fand und die Kugeln in die Kuh einschlugen. Sie hat mir die Stelle oft gezeigt und dabei die Geschichte erzählt. Je dementer sie wurde, desto öfter bekam ich diese und andere Geschichten zu hören, mit akribischer Detailgenauigkeit. Es war ihre Lieblingskuh, deren Namen ich leider vergessen habe. Ein andermal (es war ja ein großer Flugplatz in der Nähe) wurde einer von den Fliegern durch die Flak abgeschossen. Sie half mit, die Leiche zu bergen.

Nach dem Krieg suchte sie die Befreiung vom mütterlichen Joch in der Heirat mit einem dahergelaufenen, der hiesigen Sprache nur bedingt mächtigen , schwer traumatisierten Kriegskrüppel.  Die einheimischen Männer wollten sie nicht, sie hatte ja keine Mitgift.  Die Hochzeit und auch das ganze Leben vor- und nachher fand in einem ganz kleinen Dorf mitten in Bayern statt. Macht Euch keine Vorstellungen – die Wirklichkeit ist immer noch schlimmer.

Aber die schaffte es. Als ungelernte Arbeiterin in einem  Industriebetrieb in der nahen Stadt beschäftigt, sparte sie jeden Pfennig für ein kleines, eigenes Häuschen für ihre, mittlerweile um einen Sohn erweiterte, Familie.

Auch das schaffte sie. Ihr Mann half ihr zwar wo er konnte, aber leider konnte er nicht viel. Als Dank für den, zugegeben nicht unbedingt freiwilligen Einsatz für Führer (es war nicht seiner), Volk (auch nicht seines) und Vaterland (auch nicht seines) wurde er nach Kriegsende schikaniert wo es nur ging. Überlebt hatte er nur dank der US-Army und ihren Lazaretts. Die Staatsbürgerschaft wurde ihm aufgrund seinen rudimentären Deutschkenntnisse von den deutschen Behörden verweigert. Die Polizei kam des öfteren vorbei, um seine Fremdenpass zu kontrollieren. Er war staatenloser Ausländer mit UN-Pass. Hört sich doch gut an, oder? Arbeiten durfte er natürlich. Bis zu seinem Tod, der kurz nach dem Erreichen des Rentenalters eintrat, schippte er mit einer Hand und einer Prothese als Ersatz für die andere Hand, danebengefallenen Kies in den Betonmischer einer Betonfertigteilefirma. Aber zumindest starb er als deutscher Staatsbürger,

Das hier geschilderte ist sicherlich die Grundlage meines Frauenbildes. Ich habe darüber hinaus keine spezifischen, weiblichen Identifiaktionsfiguren, weder in der Literatur noch im realen Leben. Allerdings mag ich starke Frauen. Meine Mutter war so eine. Einen Kriegskrüppel als Ehemann durch sein verpfuschtes Leben zu begleiten oder besser zu führen, mit ihm, in einfachsten Verhältnissen, einen Sohn großzuziehen, etwas Wohlstand zu erwirtschaften und schließlich in der Dämmerung der Demenz und der Dunkelheit des Todes zu verschwinden, reicht mir als Frauenbild. Das Leben schreibt immer noch  die besten Bücher.

So.

Das war jetzt sehr privat und sehr intim. Zumindest für meine Verhältnisse. Es muss Euch nicht gefallen. Aber mir hat es gutgetan.

Danke für Eure Aufmerksamkeit.

Nicht schon wieder!

Doch, schon wieder – Bäume!

Aber nur wegen dem Herrn Tucholsky, denn der hätte da mal eine Frage:

Was tun die Birken?

So habe ich neulich hier gefragt … was sie wohl tun, die Birkenblätter. Sirren? … flirren? … flimmern? … ich wußte es nicht.

Brunhild schreibt: sie ›schauern‹. Na, schauern … vielleicht tut das der ganze Baum – aber er friert doch gar nicht, mir ist dies Wort zu schwer für das leichte Gezweig.

Georg Hermann zitiert Liliencron:

Der Birke Zischellaub verstummte
In ferne Länder floh der Tag …

– das ist schon ähnlicher. Hier ist es wenigstens phonetisch gelöst; aber wenn man nun weitab steht und es nicht hören kann -?

[…]

Mein Gott, was tun die Birkenblätter –? Brunhild, komm her und stell dich unter einen Birkenbaum. Ich seh dich an – schauer mal. Fühlst du den Unterschied? Was tun sie? Ich werde dahingehen und es nicht gesagt haben.

Peter Panter, Die Weltbühne, 29.10.1929, Nr. 44, S. 680.

Photo © e.a.brokans

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Birken und vor allem Birkenwälder machen mich melancholisch. Mein Vater stammte aus dem Land der kleinen Birken. Erst nach 40 Jahren, kurz vor seinem Tod, konnte bzw. durfte er sein Vaterland ein letztes mal besuchen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nach alter Tradition wurde dort – und wird wohl noch immer – im Frühling Birkensaft abgezapft. Durch anbohren des Stammes werden mineralstoffreiche Säfte mit magischen Kräften – man muss nur daran glauben – gewonnen. Aber auch in seiner neuen Heimat gab es Birken mehr als genug.

Ein altes Photos zeigt mich wohlig entspannt in einer, zwischen zwei Birken aufgespannten Hängematte. Ob ich damals schon richtig laufen konnte, weiß ich nicht mehr, denn nur das Bären (wohl eher ein Schaf)fell- und das Schaukelpferdphoto waren älter . Soviel wurde ja damals nicht photographiert (Nachfragen zwecklos – es wird nichts veröffentlicht).

Später durfte ich dann beim „Bader-Sepp“, dem ortsansässigen Friseur & Feuerwehrkommandanten & Frauenhelden & Fersicherungs-Fertreter, das bei ihm immer vorrätige Birkenhaarwasser holen. Es sollte gegen den Haarausfall meines Vaters helfen, der Erfolg war aber eher marginal. Geschadet hat es allerdings auch nicht, besser als die damals übliche Pomade war es allemal. Es roch besser und frischer. Gelegentlich versuchte ich meine wirren Haare damit zu bändigen. Dieses wirre Haarproblem löste sich von selbst, als auch ich in die Hände vom „Bader-Sepp“ fiel. Ich hatte die Wahl zwischen Rund- und Fassonschnitt, das Ergebnis war dann entweder Nachttopflook oder Halbglatze. Aber auch diese Zeit ging unbeschadet vorüber.

Einige Jahre quälten mich die Birken im Garten mit ihren Pollen, erst als der Nachbar gerichtlich dagegen vorging, mussten wir sie fällen. Die Aufgabe des Quälens übernahm dann die Wildkirsche.

Heute bin ich birkenlos, aber in der Nachbarschaft, die jetzt auch eine andere ist, stehen noch genügend rum. Von meinem Lesesessel fällt mein Blick oft auf eine große Hängebirke mit  schönen Astwedel. Wenn ich nicht weiter weiß, egal ob bei der Lektüre oder sonst wo, blicke ich zu ihr hinüber und lasse mich vom Wiegen ihrer Äste im Wind ablenken. Die Gedanken schweifen dann ziemlich ziellos umher. Gelegentlich habe ich Mühe sie wieder einzufangen. Ab und zu schreibe ich darüber einen Blogeintrag. So wie den hier.

Aber was tun nun eigentlich die Birken – habt Ihr eine Idee?
…….
Anmerkungen:

Georg Hermann war ein deutscher Schriftsteller jüdischen Glaubens. Geboren 1871, wurde er am 19. November 1943 in Auschwitz ermordet.

Den ganzen Artikel von Peter Panter – alias Kurt Tucholsky – findet ihr bei Textlog.de .

Das gesamte Gedicht von Detlev von Liliencron findet ihr bei Zeno.org .

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Mein Baum

De profundis

Es ist ein Stoppelfeld, in das ein schwarzer Regen fällt.
Es ist ein brauner Baum, der einsam dasteht.
Es ist ein Zischelwind, der leere Hütten umkreist –
Wie traurig dieser Abend.

Am Weiler vorbei
Sammelt die sanfte Waise noch spärliche Ähren ein.
Ihre Augen weiden rund und goldig in der Dämmerung
Und ihr Schoß harrt des himmlischen Bräutigams.

Bei ihrer Heimkehr
Fanden die Hirten den süßen Leib
Verwest im Dornenbusch.

Ein Schatten bin ich ferne finsteren Dörfern.
Gottes Schweigen
Trank ich aus dem Brunnen des Hains.

Auf meine Stirne tritt kaltes Metall.
Spinnen suchen mein Herz.
Es ist ein Licht, das meinen Mund erlöscht.

Nachts fand ich mich auf einer Heide,
Starrend von Unrat und Staub der Sterne.
Im Haselgebüsch
Klangen wieder kristallne Engel.

Georg Trakl

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Es ist natürlich nicht mein Baum. Wir kennen uns nur schon sehr lange. Er lebt in der Nähe einer stark befahrenen Straße. Die ganze Gegend ist ein Naherholungsgebiet mit vielen Bade- und Kiesweihern. Auf der anderen Straßenseite, keine 600 m Luftlinie von ihm entfernt, wurde eine ehemalige Raketenstellung zu einem Flüchtlingsheim umgewandelt. Auf dem Areal hinter dem Baum befindet sich eine weiträumige Trainings- und Testanlage für angehende Hubschrauberpiloten. Also bei weitem kein einsames, verstecktes Idyll.

Ein Baum unter vielen in dieser Gegend, tagsüber fällt er nicht mal besonders auf. Es gibt größere und schönere in seiner Nähe, auch direkt an der Straße. Auch Bäume, die mit Menschenschicksalen verknüpft sind. Ich kenne diese Bäume. Alle. Auch die Schicksale.

Mein Baum hat keine besondere Geschichte, es ist nur ein Baum. Er ist weit genug von der Straße entfernt. Aber jedesmal, wenn ich an ihm vorüberfahre, grüße ich ihn. Und wenn es nur einen kurzer, freundschaftlicher Blick ist.

Anders war die Sache bei vielen Nachtfahrten, besonders im Herbst und im Winter. Bei Schnee und Regen und am schönsten und geheimnisvollsten: wenn der Mond ihn und das beschneite Feld beleuchtetet. Da stand er dann – einsam, kraftvoll, voller Geheimnisse. Ein Sinnbild für Stärke. Er beflügelte (und beflügelt noch immer) meine Gedanken, viele Wünsche hängte ich in seine kahlen Äste, wenige gingen in Erfüllung. Einer ging in Erfüllung. Ihr seht es hier. Ich wollte ihm eine Denkmal setzen. Mittlerweile ist es das fünfte oder sechste Photo von ihm auf dem Blog. Mögen noch viele folgen.

Übrigens ist dieses Photo nicht aus dem Archiv, es entstand am Freitagmorgen. Ich war auf dem Weg zu einigen, nicht unbedingt angenehmen, aber auch nicht besonders wichtigen Terminen. Ein kurzer Stopp, etwas rumgeknipst, durchgeatmet und schon ging alles viel leichter von der Hand.