Das Klassenzimmer

Herr Lehrer.

Ich bitte mein Sohn Emil zu enschulligen weil er die Schule versäumt er hatt so schlimme Augen da bitte ich schon in Bischen Rücksicht zu nehmen und mächte si zuchleich bitten den Kindern nicht so ausverschämt zu hauhen des sie abgeschunden zu hause kommen

Herzlichen Gruß Frau Munk.

Arno Holz
(aus der Erzählung Papa Hamlet, zu finden bei Zeno.org)

Bildschirmfoto 2015-12-18 um 18.46.28

Familienphoto / Privatbesitz von e.a.brokans

Das war mein Klassenzimmer in den ersten 4 Jahren meiner, ach so glanzvollen schulischen Laufbahn. Dieses Photo ist allerdings in der ersten Hälfte der 1930iger Jahre entstanden.  Später wurden die Bänke natürlich durch modernere ersetzt. Das Ofenrohr wich einer Zentralheizung, die großen Landkarten wurden durch Schülerkunstwerke abgelöst. Das Land war ja auch nicht mehr so groß. Nur die Lampe, die überdauerte die Zeiten. Und in der Ecke hinten links stand zu meiner Zeit der Bücherschrank.

Ich habe ein Photo aus meiner Schulzeit vor mir liegen, aus dem selben Blickwinkel aufgenommen, mag es aber aus aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen nicht posten. die meisten meiner ehemaligen Mitschüler leben ja noch.

Anders sieht es bei diesem Photo aus. Inzwischen sind alle der hierauf abgebildeten Schüler und Schülerinnen tot. Einige der Buben auf der rechten Seite wurden nicht sehr alt. Sie wurden für Führer, Volk und Vaterland – wie man ihnen weismachte – auf dem blutigen Acker des Größenwahns massakriert. Es waren alles Kinder einfacher Leute. Bauern und Tagelöhner, gelegentlich ein Handwerker, keine „besseren Leute“.

Arno Holz schrieb seine Erzählung um 1890, aber laut den Schilderungen meiner Mutter, die auch mit auf dem Bild ist, hat sich bis in ihre Zeit hinein nicht viel geändert. Der „Datznstecka“ (Tatzen- bzw. Rohstock) war ein probates Mittel um die Rabauken zu disziplinieren. Meine Mutter hätte auch sehr gerne gelesen, aber Ihre Mutter war strickt dagegen. Da fiel schon mal der „Watschnbaum“ um (es setzte also Hiebe). Infolgedessen hat sie bis zu ihrem Lebensende kein einziges Buch mehr gelesen, nur noch ihre Tageszeitung. Ich allerdings wurde immer zum Lesen ermuntert. Und körperlicher Gewalt war ich weder in der Schule noch im Elternhause ausgesetzt.

Soviel für diesmal…bis demnächst.

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Warum?!

…oder der Beginn eines Leselebens.

Soviel war sicher, mit meiner unstillbaren Neugier und der ständigen Fragerei nach dem Wie, Warum und Weshalb ging ich meinen Mitmenschen gehörig auf die Nerven. Irgendwann reichte es offensichtlich auch meinen Eltern. Als Antwort auf fast alle meine Fragen, so hofften sie zumindest, erhielt ich ein Duden-Lexikon (in sage und schreibe 3 Bänden) von 1962 in die kleinen Hände gedrückt. Gut, da waren viele Bilder, aber meine Fragen wurden dadurch nicht beantwortet. Im Gegenteil, es wurden immer mehr. Meine Neugier war unersättlich, wollte ich sie befriedigen, musste ich lesen, viel lesen. Aber das klappte noch nicht so richtig.Es reichte gerade für das wöchentliche Micky-Maus-Heftchen. Also musste ich in die Schule, auch wenn ich dafür meine Freiheit drangab.

Photo aus Familienbesitz - Kopieren nicht erlaubt.

Photo aus Familienbesitz – Kopieren nicht erlaubt.

Den ersten Tag verheulte ich, auch ansonsten war ich ein schlechter Schüler, denn wider erwarten dehnte sich mein Wissensdurst nicht auf den Unterrichtsstoff aus. Es war eine Dorfschule, acht Jahrgänge, verteilt auf 2 Klassenzimmer. Das Schulhaus wurde übrigens Ende des 19. Jahrhunderts mit Mitteln aus dem Fund eines keltischen Goldschatzes, den sogenannten „Regenbogenschüsselchen“, gebaut. Nachdem ich bis zur  4. Klasse bleiben durfte, wurde sie schließlich endgültig aufgelöst. Aber dafür konnte ich nichts. Im Nachbarort bauten sie eine große Schule, jeder Jahrgang erhielt dort ein eigenes Zimmer.

Doch zurück zu unserer Schule. Das schönste daran war der Schrank mit Büchern, zum Ausleihen für die Schüler. Gelesen hatte ich bald alles was da war. Viel war es eh nicht. Erinnern kann ich mich nur noch an die Jahreshefte der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Das waren ganze Kerle. Ihnen nacheifernd, trieb ich mich nachmittags oft mit einem zusammengebastelten Boot – natürlich ohne Schwimmweste – auf einem Kiesweiher herum. Bevorzugt bei unwirtlichem und windigem Wetter. Schwimmen lernte ich erst Jahre später und die Hausaufgaben mussten eben warten.

Machen wir es kurz. Ich ging nicht gern zur Schule, darum reichte es gerade mal für einen mittelmäßigen Abschluss einer mittelmäßigen Schule. Ich lernte vieles, dass meiste allerdings aus Büchern die ich mir selbst auswählte. Ein Rechtschreibduden war leider nicht darunter. Antrieb des Lesens war (und ist) für mich immer noch die Neugier und die daraus resultierenden Fragen. Die Lösung suchte/suche ich in Büchern, in immer mehr Büchern. Einer scheinbar gelösten Frage folgten immer neue offene Fragen. Das bedingte natürlich neue Bücher. Ein Teufelskreis. Leisten konnte ich mir das nicht. Meine Eltern waren nicht mit materiellen Reichtümern gesegnet, das wenige was sie zusammen verdienten, reichte gerade für den Lebensunterhalt. So gab es zuhause auch keine Bibliothek. Aber es gab ja noch Büchereien.  Allerdings waren Bücher auch nicht alles, es gab auch noch etwas anderes…

Und dieses und jenes und noch mehr (mannigfaltiges halt)… „dat krieje mer späta“ …vielleicht…