Ein alter Baum

Unter seiner Rinde tauschen die Jahresringe leise wispernd ihre Geschichten aus.
Was werden sie sich wohl in ein paar Dekaden über die Jetztzeit zuraunen?

Photo © e.a.brokans

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Sonntags – aber auch an anderen Tagen…

Sonntag

Wie lieb‘ ich es, an Sonntagsnachmittagen
Allein zu sitzen im vertrauten Zimmer;
Durch’s Fenster bricht der Sonne heller Schimmer,
Das Buch vergoldend, das ich aufgeschlagen.

Die Straßen leer; es rollen keine Wagen;
Des Marktes Lärm verstummt, als wär’s auf immer,
Und all des Sonntagsstaates bunter Flimmer,
Er ward hinaus in Wald und Flur getragen.

Verlassen fühlt sich, wer zurückgeblieben,
Und manches schöne Auge blickt verdrossen,
Und manche Wünsche unerfüllt zerstieben.

Es ruht das Leben, wie in sich zerflossen;
Doch still erfüllt sich auch geheimes Lieben,
Und einsam wird des Geistes Glück genossen.

Ferdinand von Saar

Photo © e.a.brokans

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Ferdinand von Saar
1833 – 1906, Österreichischer Dichter und Erzähler mit ziemlich unebenen Lebensweg.
Mehr von seinen melancholischen Erzählungen und schwermütigen Gedichten sowie eine Biographie ist bei Zeno.org zu finden

 

Herbstlied

…und damit ist das Thema „Herbst“ durch – zumindest für mich und für heuer.

Chanson d’automne

Les sanglots longs
Des violons
De l’automne
Blessent mon coeur
D’une langueur
Monotone.

Tout suffocant
Et blême, quand
Sonne l’heure,
Je me souviens
Des jours anciens
Et je pleure

Et je m’en vais
Au vent mauvais
Qui m’emporte
Deçà, delà,
Pareil à la
Feuille morte

Paul Verlaine

Zugegeben, ich habe keine Ahnung was mir Herr Verlaine damit sagen will. Meine rudimentären Französischkenntnisse reichen nur für Küche und Bett – beim letzteren meine ich natürlich das Prozedere des Übernachtens in einem fremden Land.

Somit musste ich Herrn Stefan George – den ich sonst gerne meide – bemühen, mir das Lied verständlich zu machen.

Hier seine Version (ja, ich weiß, es gibt auch noch andere – aber was soll’s):

Herbstlied

Seufzer gleiten
Die saiten
Des herbsts entlang
Treffen mein herz
Mit einem schmerz
Dumpf und bang.

Beim glockenschlag
Denk ich zag
und voll peinen
An die zeit
Die nun schon weit
Und muss weinen.

Im bösen winde
Geh ich und finde
Keine statt…
Treibe fort
Bald da bald dort –
Ein welkes blatt.

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Totholz (2)

Doch welche Geschichte sich hinter den umgestürzten Bäumen auch verbergen mag, sie haben nun den nächsten Abschnitt ihrer ökologischen Reise durch den Wald angetreten. Pilze, Salamander und Zigtausend wirbellose Arten gedeihen in und unter verrottenden Stämmen. Mindestens die Hälfte ihres Beitrags zum Leben leisten die Bäume nach dem Tod, und darum ist ein Maß für die Vitalität eines Waldökosystems die Baumleichendichte.

Dieses Zitat stammt aus dem dem wundervollen und sehr interessanten Buch von David G. Haskell  „Das verborgene Leben des Waldes – Ein Jahr Naturbeobachtungen“. Hier der Link zum Verlag.

Eine ausführlichere Besprechung des sehr empfehlenswerten Buches ist auf dem Blog „Elementares Lesen“ zu finden

Photo © e.a.brokans

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Totholz (1)

Totholz, in der Fachterminologie der Forstwirtschaft die Bezeichnung für abgestorbene, umgestürzte Bäume, oder Teile davon – totes Kapital eben und dadurch schlecht für die Rendite.

Nicht so für das natürliche Ökosystem des Waldes. Totholz ist eine Grundvoraussetzung für die Artenvielfalt in Flora und Fauna, ist es doch Kinderstube und Lebensgrundlage für unzählige Pilze, Pflanzen, Insekten, Vögel und sonstigem Getier. So ist die Bezeichnung „Biotopbaum“ wesentlich treffender, wobei dieser Begriff natürlich auch noch andere Habitatbäume umfasst.

Und manchmal dient es auch als Inspiration für streunende Gelegenheitsknipser.

Photo @ e.a.brokans

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Übrigens: Wer mehr zu Biotopbäumen und Totholz erfahren möchte, wird u.a. hier fündig:
LWF / Totholz (pdf).

Ach ja…ein passendes Gedicht dürfen Sie sich heute mal selbst dazu suchen.