Scherben (oder auch nicht)

Da waren trümmer nicht noch scherben
Da war kein abgrund war kein grab
Da war kein sehnen war kein werben:
Wo eine stunde alles gab.

Von tausend blüten war ein quillen
Im purpurlicht der zauberei.
Des vogelsangs unbändig schrillen
Durchbrach des frühlings erster schrei.

Das war ein stürzen ohne zäume
Ein rasen das kein arm beengt –
Ein öffnen neuer duftiger räume
Ein rausch der alle sinne mengt.

Stefan George

Das Bild zeigt keine Scherben sondern das Kalkplattendach eines – zugegebenermaßen arg baufälligen – Jurahauses. Sogar Bruchstücke können ein schützendes Dach ergeben.

Foto © e.a.brokans

Werbeanzeigen

München leuchtet…

…schwärmte schon Thomas Mann am Anfang seiner Novelle >Gladius Dei< von 1902. Ob er sich damals im Ratskeller ein paar Schöpperl zuviel gegönnt und sich von den dortigen Lampen hatte anregen lassen?
Eigentlich wollte er sich ja nur kritisch-ironisch über die damalige Kunststadt München echauffieren, mittlerweile gehört dieser Spruch allerdings zum Standardrepertoire des Fremdenverkehrsamtes; kein Reiseführer, kein Feuilleton kommt ohne ihn aus wenn es um München geht.
Wer sich besonderer Dienste um München verdient gemacht hat,  also fast jeder, bekommt die „München leuchtet – Den Freundinnen und Freunden Münchens“ – Medaille und Gerhard Polt (der diese Medaille natürlich auch bekam) und seine Freunde schildern 1984 in ihrer szenischen Kabaret-Revue gleichen Namens „Jagdszenen aus Münchens Bussi-Bussi- und Baulöwen-Schickeria“
Aber den Ratskeller können wir wohl als Inspirationsquelle für den Wahlmünchner T.M. anschließen. Er wurde erst 1905 in seiner jetzigen Form ausgestattet.

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Die ganze Eingangssequenz lautet übrigens so: „München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den springenden Brunnen, Palästen und Gartenanlagen der Residenz spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und lichten, umgrünten und wohlberechneten Perspektiven lagen in dem Sonnendunst eines ersten, schönen Junitags.“

Auch ein Ringelnatz muss mal…

Alte Winkelmauer

Alte Mauer, die ich oft benässe,
Weil’s dort dunkel ist.
Himmlisches Gefunkel ist
In deiner Blässe.

Pilz und Feuchtigkeiten
Und der Wetterschliff der Zeiten
Gaben deiner Haut
Wogende Gesichter,
Die nur ein Dichter
Oder ein Künstler
Oder Nureiner schaut.

»Können wir uns wehren?«
Fragt’s aus dir mild.
Ach, kein Buch, kein Bild
Wird mich so belehren.

Was ich an dir schaute,
Etwas davon blieb
Immer. Nie vertraute
Mauer, dich hab’ ich lieb.

Weil du gar nicht predigst.
Weil du nichts erledigst.
Weil du gar nicht willst sein.
Weil mir deine Flecken
Ahnungen erwecken.
Du, eines Schattens Schein.

Nichts davon wissen
Die, die sonst hier pissen,
Doch mir winkt es: Komm!
Seit ich dich gefunden,
Macht mich für Sekunden
Meine Notdurft an dir fromm.

Joachim Ringelnatz
1883 – 1834

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Rakete ins Erdfern

Eine Rakete wäre dieser Kamin wohl zu gerne geworden. Das Universum wollte er erforschen, die Erdferne. Daraus wurde nichts, es reichte nur zu einem profanen Schornstein. Also muss er auch nicht die gut gemeinten Ermahnungen von Herrn Ringelnatz beherzigen. Oder etwa doch?  Sie schaden ja eigentlich niemanden.

Rakete ins Erdfern, zielfremder Schuß – –??
Ja, wenn es sein darf oder sein muß.
Doch der Eitle oder der Übermütige
Zähle sonst nicht aufs Allgütige.

Schön ist das Wollen,
Wenn Ehrlichkeiten die Mittel ihm gaben.
Aber die Ausführer sollen
Die ehren, die es ausgerechnet haben.

Und die als erste ein Ziel erreichen,
Weil sie persönlich den Schuß unternommen,
Mögen vor allem sich gleich vergleichen
Zudritt mit Kühnen,
Zuzweit mit Weisen,
Zuerst mit Frommen.

Joachim Ringelnatz
1883 – 1934

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Im Flughafen Oberwiesenfeld

Am Flugplatz vor der Restauration
Sitzen wir morgens im Garten,
Trinken Whisky und warten. –
Ein Russe singt aus dem Grammophon.

Flugzeuge landen von Zeit zu Zeit
Und jedes aus anderer Gegend.
Ich höre, daß es in Bozen schneit
Und daß es in Hamburg regnet.

Ich hab eine arktische Landschaft gemalt.
Ein Herr hat das Bild gekauft und bezahlt,
Und ich weiß, daß er darauf wartet.
Wir setzen das Bild – als wär es ein Hauch –
Ganz zart in eines Flugzeuges Bauch.
Und nun: Dieses Flugzeug startet.

Flieg wohl, du Junkers, du stolzer,
Mit meinem eiskalten Bild im Leib!
Grüß Zürich, Hügin und dessen Weib
Und euren Herrn Mittelholzer!

Joachim Ringelnatz (1929) –

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Das Oberwiesenfeld in München war ein Militärgelände, welches ab 1909 auch als Flugplatz für Militär- und Zivilflieger genutzt wurde. 1929 entstand dort der erste vollwertige Zivilflugplatz von München. Leider lag er zwar äußerst verkehrsgünstig, nämlich fast mitten in der Stadt – das heutige Olympiagelände steht zum großen Teil auf dem ehemaligen Flugplatzgelände – aber aufgrund des wachsenden Luftverkehrs musste er schon 1939 durch München-Riem abgelöst werden. Die letzte Privatmaschine verließ den Platz allerdings erst 1968.

Karl Otto Hügin (1887 – 1963) ein Schweizer Maler und Grafiker, wurde regional durch Wandbilder und Fresken bekannt.  Anfang der 1920iger Jahre befreundete er sich bei 2 Aufenthalten in Berlin mit Joachim Ringelnatz.

Der ebenfalls erwähnte Walter Mittelholzer (1894 – 1937) war ein sehr bekannter Schweizer Luftfahrtpionier, Photograph und Reiseschriftsteller Er veröffentlichte unzählige Luftaufnahmen, u.a. überflog und photographierte dabei als erster den Kilimandscharo. Tragischerweise stürzte er bei einer Klettertour in der Steiermark ab – ohne Flugzeug.

PS. Mehr zu dem erwähnten Bild und zu Ringelnatz als Maler findet ihr weiter unten im Kommentar (und  in dem darin enthaltenen Link) von der Perlengazelle. Herzlichen Dank dafür!