Ruhe in Bewegung

„Er zeigte uns, wenn wir spazieren gingen, die Wirkung von Licht und Schatten, er nannte uns die Farben, welche sich an den Gegenständen befanden, und erklärte uns die Linien, welche Bewegung verursachten, in welcher Bewegung doch wieder eine Ruhe herrschte, und Ruhe in Bewegung sei die Bedingung eines jeden Kunstwerkes.“

Adalbert Stifter, Der Nachsommer

Bildschirmfoto 2019-08-14 um 11.55.10

© E.A.Brokans

Noch mal Glück gehabt.

Wie mir Manni (der Falter – ihr kennt ihn) soeben atemlos und mit zitternden Fühlern berichtete, wurde er von einem fliegendem Mitglied der Panzerknackerbande (aka Raubwürger) als mögliches Opfer beobachtet und taxiert, durfte dann aber wider erwarten unbehelligt weiter flattern. Der Schreck saß ihm noch gehörig in den Flügeln.

Denn:

Ein Schmetterling zu sein, egal in welchem Stadium, sei es als Raupe, Puppe, Falter, bedeutet, jede Sekunde mit dem Tod zu rechnen. Ein Insekt rechnet naturgemäß nicht, aber damit rechnet es doch.

(Das Zitat stammt aus dem wunderbaren Büchlein „Schmetterlinge“ von Andrea Grill  erschienen in der Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz; Berlin)

Photo © e.a.brokans

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Gelb

Sie [die Farbe Gelb]führt in ihrer höchsten Reinheit immer die Natur des Hellen mit sich und besitzt eine heitere, muntere, sanft reizende Eigenschaft.

[…]

So ist es der Erfahrung gemäß, daß das Gelbe einen durchaus warmen und behaglichen Eindruck mache. Daher es auch in der Malerei der beleuchteten und wirksamen Seite zukommt.

J.W. Goethe, Zur Farbenlehre

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Apropos Malerei: Vor 100 Jahren stieg der Blaue Reiter ein letztes Mal auf sein Pferd. Durchaus mit einer gewissen Begeisterung in den Krieg gezogen, wurde er durch die grauenhaften Erlebnisse und Verluste bald eines Besseren belehrt. Leider zu spät. Am 4. März 1916 starb ein großes Talent vor Verdun. Mit dem „Liegenden (gelben) Hund im Schnee“ sei auch hier kurz an ihn erinnert. Bildquelle: Zeno.org

Franz Marc, Liegender Hund im Schnee - gemeinfrei

Franz Marc, Liegender Hund im Schnee – gemeinfrei

Etwas versöhnliches zum Ausklang, eine Reminiszenz an meine Jugendzeit und die erste Liebe denn „Yellow was the colour of my first love’s hair“ (oder so ähnlich):

 

 

Kakteenblüte (gelb)

Es dürfte allgemein bekannt sein, dass den Blumen und ihren Farben oft eine tiefere Bedeutung als Sprache des Herzens und anderer Organe zugeordnet wird. So gilt  z. B. die rote Rosa gemeinhin als Symbol der erotischen Liebe.
Eine kleine, etwas speziellere Einführung liefert Walter Benjamin in seiner Kurzprosa- und Aphorismensammlung „Einbahnstraße“ im Kapitel Loggia:

Geranie.
Zwei Menschen, die sich lieben, hängen über alles an ihren Namen.

Karthäusernelke.
Dem Liebenden erscheint der geliebte Mensch immer einsam.

Asphodelos.
Wer geliebt wird, hinter dem schließt der Abgrund des Geschlechts sich wie der der Familie.

Kakteenblüte.
Der wahre Liebende freut sich, wenn der geliebte Mensch streitend im Unrecht ist.

Vergißmeinnicht.
Erinnerung sieht den geliebten Menschen stets verkleinert.

Blattpflanze.
Tritt ein Hindernis vor die Vereinigung, so ist alsbald die Phantasie eines wunschlosen Beisammenseins im Alter zur Stelle.

Photo © e.a.brokans

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Damit nicht genug. Die Farbe gelb, so meint zumindest  Liliencron, steht u. a. auch für die Eifersucht:

Die gelbe Blume Eifersucht
Was war das, drückt er ihr leise die Hand,
Als gestern Abend er neben ihr stand,
Der Hund, der Hund!
Heut sah sie den ganzen Tag hinaus:
Wann wird er kommen.
Und als er um die Ecke bog,
Das Rot ihr in die Schläfen flog.
Das soll dir nicht frommen,
Du Hund, du Hund!

Heut Abend, ich lauschte, in heimlicher Stund‘
Er küßte sie zärtlich auf Augen und Mund,
Der Hund, der Hund!
Nun lauer‘ und schleich ich im Säulengang
Auf Katzenpfoten.
Meinen Dolch betast‘ ich wohl hundertmal,
In die Brust ihn dir brech‘ ich für alle die Qual,
Als Liebesboten,
Du Hund, du Hund!

Detlev von Liliencron

Wenn wir jetzt diese beiden Einlassungen zusammenfassend betrachten, kommen wir unweigerlich zu dem Schluss, dass sich obige Schlumbergera  eher nicht zum Verschenken eignet. Zumindest nicht, wenn wir das Wohlwollen des Beschenkten gewinnen wollen.

Und bevor es zu Missverständnissen kommt: Der in den Ausführungen von Herrn v. Liliencron erwähnte Vierbeiner hat absolut nichts mit dem im Netz herumstreunenden Herrn Hund und seinem extraordinären Blog „Hundstrüffel“ zu schaffen.

Nicht schon wieder!

Doch, schon wieder – Bäume!

Aber nur wegen dem Herrn Tucholsky, denn der hätte da mal eine Frage:

Was tun die Birken?

So habe ich neulich hier gefragt … was sie wohl tun, die Birkenblätter. Sirren? … flirren? … flimmern? … ich wußte es nicht.

Brunhild schreibt: sie ›schauern‹. Na, schauern … vielleicht tut das der ganze Baum – aber er friert doch gar nicht, mir ist dies Wort zu schwer für das leichte Gezweig.

Georg Hermann zitiert Liliencron:

Der Birke Zischellaub verstummte
In ferne Länder floh der Tag …

– das ist schon ähnlicher. Hier ist es wenigstens phonetisch gelöst; aber wenn man nun weitab steht und es nicht hören kann -?

[…]

Mein Gott, was tun die Birkenblätter –? Brunhild, komm her und stell dich unter einen Birkenbaum. Ich seh dich an – schauer mal. Fühlst du den Unterschied? Was tun sie? Ich werde dahingehen und es nicht gesagt haben.

Peter Panter, Die Weltbühne, 29.10.1929, Nr. 44, S. 680.

Photo © e.a.brokans

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Birken und vor allem Birkenwälder machen mich melancholisch. Mein Vater stammte aus dem Land der kleinen Birken. Erst nach 40 Jahren, kurz vor seinem Tod, konnte bzw. durfte er sein Vaterland ein letztes mal besuchen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nach alter Tradition wurde dort – und wird wohl noch immer – im Frühling Birkensaft abgezapft. Durch anbohren des Stammes werden mineralstoffreiche Säfte mit magischen Kräften – man muss nur daran glauben – gewonnen. Aber auch in seiner neuen Heimat gab es Birken mehr als genug.

Ein altes Photos zeigt mich wohlig entspannt in einer, zwischen zwei Birken aufgespannten Hängematte. Ob ich damals schon richtig laufen konnte, weiß ich nicht mehr, denn nur das Bären (wohl eher ein Schaf)fell- und das Schaukelpferdphoto waren älter . Soviel wurde ja damals nicht photographiert (Nachfragen zwecklos – es wird nichts veröffentlicht).

Später durfte ich dann beim „Bader-Sepp“, dem ortsansässigen Friseur & Feuerwehrkommandanten & Frauenhelden & Fersicherungs-Fertreter, das bei ihm immer vorrätige Birkenhaarwasser holen. Es sollte gegen den Haarausfall meines Vaters helfen, der Erfolg war aber eher marginal. Geschadet hat es allerdings auch nicht, besser als die damals übliche Pomade war es allemal. Es roch besser und frischer. Gelegentlich versuchte ich meine wirren Haare damit zu bändigen. Dieses wirre Haarproblem löste sich von selbst, als auch ich in die Hände vom „Bader-Sepp“ fiel. Ich hatte die Wahl zwischen Rund- und Fassonschnitt, das Ergebnis war dann entweder Nachttopflook oder Halbglatze. Aber auch diese Zeit ging unbeschadet vorüber.

Einige Jahre quälten mich die Birken im Garten mit ihren Pollen, erst als der Nachbar gerichtlich dagegen vorging, mussten wir sie fällen. Die Aufgabe des Quälens übernahm dann die Wildkirsche.

Heute bin ich birkenlos, aber in der Nachbarschaft, die jetzt auch eine andere ist, stehen noch genügend rum. Von meinem Lesesessel fällt mein Blick oft auf eine große Hängebirke mit  schönen Astwedel. Wenn ich nicht weiter weiß, egal ob bei der Lektüre oder sonst wo, blicke ich zu ihr hinüber und lasse mich vom Wiegen ihrer Äste im Wind ablenken. Die Gedanken schweifen dann ziemlich ziellos umher. Gelegentlich habe ich Mühe sie wieder einzufangen. Ab und zu schreibe ich darüber einen Blogeintrag. So wie den hier.

Aber was tun nun eigentlich die Birken – habt Ihr eine Idee?
…….
Anmerkungen:

Georg Hermann war ein deutscher Schriftsteller jüdischen Glaubens. Geboren 1871, wurde er am 19. November 1943 in Auschwitz ermordet.

Den ganzen Artikel von Peter Panter – alias Kurt Tucholsky – findet ihr bei Textlog.de .

Das gesamte Gedicht von Detlev von Liliencron findet ihr bei Zeno.org .

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