Blumen gehen immer…

…aber immer vergehen und verwelken sie auch.

Oder wie der Dichter klagt:

Die Sonne sank.
Ich wartete. Wie lange . . .
Unsichtbar,
wie ersticktes Weinen,
klang unter den Weiden der Fluss.
Durchs Dunkel, neben mir, taste ich nach den roten Blumen.
Sie sind welk.
Du hast mich vergessen!

Arno Holz

Bildschirmfoto 2016-03-18 um 20.49.29

Advertisements

Abendhimmel

In einen brennenden Abendhimmel,
aus Staub und Dunkel,
steigt der Dom.

Die Glocken läuten.

Die kleinen Linden stehen schwarz,
vor ihren Türen sitzen alte Leute.

Feierabend!
Die Gassen schweigen.

Die Glut erlischt,
am Himmel
leise
ziehn die ewigen Sterne auf.

Arno Holz (aus Phantasus – Kap. 18)

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Aussichten & Einsichten

Aussichten (auf das kommende Frühjahr):

Drei kleine Strassen
mit Häuserchen wie aus einer Spielzeugschachtel
münden auf den stillen Marktplatz.

Der alte Brunnen vor dem Kirchlein rauscht,
die Linden duften.

Das ist das ganze Städtchen.

Aber draussen,
wo aus einem blauen, tiefen Himmel Lerchen singen,
blinkt der See und wogen Kornfelder.

Mir ist Alles wie ein Traum.

Soll ich bleiben? Soll ich weiterziehn?

Der Brunnen rauscht . . . die Linden duften.

Arno Holz

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Einsichten.

Der einen oder dem anderen ist es bestimmt schon aufgefallen. Auf meinen Photos fehlen die Menschen. Ein Alltagsklunkerbeitrag von Stephanie Jaeckel, die sich auch mit dieser Thematik beschäftigte, ließ mich darüber nachdenken.

Vorab eine kleine Erläuterung: Mir geht hier nicht um das Urheberrecht, ich rede hier von Porträtaufnahmen, bei denen die abgebildete Person deutlich erkennbar ist. Sobald dies der Fall ist und an eine Veröffentlichung gedacht wird, muss eine Einverständniserklärung – möglichst in schriftlicher Form – vorliegen. Ansonsten kann es Ärger mit dem „Recht am eigenen Bild“ geben. Natürlich gibt es da auch, wie bei jedem Gesetz, Ausnahmen und Fallstricke. Auf diese möchte ich aber nicht eingehen, ich bin kein Fachmann. Das Netz ist diesbezüglich voll von fundierten Hinweisen. In anderen Ländern ist man übrigens bei weitem nicht so rigoros beim „Recht am eigenen Bild“.

Mir geht es allerdings nicht so sehr um die rechtliche Situation, sondern mehr die Ethik. Ich selbst bin ziemlich kamerascheu, darum verfahren ich nach dem alten Spruch:

„Was man mir nicht antun soll, will ich auch nicht anderen Menschen zufügen“.

(Konfuzius oder so…)

Darum verzichte ich darauf fremde Menschen ohne ihre ausdrückliche Erlaubnis abzulichten und die Photos in irgendeiner Form zu veröffentlichen. Ich möchte ja auch nicht, dass Photos mit meinem Konterfei in irgendwelchen sozialen Netzwerken kursieren (reine Hypothese – an mir gibt es nix interessantes).

Ich mag auch diese sogenannte „street photographie“ nicht besonders. Manchmal schrammt sie doch hart am Voyeurismus entlang. Die oft hochgelobten Aufnahmen der sagenhaften, manischen Bildersammlerin Vivian Maier sprechen hier Bände; ebenso die technisch und photoästhetisch sicherlich hervorragenden Aufnahmen von betrunkenen und kotzenden Feiernden aus Großbritannien, welche kurz nach Silvester im Netz kursierten.

Andererseits sehe ich natürlich schon die Notwendigkeit gewisser Photos, um die Welt aufzurütteln; soweit das bei der vorherrschenden Abgestumpftheit und Sensationsgier überhaupt noch möglich ist. Es ist halt – wie so oft – ein Spagat. Und entscheiden muss jeder für sich.

Das Klassenzimmer

Herr Lehrer.

Ich bitte mein Sohn Emil zu enschulligen weil er die Schule versäumt er hatt so schlimme Augen da bitte ich schon in Bischen Rücksicht zu nehmen und mächte si zuchleich bitten den Kindern nicht so ausverschämt zu hauhen des sie abgeschunden zu hause kommen

Herzlichen Gruß Frau Munk.

Arno Holz
(aus der Erzählung Papa Hamlet, zu finden bei Zeno.org)

Bildschirmfoto 2015-12-18 um 18.46.28

Familienphoto / Privatbesitz von e.a.brokans

Das war mein Klassenzimmer in den ersten 4 Jahren meiner, ach so glanzvollen schulischen Laufbahn. Dieses Photo ist allerdings in der ersten Hälfte der 1930iger Jahre entstanden.  Später wurden die Bänke natürlich durch modernere ersetzt. Das Ofenrohr wich einer Zentralheizung, die großen Landkarten wurden durch Schülerkunstwerke abgelöst. Das Land war ja auch nicht mehr so groß. Nur die Lampe, die überdauerte die Zeiten. Und in der Ecke hinten links stand zu meiner Zeit der Bücherschrank.

Ich habe ein Photo aus meiner Schulzeit vor mir liegen, aus dem selben Blickwinkel aufgenommen, mag es aber aus aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen nicht posten. die meisten meiner ehemaligen Mitschüler leben ja noch.

Anders sieht es bei diesem Photo aus. Inzwischen sind alle der hierauf abgebildeten Schüler und Schülerinnen tot. Einige der Buben auf der rechten Seite wurden nicht sehr alt. Sie wurden für Führer, Volk und Vaterland – wie man ihnen weismachte – auf dem blutigen Acker des Größenwahns massakriert. Es waren alles Kinder einfacher Leute. Bauern und Tagelöhner, gelegentlich ein Handwerker, keine „besseren Leute“.

Arno Holz schrieb seine Erzählung um 1890, aber laut den Schilderungen meiner Mutter, die auch mit auf dem Bild ist, hat sich bis in ihre Zeit hinein nicht viel geändert. Der „Datznstecka“ (Tatzen- bzw. Rohstock) war ein probates Mittel um die Rabauken zu disziplinieren. Meine Mutter hätte auch sehr gerne gelesen, aber Ihre Mutter war strickt dagegen. Da fiel schon mal der „Watschnbaum“ um (es setzte also Hiebe). Infolgedessen hat sie bis zu ihrem Lebensende kein einziges Buch mehr gelesen, nur noch ihre Tageszeitung. Ich allerdings wurde immer zum Lesen ermuntert. Und körperlicher Gewalt war ich weder in der Schule noch im Elternhause ausgesetzt.

Soviel für diesmal…bis demnächst.

Stiefmütterchen macht ein böses Gesicht….

…ist jetzt aber auch kein Wunder, bei DEM Ambiente.

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans


Und Herr Holz hat das gleich erkannt:

Versunkener Garten

Hinter hohen Mauern,
hinter mir,
liegt ein Paradies.

Grüne, glitzernde Stachelbeersträucher,
eine Strohbude
und Bäume mit Glaskirschen.

Niemand weiß von ihm.

An einem Halm
klettert ein Marienkäferchen,
plumps, und fällt in goldgelbe Butterblumen.

Hilfreich neigen sich Tausendschönchen,
Stiefmütterchen machen ein böses Gesicht.

Verschollen
glänzen die Beete!

Arno Holz

 

Lustnarzissen

Er spazzirt durch den
Morgen.

Ode Jambica.

Gott Eol lihß sein Blahsen /
auff neu bedhautem Wahsen
Aurora dantzt und lacht /
im Pusch auff sihben Röhren
kunt man ein Singen hören
die gantze lihbe Nacht.

Durchs Garten-Gitter staunen
die Bokks-gefühßten Faunen /
sie müssen durchauß sehn
die Silber-Spring Cysterne /
drümb Blöhmckens / klein wie Sterne /
nicht ohne Anmuth stehn.

Durch Tulpen und Melissen /
durch lautter Lust-Narzissen
stapfft Stax / der Pauren-Knoll;
die Amsteln schreyn und springen /
die nassen Fröschgens singen /
Frau Venus küßt wie toll.

Itzt geht mit seinen Muhmen
Apoll / auß Bisem-Bluhmen
bey also schöner Zeit
sich Pindus-Kräntzgens binden /
ich kan mich kaum noch finden
für so vihl Lihbligkeit!

Arno Holz
1863 – 1929

(aus Dafnis – Kapitel 14)

© mannigfaltiges 2015.03

© mannigfaltiges 2015.03

Tulpen…oder so.

Es verdreußt ihm!
Ode Trochaica.

Tulpen blühen und Narzissen /
Tellus stikkt ihr Hochzeits-Kissen.
Kleine blaue Veilgens drin
machen / daß ich frölig bin.
Klükkernd mit den göldnen Glökkgen /
springen bundte Zihgen-Bökkgen.
Vatter Pan / der auch darbey /
bläst auff seiner Dideldumdey.
Unter einem Rohsen-Wölckgen
buhlt im Baum ein Vogel-Völckgen.
Mars in Waffen / Venus nakkt /
beyde dantzend drümb im Takkt.
Harffen-Zupffen / Lauten-Schlagen
ist itzt rächt mein Wohlbehagen.
Dihß nur macht mir vihl Verdruß /
daß ich eintzel schlaffen muß!

Arno Holz
1863 – 1929

© mannigfaltiges 2015.02

© mannigfaltiges 2015.02