Zuviel Wonne?

Für all jene, denen der letzte Blogeintrag doch etwas zu wonniglich war, hätte ich hier noch mal eine etwas gedämpftere Ausführung der momentan vorherrschenden Buntblätterjubelei:

Das Laub, das im Sommer so rauschend sang,
Das Laub ist von den Bäumen gestiegen.
Voll stiller Blätter, gelb und braun,
Liegen noch stiller die stillen Wege.

Wie Duft von tausend Küssen und Tränen
Schweben Nässen über den Blättern,
Über den tausend herben Blättern,
Die nun sterben.

Max Dauthendey
1867 – 1918

Photo © e.a.brokans

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Welke Blätter

Plötzlich hallt mein Schritt nicht mehr,
sondern rauschet leise, leise,
wie die tränenvolle Weise,
die ich sing’, von Sehnsucht schwer.
Unter meinen müden Beinen,
die ich hebe wie im Traum,
liegen tot und voll von Weinen
Blätter von dem großen Baum.

                                     24.9.1939

Selma Meerbaum-Eisinger
1924 – 1942

Photo © e.a.brokans

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Selma Merbaum – so hieß sie eigentlich in allen amtlichen Unterlagen – schrieb dieses Gedicht mit 15 Jahren. In Czernowitz (Rumänien) geboren und aufgewachsen, musste sie und ihre Familie, nach der deutschen Besetzung des kurzfristig sowjetischen Gebietes, ins jüdische Ghetto von Czernowitz umsiedeln. Im Juni 1942, mit der letzten „Aushebung“, wurden sie in verschiedene Arbeitslager „verschafft“. Im Lager Michailowka – in der damals deutsch besetzten Ukraine – starb sie schließlich am 16. Dezember 1942 an Fleckfieber. Sie wurde nur 18 Jahre alt und hinterließ 58 Gedichte.

Eine ausführliche Biografie über Selma Meerbaum, mit neuen Aspekten und neu transkribierten Texten, ist von Marion Tauschwitz veröffentlicht worden. Mehr dazu auf der Homepage der Autorin oder bei literaturkritik.de.

Natürlich darf man Jürgen Serke nicht vergessen. Dem Fürsprecher der verbrannten und verbannten Dichter ist es zu verdanken, dass Selma Meerbaum schließlich einem breiteren Publikum bekannt wurde. Seine „Geschichte einer Entdeckung“ ist hier nachzulesen.

Lichtdurchdrungen

Nicht durch's Aug' allein
 Bricht der Sonne Schein,
 Sondern allertwärts
 Tausend Poren fein
 Saugen ihn in's Herz.
Auch die Pflanze trinkt,
 Was hernieder sinkt
 Von dem goldnen Thron;
 Ihre Blüth erblinkt
 Angefacht davon.
Auch der Wurm gering,
 In der Kett' ein Ring,
 Ist vom Glanz durchglüht,
 Bis der Schmetierling
 In die Luft entblüht.
Blind im Käfigwall
 Fühlt die Nachtigall
 Den Akkord des Lichts;
 Und ihr wird's zum Schall
 Und den Kerker bricht's.
Würd' ich altersblind,
 Woll't ich Luft und Wind
 Und der Sonne Luft
 Saugen, wie ein Kind
 Saugt der Mutter Brust.

Friedrich Rückert
Photo © e.a.brokans

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Quelle (für das Gedicht): http://rueckert-buecher.gesammelte-werke.org/index.html

Ich bin nur ein Tropfen

Ich kam aus den Meeren, ich kam aus der Sonne,
Ich kam aus dem Wind,
Die alle mir Urväter und Mütter sind;
Aus fallenden Zeiten, aus ewiger Nacht ein lallendes Werde,
Ein schillernder Tropfen, ein hilfloses Kind,
Geworfen auf winzigen Fleck der Erde.
Ein Häuflein Jahre des Lebens,
Gefäß des Kummers und freudig flutenden Bebens,
Ein kreisendes Stündlein vor ewiger Zeit.
O halte, Weltanfang und -ende mich immer in Demut bereit,
Ich kam aus den Meeren, aus Sonne und Wind,
Und bin nur ein Kind.

Ist es nicht immer genug:
Daß dich ein herbstlich verblutender Baum,
Hintaumelnder Vogelflug,
Entzündeter Abendwolken Schaum,
Ein schluchzend einfältiglich Lied,
Das über engende Höfe flieht,
In gottvolle Armut und Nacktheit entrückt,
Unendlich beglückt!

Gerrit Engelke

Photo © e.a.brokans

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Engelke, Gerrit, *1890, + 1918, dt. Arbeiterdichter; Gegenstand seiner Gedichte sind die Großstadt u. d. Fabriken; Gedichtsammlungen, u.a. „Rhythmus des neuen Europas“ (posth. 1921). [Duden-Lexikon 1962]

Engelke „das erste Genie, das aus dem Proletariat hervorgegangen ist“ (so zumindest der Dramatiker und Kritiker Julius Bab) machte die Hölle des Grabenkrieges fast die gesamten 4 Jahre mit. Er starb am 13. Oktober 1918 in einem Feldlazarett der Briten bei Cambrai / Frankreich an den Folgen einer Schussverletzung. Das Gerücht vom bevorstehenden Waffenstillstand hatte er noch mitbekommen.

So schrieb er 6 Tage vor seinem Tod  an den Dichter Jakob Kneip:

Ich sitze heute den vierten Tag in meinem Erdloch, schräg in einen Eisenbahndamm hineingegraben. Lese augenblicklich eine Monographie über Walt Whitman und höre alle Augenblicke Neues von der Außenwelt: Neue Regierung in Deutschland, Friedensbereitschaft…
(zitiert aus: Endzeit Europa, Wallstein Verlag)

Gerrit Engelke wurde 27 Jahre alt.

Filigranes…und etwas Bildung

Photo © e.a.brokans

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Ich liebe dich

Sie: »Wie werden Blätter gelb?!«
Er: »Das grüne Chlorophyll des Blattes verwandelt sich in Gelbstoff, Xantophyll, unter dem Einflusse der Kälte.«
Sie: »Wie werden Blätter roth?!«
Er: »Das grüne Chlorophyll des Blattes verwandelt sich in Rothstoff, Erythrophyll, unter dem Einflusse der Kälte.«
Sie: »Und schwarz?!«
Er: »Das ist das Sterben des Blattes. Wenn es nicht mehr Kraft hat, Farben umzuwandeln, wird es schwarz.«
Sie: »Und Blätter werden Erde?!«
Er: »Ja. Der Schnee zermürbt sie, präparirt sie vor.«
Sie: »Lehre mich Botanik. Aber nicht wie in der Jugend, wie viele Staubgefässe jede Blume hat, wie sie lateinisch heisst, wo man sie findet. Lehre mich das Tiefe, wie sie wird und stirbt und niemals aufbegehrt und wieder wird und stirbt und wieder stirbt und dann doch auflebt – – –.«
Er: »Anatomie, Physiologie der Pflanzen?!«
Sie: »Ja, das.«
Er: »So komm‘. Es ist zu kalt zum Sitzen im Freien. Und wir sind in Jahren – – –. Wir brennen Holz im Ofen und ich lehre Dich, wie junge Stämme ihren Ring ansetzen. Vor Allem, weisst Du, wenn im ersten Frühjahr – – –.«
Und sie ging schweigend, lauschend neben ihm.

Peter Altenberg, Der Revolutionär dichtet. Berlin 1914

Peter Altenberg (1859 – 1919) war der Prototyp des Kaffeehausliteraten, noch heute sitzt er im Café Central zu Wien und wartet, wie sein ganzes Leben lang, auf Spenden, Gönner und Einfälle.