Die Bibliothek (minus 2)

Nun sind sie weg.

Die beiden Bücher. Sie haben eine neue Heimat gefunden. Die Gewinner wurden bereits benachrichtigt.
Ich kann mich nun der Illusion hingeben, ein klein wenig mehr Platz im Bücherregal zu haben. Es ist allerdings wirklich nur eine Illusion, seit Mittwoch sind bereits wieder 3 neue hinzugekommen. Ich weiß auch nicht wohin das noch führen soll. Ein Teufelskreis.
Oder soll ich mich an Joachim Ringelnatz halten:

Der Bücherfreund

Ob ich Biblio- was bin?
Phile? »Freund von Büchern« meinen Sie?
Na, und ob ich das bin!
Ha! und wie!

Mir sind Bücher, was den andern Leuten
Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,
Turnsport, Wein, und weiß ich was, bedeuten.
Meine Bücher – – – wie beliebt? Wieviel?

Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.
Bitte, doch mich auszureden lassen.
Jedenfalls: viel mehr, als mein Regal
Halb imstande ist zu fassen.

Unterhaltung? Ja, bei Gott, das geben
Sie mir reichlich. Morgens zwölfmal nur
Nüchtern zwanzig Brockhausbände heben – – –
Hei! das gibt den Muskeln die Latur.

Oh, ich mußte meine Bücherei,
Wenn ich je verreiste, stets vermissen.
Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei,
Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen.

Ja natürlich auch vom künstlerischen
Standpunkt. Denn ich weiß die Rücken
So nach Gold und Lederton zu mischen,
Daß sie wie ein Bild die Stube schmücken.

Äußerlich? Mein Bester, Sie vergessen
Meine ungeheure Leidenschaft,
Pflanzen fürs Herbarium zu pressen.
Bücher lasten, Bücher haben Kraft.

Junger Freund, Sie sind recht unerfahren,
Und Sie fragen etwas reichlich frei.
Auch bei andern Menschen als Barbaren
Gehen schließlich Bücher mal entzwei.

Wie? – ich jemals auch in Büchern lese??
Oh, Sie unerhörter Ese – – –
Nein, pardon! – Doch positus, ich säße
Auf dem Lokus, und Sie harrten
Draußen meiner Rückkehr, ach dann nur
Ja nicht länger auf mich warten.
Denn der Lokus ist bei mir ein Garten,
Den man abseits ohne Zeit und Uhr
Düngt und erntet dann Literatur.

Bücher – Nein, ich bitte Sie inständig:
Nicht mehr fragen! Laß dich doch belehren!
Bücher, auch wenn sie nicht eigenhändig
Handsigniert sind, soll man hoch verehren.
Bücher werden, wenn man will, lebendig.
Über Bücher kann man ganz befehlen.
Und wer Bücher kauft, der kauft sich Seelen,
Und die Seelen können sich nicht wehren.

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Warum?!

…oder der Beginn eines Leselebens.

Soviel war sicher, mit meiner unstillbaren Neugier und der ständigen Fragerei nach dem Wie, Warum und Weshalb ging ich meinen Mitmenschen gehörig auf die Nerven. Irgendwann reichte es offensichtlich auch meinen Eltern. Als Antwort auf fast alle meine Fragen, so hofften sie zumindest, erhielt ich ein Duden-Lexikon (in sage und schreibe 3 Bänden) von 1962 in die kleinen Hände gedrückt. Gut, da waren viele Bilder, aber meine Fragen wurden dadurch nicht beantwortet. Im Gegenteil, es wurden immer mehr. Meine Neugier war unersättlich, wollte ich sie befriedigen, musste ich lesen, viel lesen. Aber das klappte noch nicht so richtig.Es reichte gerade für das wöchentliche Micky-Maus-Heftchen. Also musste ich in die Schule, auch wenn ich dafür meine Freiheit drangab.

Photo aus Familienbesitz - Kopieren nicht erlaubt.

Photo aus Familienbesitz – Kopieren nicht erlaubt.

Den ersten Tag verheulte ich, auch ansonsten war ich ein schlechter Schüler, denn wider erwarten dehnte sich mein Wissensdurst nicht auf den Unterrichtsstoff aus. Es war eine Dorfschule, acht Jahrgänge, verteilt auf 2 Klassenzimmer. Das Schulhaus wurde übrigens Ende des 19. Jahrhunderts mit Mitteln aus dem Fund eines keltischen Goldschatzes, den sogenannten „Regenbogenschüsselchen“, gebaut. Nachdem ich bis zur  4. Klasse bleiben durfte, wurde sie schließlich endgültig aufgelöst. Aber dafür konnte ich nichts. Im Nachbarort bauten sie eine große Schule, jeder Jahrgang erhielt dort ein eigenes Zimmer.

Doch zurück zu unserer Schule. Das schönste daran war der Schrank mit Büchern, zum Ausleihen für die Schüler. Gelesen hatte ich bald alles was da war. Viel war es eh nicht. Erinnern kann ich mich nur noch an die Jahreshefte der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Das waren ganze Kerle. Ihnen nacheifernd, trieb ich mich nachmittags oft mit einem zusammengebastelten Boot – natürlich ohne Schwimmweste – auf einem Kiesweiher herum. Bevorzugt bei unwirtlichem und windigem Wetter. Schwimmen lernte ich erst Jahre später und die Hausaufgaben mussten eben warten.

Machen wir es kurz. Ich ging nicht gern zur Schule, darum reichte es gerade mal für einen mittelmäßigen Abschluss einer mittelmäßigen Schule. Ich lernte vieles, dass meiste allerdings aus Büchern die ich mir selbst auswählte. Ein Rechtschreibduden war leider nicht darunter. Antrieb des Lesens war (und ist) für mich immer noch die Neugier und die daraus resultierenden Fragen. Die Lösung suchte/suche ich in Büchern, in immer mehr Büchern. Einer scheinbar gelösten Frage folgten immer neue offene Fragen. Das bedingte natürlich neue Bücher. Ein Teufelskreis. Leisten konnte ich mir das nicht. Meine Eltern waren nicht mit materiellen Reichtümern gesegnet, das wenige was sie zusammen verdienten, reichte gerade für den Lebensunterhalt. So gab es zuhause auch keine Bibliothek. Aber es gab ja noch Büchereien.  Allerdings waren Bücher auch nicht alles, es gab auch noch etwas anderes…

Und dieses und jenes und noch mehr (mannigfaltiges halt)… „dat krieje mer späta“ …vielleicht…

Der Bücherfreund

Ob ich Biblio- was bin?
Phile? »Freund von Büchern« meinen Sie?
Na, und ob ich das bin!
Ha! und wie!

Mir sind Bücher, was den andern Leuten
Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,
Turnsport, Wein, und weiß ich was, bedeuten.
Meine Bücher – – – wie beliebt? Wieviel?

Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.
Bitte, doch mich auszureden lassen.
Jedenfalls: viel mehr, als mein Regal
Halb imstande ist zu fassen.

Unterhaltung? Ja, bei Gott, das geben
Sie mir reichlich. Morgens zwölfmal nur
Nüchtern zwanzig Brockhausbände heben – – –
Hei! das gibt den Muskeln die Latur.

Oh, ich mußte meine Bücherei,
Wenn ich je verreiste, stets vermissen.
Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei,
Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen.

Ja natürlich auch vom künstlerischen
Standpunkt. Denn ich weiß die Rücken
So nach Gold und Lederton zu mischen,
Daß sie wie ein Bild die Stube schmücken.

Äußerlich? Mein Bester, Sie vergessen
Meine ungeheure Leidenschaft,
Pflanzen fürs Herbarium zu pressen.
Bücher lasten, Bücher haben Kraft.

Junger Freund, Sie sind recht unerfahren,
Und Sie fragen etwas reichlich frei.
Auch bei andern Menschen als Barbaren
Gehen schließlich Bücher mal entzwei.

Wie? – ich jemals auch in Büchern lese??
Oh, Sie unerhörter Ese – – –
Nein, pardon! – Doch positus, ich säße
Auf dem Lokus, und Sie harrten
Draußen meiner Rückkehr, ach dann nur
Ja nicht länger auf mich warten.
Denn der Lokus ist bei mir ein Garten,
Den man abseits ohne Zeit und Uhr
Düngt und erntet dann Literatur.

Bücher – Nein, ich bitte Sie inständig:
Nicht mehr fragen! Laß dich doch belehren!
Bücher, auch wenn sie nicht eigenhändig
Handsigniert sind, soll man hoch verehren.
Bücher werden, wenn man will, lebendig.
Über Bücher kann man ganz befehlen.
Und wer Bücher kauft, der kauft sich Seelen,
Und die Seelen können sich nicht wehren.

Joachim Ringelnatz
1883 – 1934

© e.a.brokans 2015.04

© e.a.brokans 2015.04