Das Nasobem

Auf seinen Nasen schreitet
einher das Nasobem,
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.

Es steht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
zum ersten Mal ans Licht.

Auf seinen Nasen schreitet
(wie schon gesagt) seitdem,
von seinem Kind begleitet,
einher das Nasobem.

Cristian Morgenstern

Foto © mannigfaltiges

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Pudel (schwarze und begossene)

Der heroische Pudel

Ein schwarzer Pudel, dessen Haar
des abends noch wie Kohle war,
betrübte sich so höllenheiß,
weil seine Dame Flügel spielte,
trotzdem er heulte: daß (o Preis
dem Schmerz, der solchen Sieg erzielte!)
er beim Gekräh der Morgenhähne
aufstand als wie ein hoher Greis –
mit einer silberweißen Mähne.

Christian Morgenstern

Der Pudel auf dem Bild war auch schwarz, aber eher vom Dachbodenstaub und Ruß. Das zu ändern wurde er begossen. Auch wenn er guckte wie ein ebensolcher, das Prozedere hatte Erfolg, er wurde zwar nicht silberweiß aber immerhin…
Leider war des Pudels Kern aus Pappendeckel und das war’s dann mit des Pudels Wohl.

Photo © E.A.Brokans

Europens Bücher

Korf ist fassungslos und er entflieht,
wenn er nur Europens Bücher sieht.

Er versteht es nicht, wie man
zentnerschwere Bände leiden kann.

Und ihm graut, wie man dadurch den Geist
gleichsam in ein Grab von Stoff verweist.

Doch der Europäer ruht erst dann,
wenn er ihn in Bretter „binden“ kann.

Christian Morgenstern

Der Salm

Ein Rheinsalm schwamm den Rhein
bis in die Schweiz hinein.

Und sprang den Oberlauf
von Fall zu Fall hinauf.

Er war schon weißgottwo,
doch eines Tages – oh! –

da kam er an ein Wehr:
das maß zwölf Fuß und mehr!

Zehn Fuß – die sprang er gut!
Doch hier zerbrach sein Mut.

Drei Wochen stand der Salm
am Fuß der Wasser-Alm.

Und kehrte schließlich stumm
nach Deutsch- und Holland um.

Christian Morgenstern
1871 – 1914

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Photo © e.a.brokans

Feierabend

Lindenduft … Bienenchor …
Vogelsang und Brunnenrauschen …
Knarrend schließt sich Tor um Tor;
Feierabend lockt hervor,
Grüße auszutauschen.

Junges Volk will Gesang,
Fiedelspiel und kecke Reigen;
säume heute keiner lang,
sich zur Ehr und uns zu Dank
seine Kunst zu zeigen!

Einer weiß ein neues Lied,
andre freuen sich der alten;
wer von Fern zu Ferne zieht,
muß es, eh er weiter flieht,
fröhlich mit uns halten.

Düfteschwerer Dämmerflor …
Vogelsang und Brunnenplauschen …
Trete nun der Mensch hervor,
lasse in den großen Chor
seine Stimme rauschen!

Christian Morgenstern

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Herr Morgenstern blickt hinüber

Der Blick

Mir gegenüber,
dicht unterm Dach,
sitzt ein Weib
am geduckten Fenster
und näht.

Früh
in das steigende Licht,
spät
in die fallende Nacht.

Manchmal
blickt es vom Schoße auf
und verloren hinaus
auf die Dächer –
die Wolken –
die Ewigkeit.

Ich kann
sein Auge nicht sehn,
aber ich fühle den Blick –
ich blicke ihn mit,
den zehrenden Blick
auf die Dächer
die Wolken –
die Ewigkeit …

Christian Morgenstern

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

An (und auf) der Bahn

Das Häuschen an der Bahn,

Steht ein Häuschen an der Bahn,
hoch auf grünem Hügelplan.

Tag und Nacht, in schnellem Flug,
braust vorüber Zug um Zug.

Jedesmal bei dem Gebraus
zittert leis das kleine Haus -:

„Wen verläßt, wen sucht auf
„euer nimmermüder Lauf?“

„Oh nehmt mit, oh bestellt
„Grüße an die weite Welt!“

Rauch, Gestampf, Geroll, Geschrill…
Alles wieder totenstill.

Tag und Nacht dröhnt das Gleis.
Einsam Häuschen zittert leis.

Christian Morgenstern

PAUL CÉZANNE (1839-1906) DER BAHNDURCHSTICH (UM 1870) - gemeinfrei -

Paul Cézanne (1839-1906) – Der Bahndurchstich (um 1870) – gemeinfrei –

Ich wuchs in Bahnnähe auf. Meine Eltern pendelten tagtäglich mit dem Zug in die nächste größere Stadt. Später übernahm die Gummieisenbahn (Bahnbus) diese verantwortungsvolle Aufgabe. Ich war nie als Pendler auf die Eisenbahn angewiesen (sieht man mal von den 3 Jahren ab, in denen vergeblich versucht wurde, mir eine höhere Schulbildung angedeihen zu lassen).

Der kleine Haltepunkt war nur ca. 900 Meter entfernt. Besonders die Achtungspfiffe an den unbeschrankten Bahnübergängen des Anschlussgleises eines, dort in der freien Landschaft angesiedelten  Industriebetriebes, weckten in mir eine Sehnsucht nach der  Ferne. Besonders in schlaflosen Nächten ging die Phantasie mit den Pfiffen gerne auf Reisen

Der Traum von großen Bahnreisen wurde dann zumindest ansatzweise mit den ersten Rom- und Italienreisen verwirklicht. Was war das für ein erhebendes Gefühl, zum ersten Mal mit so einem ellenlangen Nachtzug über den Brenner und durch die halbe Apennin-Halbinsel zu fahren. Das klingen der Läutewerke an den Bahnübergängen, das rappeln und klackern der Schienenstöße (die es damals noch gab) und alle die schönen Geräusche einer Zugfahrt sind mir – sicherlich nostalgisch verklärt -heute noch präsent. Natürlich ließen sich die Fenster öffnen und man konnte sich trotz der Warnung „È pericoloso sporgersi“ weit hinauslehnen und sich den Fahrtwind um die Ohren pfeifen lassen. Jedes Land roch auch anders. Auf die Masten musste man halt selbst aufpassen.

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Die erste Flugreisen brachten nicht einmal ansatzweise solche Hochgefühle in mir hervor. Es war eine Befördern von A nach B in stickigen, engen Kabinen.

…..

Anmerkung: Das Gemälde „Der Bahndurchstich“ von Paul Cézanne hängt heute in der Neuen Pinakothek zu München. Näheres findet ihr hier. Mein Bild davon ist gemeinfrei bei Zeno.org zu finden.