Morgenhimmelblaue Rabengedanken

Raben

Durch den blauen Morgenhimmel
Ziehen plumpe, schwarze Raben;
Wie Gedanken, schwarze, plumpe,
Durch die reine Seele ziehn.

Durch die reine Seele ziehn
Wie die plumpen, schwarzen Raben
Die Gedanken und verschwinden
In den blauen Morgenhimmel.

Detlev von Liliencron

Photo © e.a.brokans

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Es könnte natürlich auch eine Krähe sein. Vermutlich ist es eine Krähe. Egal. Die sitzt immer da. Ich frag sie bei nächster Gelegenheit nach ihrer Gattung. Auf jeden Fall genießt der Vogel den Sonnenaufgang und hegt dabei bestimmt keine rabenschwarzen Gedanken.

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Einem stinkt es, dem anderem nicht…

Hyazinthen

Vor mir auf dem Tisch stehn
Bläulichrote Hyazinthen.
Die krausen Sechsblättchen sind zurückgebogen.
Eine Geruchwelle wie von Leichen nach einer Schlacht,
Wie von Pestfeldern,
Kommt zu mir von den Blumen hergezogen
Wie von dumpfen, trüben Trieben.
Gräßlich

& so weiter & so fort…
(Das gesamte Gedicht ist hier bei Zeno.org zu finden)

Detlev von Liliencron

Photo © e.a.brokans

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Als Teilnehmer der Kriege von 1866 und 1870/71 möchte ich es Herrn v. Liliencron natürlich nicht absprechen, zu wissen wie Leichen riechen. Aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich manchmal sehr froh gewesen wäre, wenn Leichengeruch eine Ähnlichkeit mit den – zugegebenermaßen sehr intensiven – Geruch von Hyazinthen gehabt hätte.
Da ist mir die Beschreibung als Schlummerduft schon verständlicher und auch näher.

Hyazinthen

Fern hallt Musik; doch hier ist stille Nacht,
Mit Schlummerduft anhauchen mich die Pflanzen.
Ich habe immer, immer dein gedacht;
Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.

Es hört nicht auf, es rast ohn Unterlaß;
Die Kerzen brennen und die Geigen schreien,
Es teilen und es schließen sich die Reihen,
Und alle glühen; aber du bist blaß.

Und du mußt tanzen; fremde Arme schmiegen
Sich an dein Herz; o leide nicht Gewalt!
Ich seh dein weißes Kleid vorüberfliegen
Und deine leichte, zärtliche Gestalt. – –

Und süßer strömend quillt der Duft der Nacht
Und träumerischer aus dem Kelch der Pflanzen.
Ich habe immer, immer dein gedacht;
Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.

Theodor Storm

Kakteenblüte (gelb)

Es dürfte allgemein bekannt sein, dass den Blumen und ihren Farben oft eine tiefere Bedeutung als Sprache des Herzens und anderer Organe zugeordnet wird. So gilt  z. B. die rote Rosa gemeinhin als Symbol der erotischen Liebe.
Eine kleine, etwas speziellere Einführung liefert Walter Benjamin in seiner Kurzprosa- und Aphorismensammlung „Einbahnstraße“ im Kapitel Loggia:

Geranie.
Zwei Menschen, die sich lieben, hängen über alles an ihren Namen.

Karthäusernelke.
Dem Liebenden erscheint der geliebte Mensch immer einsam.

Asphodelos.
Wer geliebt wird, hinter dem schließt der Abgrund des Geschlechts sich wie der der Familie.

Kakteenblüte.
Der wahre Liebende freut sich, wenn der geliebte Mensch streitend im Unrecht ist.

Vergißmeinnicht.
Erinnerung sieht den geliebten Menschen stets verkleinert.

Blattpflanze.
Tritt ein Hindernis vor die Vereinigung, so ist alsbald die Phantasie eines wunschlosen Beisammenseins im Alter zur Stelle.

Photo © e.a.brokans

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Damit nicht genug. Die Farbe gelb, so meint zumindest  Liliencron, steht u. a. auch für die Eifersucht:

Die gelbe Blume Eifersucht
Was war das, drückt er ihr leise die Hand,
Als gestern Abend er neben ihr stand,
Der Hund, der Hund!
Heut sah sie den ganzen Tag hinaus:
Wann wird er kommen.
Und als er um die Ecke bog,
Das Rot ihr in die Schläfen flog.
Das soll dir nicht frommen,
Du Hund, du Hund!

Heut Abend, ich lauschte, in heimlicher Stund‘
Er küßte sie zärtlich auf Augen und Mund,
Der Hund, der Hund!
Nun lauer‘ und schleich ich im Säulengang
Auf Katzenpfoten.
Meinen Dolch betast‘ ich wohl hundertmal,
In die Brust ihn dir brech‘ ich für alle die Qual,
Als Liebesboten,
Du Hund, du Hund!

Detlev von Liliencron

Wenn wir jetzt diese beiden Einlassungen zusammenfassend betrachten, kommen wir unweigerlich zu dem Schluss, dass sich obige Schlumbergera  eher nicht zum Verschenken eignet. Zumindest nicht, wenn wir das Wohlwollen des Beschenkten gewinnen wollen.

Und bevor es zu Missverständnissen kommt: Der in den Ausführungen von Herrn v. Liliencron erwähnte Vierbeiner hat absolut nichts mit dem im Netz herumstreunenden Herrn Hund und seinem extraordinären Blog „Hundstrüffel“ zu schaffen.