…oder doch lieber nicht.

Einsteigen!

Hinten?
Oder vorne?
Oder in der Mitte?
Gefährliche Stürze drohen.
Bei unsicherem Schritte.
Wie mir scheint.

Ich geh‘ lieber nach Hause.

Foto © e.a.brokans

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Ins Blaue…

An jenen Tagen, an denen die Eier bunt und die Bahnhöfe samt ihren Zügen grau sind, mach ich mich gerne auf ins Blaue. Meist ist es dann doch nur das Grün der näheren Umgebung. Zwar ist es noch nicht Sommer, die Temperaturen laden leider auch noch nicht dazu ein, aber träumen kann man schon mal davon:

Mittags unterm Baume liegend

Kastanie du –
Gnädig entzückt,
Tragend flimmernde Hitze und Sonne,
Fächelst du lächelnd
Breitschweifende Zweige,
Grünblättergehände mir zu;
Festlich die traubigen Kerzen,
Weißstrahlenden Lichtes
Ins Grüne und Blaue gesteckt.

Wieder, wie lange schon nicht,
Daß mein Haar sich in Blumen verfing,
Die Schultern sich drückten ins Gras,
Spielst du mir Lichter
Über geschlossene Lider,
Darunter die Augen
Ertrunken und traumtief erstaunen.
Flatternde Schatten
Fallen mit über die glühende Stirn
Kühlend und streichelnd und gut.

Kichernd kitzeln Halme im Nacken –
Durch den brennenden Schlummer
Haucht mir ins Ohr nur
Ein Klang vom gemächlichen Wind.
Und ein herschwankender Wagen,
Mahlend im quirlenden Staub,
Bringt mit dem Dufte
Von schweißglänzenden Pferden und süßlichem Heu
All den Ruch und die Sonne
Des Sommers.

Gerrit Engelke

Foto © e.a.brokans

Weg und Ziel

Weil das Ziel erfreulich ist,
Hat mich’s nicht gerühret,
Daß der Weg abscheulich ist,
Der zum Ziele führet.

Aber danken wollt‘ ich dir,
Glück, wenn dir’s gefiele,
Gäbst du schöne Wege mir
Auch zum schönen Ziele.

Friedrich Rückert
1788 – 1866

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Schön wieder eine Rückert-Gedicht, werdet ihr denken. Aber bei ihm findet man halt immer irgendetwas passendes. Außerdem gefällt er. Aber jetzt werde ich mal eine kleine Rückert-Pause einlegen. Andere Poeten haben auch schöne Gedichte.

Arm Kräutchen (kein Sauerampfer)

Sah selten eine Eisenbahn
Sah niemals einen Dampfer
War nicht mal ein Sauerampfer.

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Das zarte Pflänzchen hört – so glaube ich wenigsten – auf den zauberhaften Namen Stinkender Storchschnabel/Ruprechtskraut.

Und falls jemand unwahrscheinlicherweise das inspirierende Gedicht von Herrn Ringelnatz nicht kennen sollte, hier wäre es zu finden.

Wiedergelesen: Train Dreams von Denis Johnson

Der gottesfürchtige Holzfäller und Gelegenheitsarbeiter Robert Grainier lebt im waldreichen Nordwesten der Vereinigten Staaten. Er kennt weder seine Eltern noch den Ort seiner Geburt.

„Er wusste sein Lebtag nur so viel, dass er irgendwann im Jahre 1886 entweder in Utah oder in Kanada geboren worden und mit einem Zug der 1892 fertig gestellten Great Northern Railroad zu seiner neuen Familie gekommen war“

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Spät heiratet er, mit Frau und Tochter zieht er in eine einsamen Waldhütte, allerdings ist er meist unterwegs um Geld zu verdienen. Während einer dieser Abwesenheiten kommt seine Frau in einem verheerenden Waldbrand um. Die Tochter, noch ein Säugling, wird seitdem vermißt.

Er schlägt sich weiterhin mehr schlecht als recht durchs Leben, verliert den Glauben an Gott, baut irgendwann die Waldhütte wieder neu auf und lebte als Teilzeiteremit in den „Wäldern die sein Leben ausfüllten“.

Einmal glaubt er seine verschollene Tochter in einem „Wolfsmädchen“ – einem Wesen halb Mensch, halb Wolf – wiederzuerkennen. Aber sie entschwindet erneut.

So lebt er sein mühseliges Leben bis ins 80ste Lebensjahr. Einmal ist er geflogen, nur einen kurzen Rundflug. Einmal überkam ihn die schiere Wollust, er überwand sie. Aber das Meer, obwohl eigentlich sehr nahe, hat er nie gesehen.

„Seine Lebensgeschichte […] endete damit, dass er vor einem Eisenbahnzug herumstand, in dem Elvis Presley saß.“

Immer präsent, wenn auch verhalten, sind in dieser Novelle die Eisenbahn und die Züge. Ihre Pfiffe durchdringen einsame Nächte, fordern Opfer, rollen durch unruhige Träume oder sind ganz profane Transportmittel.

Denis Johnson beschreibt dieses Lebens in seiner Kult-Novelle Train Dreams, erschienen 2004 bei Rowohlt und beim marebuchverlag. Es ist ein hartes Buch. In einer lakonischen, wuchtigen Sprache erzählt Johnson die Sorgen und Nöte und die Brutalität des Lebens der armen Teufel am Rande der Gesellschaft. Es ist schnell gelesen, es hat nur 112 Seiten, aber es bleibt viel länger im Gedächtnis.

Eine richtige Besprechung ist u.a. hier zu finden.

Eine kleine Dreingabe:

Anfang des 20. Jahrhunderts war die Eisenbahn das  einzigen zuverlässigen Transportmittel in den Weiten des nordamerikanischen Kontinents. Privatwirtschaftlich organisiert, wurde mit sehr harten Bandagen um Fracht und Passagiere gekämpft. Man war nicht zimperlich. Um die Native Americans scherte man sich keinen Deut. Erst als mit der Einrichtung der Nationalparks auch um zahlungskräftige Touristen gebuhlt wurde, erinnerte man sich ihrer, wenn auch nur zu Werbezwecken. Reklame wurde in den Staaten ja schon immer groß (im wahrsten Sinne des Wortes – man denke nur an die riesigen Billboards) geschrieben. Namhafte Künstler wurden beauftragt, Plakate und andere Werbemittel zu gestalten.

Einer dieser Künstler war der Deutsche Winold Reiss. 1886 in Karlsruhe geboren, war er zeitlebens von den amerikanischen Ureinwohner fasziniert. 1913, nach einem Kunststudium in München, emigrierte er in die Vereinigten Staaten. Als Kunstgewerbler und Innenarchitekt machte er sich bald einen Namen. Mit seiner Malerei hatte er anfänglich weniger Erfolg. Er porträtierte Schwarze und Mexikaner, diese Bilder wollte allerdings niemand sehen, geschweige den kaufen. Um Geld zu verdienen, nahm er auch andere, lukrativere Aufträge an. So wurde er schließlich auch als Porträtmaler ziemlich bekannt und erfolgreich.

Library of Congress;  http://loc.gov/pictures/resource/cph.3g05687/

Bildquelle: Library of Congress; http://loc.gov/pictures/resource/cph.3g05687/

 1919 fuhr er zum erstmals nach Montana zum Stamme der Blackfeet im Glacier-Nationalpark, natürlich mit der Great Northern Railway. In den folgenden Jahren kehrte er immer wieder dorthin zurück, er war fasziniert der vorgefundenen Kultur.

„Nie habe ich Menschen getroffen mit so wunderbarem Feingefühl und Takt. Man darf die Indianer nicht von unserem Standpunkt aus beurteilen – man muß versuchen, sie von ihrem Standpunkt zu sehen. Sie sind alle künstlerisch hochveranlagte Menschen, die Männer wie auch die Frauen. Wir können es an ihren Kostümen, Gebräuchen, Tänzen, Geräten und vor allem an ihrer poetischen Sprache beobachten. […] Ich liebe das rote Volk und bin froh, es darstellen zu dürfen.
(Quelle: Stadtwiki Karlsruhe)

Der Präsident der Great Northern Railway, Louis Hill, kaufte alle verfügbaren Indianerportäts von Reiss und verwandte sie u.a. in den damals sehr beliebten Kalendern, ähnlich den heute ach so begehrten Pirelli – Kalendern. Reiss wurde fast so etwas wie der Hauskünstler dieser Eisenbahngesellschaft.

1953 stirbt Winold Reiss. Die Blackfeet verstreuten seine Asche über ihr Heiliges Territorium.

Repro: e.a.brokans

Repro: e.a.brokans

Das abgebildete Blechreklameschild zeigt den Blackfeet – Medizinmann Lazy Boy, gemalt von Winold Reiss in den 1930er Jahren. Ich weiß nicht, ob dieses  ein Originalschild der Great Northern aus den 1940ern Jahren ist. Aber immerhin hängt es schon seit einem Vierteljahrhundert bei mir an der Wand. Also durchaus irgendwie antik.