Weltflucht

Ich will in das Grenzenlose
Zu mir zurück,
Schon blüht die Herbstzeitlose
Meiner Seele,
Vielleicht – ist’s schon zu spät zurück!
O, ich sterbe unter Euch!
Da Ihr mich erstickt mit Euch.
Fäden möchte ich um mich ziehn –
Wirrwarr endend!
Beirrend,
Euch verwirrend,
Um zu entfliehn
Meinwärts!

(1902)
– Else Lasker-Schüler –

Photo © e.a.brokans

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Sinnenrausch

Dein sünd’ger Mund ist meine Totengruft,
Betäubend ist sein süßer Atemduft,
Denn meine Tugenden entschliefen.
Ich trinke sinnberauscht aus seiner Quelle
Und sinke willenlos in ihre Tiefen,
Verklärten Blickes in die Hölle.

Mein weißer Leib erglüht in seinem Hauch,
Er zittert, wie ein junger Rosenstrauch,
Geküßt vom warmen Maienregen.
– Ich folge Dir ins wilde Land der Sünde
Und pflücke Feuerlilien auf den Wegen.
– Wenn ich die Heimat auch nicht wiederfinde

Else Lasker-Schüler

Photo © e.a.brokans

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Die exzentrische Else Lasker-Schüler war eine herausragende  Dichterin der Avantgarde und des Expressionismus. Bekannt ist sie u.a. auch durch ihren Brief- und Postkartenwechsel mit dem Maler Franz Marc, dessen Todestag  sich bald zu 100. Male jährt.
Als Deutsch-Jüdin musste sie 1933, nach tätlichen Übergriffen auf ihre Person, in die Schweiz fliehen.  Während einer Reise nach Palästina verhinderte der Kriegsausbruch ihre Rückreise in die Schweiz.  Mittellos, um nicht zu sagen schreiend arm, starb sie  1945  in Jerusalem an den Folgen eines Herzanfalls.

 

Laskerhaftes vom Prinzen Jussuf

Orgie

Der Abend küsste geheimnisvoll
Die knospenden Oleander.
Wir spielten und bauten Tempel Apoll
Und taumelten sehnsuchtsvoll
Ineinander.
Und der Nachthimmel goss seinen schwarzen Duft
In die schwellenden Wellen der brütenden Luft,
Und Jahrhunderte sanken
Und reckten sich
Und reihten sich wieder golden empor
Zu sternenverschmiedeten Ranken.
Wir spielten mit dem glücklichsten Glück,
Mit den Früchten des Paradiesmai,
Und im wilden Gold Deines wirren Haars
Sang meine tiefe Sehnsucht
Geschrei,
Wie ein schwarzer Urwaldvogel.
Und junge Himmel fielen herab,
Unersehnbare, wildsüsse Düfte;
Wir rissen uns die Hüllen ab
Und schrieen!
Berauscht vom Most der Lüfte.
Ich knüpfte mich an Dein Leben an,
Bis dass es ganz in ihm zerrann,
Und immer wieder Gestalt nahm
Und immer wieder zerrann.
Und unsere Liebe jauchzte Gesang,
Zwei wilde Symphonieen!

Else Lasker-Schüler
(alias Prinz Jussuf von Theben)

Photo © e.a.brokans

Clematis / Waldrebe  –  Photo © e.a.brokans

Das allumfassende DUDEN-Lexikon von 1962 (in sage und schreibe 3 Bänden) – ich erhielt es zu einem meiner frühesten Geburtstage, der Bilder wegen, das Lesen kam erst später – schreibt:

Lasker-Schüler, Else, *1869 + 1945,
dt. Dichterin; gehörte zu den Berliner Expressionisten,
emigrierte später nach Palästina.
Ihre Hauptleistung liegt in der Lyrik: „Hebräische Balladen“ (1913) u.a.

Alles klar, oder?