Erich sitzt!

Gefängnis

Auf dem Meere tanzt die Welle
nach der Freiheit Windmusik.
Raum zum Tanz hat meine Zelle
siebzehn Meter im Kubik.

Aus den blauen Himmeln zittert
Sehnsucht, die die Herzen stillt.
Meine Luke ist vergittert
und ihr dickes Glas gerillt.

Liebe tupft mit bleichen leisen
Fingern an ein Bett ihr Mal.
Meine Pforte ist aus Eisen,
meine Pritsche hart und schmal.

Tausend Rätsel, tausend Fragen
machen manchen Menschen dumm.
Ich hab eine nur zu tragen:
Warum sitz ich hier? Warum?

Hinterm Auge wohnt die Träne,
und sie weint zu ihrer Zeit.
Eingesperrt sind meine Pläne
namens der Gerechtigkeit.

Wie ein Flaggstock sind Entwürfe,
den ein Wind vom Dache warf.
Denn man meint oft, daß man dürfe,
was man schließlich doch nicht darf.

Erich Mühsam

Foto © e.a.brokans

Erich Kurt Mühsam: Geboren am 6. April 1878 zu Berlin. Dichter, Publizist, Anarchist und einer der führenden Köpfe der kurzlebigen Münchner Räterepublik. Nach deren Scheitern bekam er 15 Jahre Festungshaft und wurde erst 1924, nach 5 Jahren, endlich amnestiert.
Bereits kurz nach der Machtergreifung nahmen ihn die Nazis in „Schutzhaft“. Am 10. Juli 1934 wurde er im KZ Oranienburg durch die SS–Wachmannschaft vergiftet und erhängt. Nach 14 Monaten Haft und Folter sollte es wie Selbstmord aussehen!

Herbstmorgen im Kerker

Wenn morgens über Gras und Moor
sich weißlich-trüb der Nebel bauscht,
unfroher Wind mit müdem Stoß
im dürren Laub des Herbstes rauscht;
wenn eiterig der fahle Tau
von welken Blütenresten tränt,
des Äthers dichtverquollenes Grau
dem neuen Tag entgegengähnt –
und du, gefangen Jahr um Jahr,
gräbst deinen Blick in Dunst und Nichts:
da wühlt die Hand dir wohl im Haar,
und hinter deinen Augen sticht’s.
Du starrst und suchst gedankenleer
nach etwas, was du einst gedacht,
bis endlich, wie aus Fernen, schwer
das Wissen um dein Selbst erwacht.
Du musterst kalt das Eisennetz,
das dich in deinen Kerker bannt;
in dir erhebt sich das Gesetz,
zu dem dein Wille sich ermannt:
Treu sein dem Werk und treu der Pflicht,
der Liebe treu, die nach dir bangt;
treu sein dir selbst, ob Nacht – ob Licht,
dem Leben treu, das dich verlangt! …
Aus jedem Morgen wird ein Tag,
und wie die Sonne einmal doch
durch Dunst und Schleier drängen mag,
so bleibt auch dir die Hoffnung noch. –
Im Nebel dort schläft Zukunftsland.
Du drehst den Kopf zurück und blickst
an der gekalkten Zellenwand
zu deines Weibes Bild. Und nickst.

Erich Mühsam
1878 – 1934

bildschirmfoto-2016-10-13-um-19-34-59

Wir schwiegen nebeneinanderher

Wir schwiegen nebeneinanderher, –
um uns erstarb die graue Nacht,
der Nächte eine – bleich und schwer,
die ich so oft mit dir durchwacht.
Mein Sinnen hing an deiner Qual. –
Du fühltest, wie ich um dich litt.
Lau ging ein Wind, und öd und fahl
klang unser leidgedämpfter Schritt.
Ich fühlte eine Angst in dir; –
du danktest meinem stillen Trost.
Wir sahen nichts. Doch wußten wir
das Schicksal nah, das um uns lost.
Vom Himmel hing es dumpf und schwer.
Im Morgendämmern ahnte ich dich.
Wir schwiegen nebeneinanderher, –
und unsre Seelen küßten sich.

Erich Mühsam

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Eigentlich wollte ich dieses wunderschöne, mitfühlende Gedicht einfach so stehen lassen. Aber in meiner heute begonnen Lektüre fand ich folgenden Charakterisierung Mühsams:

Erich Mühsam, der Edelanarchist, dessen Stern im Berliner Café des Westens aufging und in München lange sanften literarischen Glanz ausstrahlte (trotz aller edelanarchistischer Lichter), eher er sich mit wirklich blutiger politischer Röte erfüllte, Mühsam, der von Natur immer ein liebevolles, hilfreiches, unkriegerisches Geschöpf war und über dessen revolutionäres Heldentum man auch heute gern lächeln würde, wenn es nicht doch auch verwirrend und gefährdend wirkte…

So Victor Klemperer in einem Artikel über die Münchner Räterepublik vom Februar 1919. Unter dem Pseudonym „A.B.-Mitarbeiter“ (= Antibavaricus) war er als Korrespondent für die „Leipziger Neuesten Nachrichten“ tätig.
Enthalten sind diese Berichte und die 1942 entstanden Ergänzungen in dem Buch:

Victor Klemperer
Man möchte immer weinen und lachen in einem
Revolutionstagebuch 1919
Aufbau-Verlag bzw. Büchergilde Gutenberg.

Eine faszinierenden, sehr persönlich gefärbte Lektüre. Unbedingt empfehlenswert. Gerade auch in der Jetztzeit. Schildert sie doch sehr eindrücklich, wie schnell Wortgefechte zu tatsächlichen Gewaltausbrüchen führen können.

—-

Nachtrag: In den Kommentaren findet ihr ein vertontes Gedicht von Mühsam. Vielen Dank an Gerhard vom Kulturforum.

Weihnachten

Bevor wir (also ich, ich kann ja nur für mich sprechen) vollends in vorweihnachtlichen Sentimentalitäten versinken, ein kleines Weihnachtsgedicht von Herrn Mühsam, dem ollen Romantiker.

Nun ist das Fest der Weihenacht,
das Fest, das alle glücklich macht,
wo sich mit reichen Festgeschenken
Mann, Weib und Greis und Kind bedenken,
wo aller Hader wird vergessen
beim Christbaum und beim Karpfenessen;

und groß und klein und arm und reich –
an diesem Tag ist alles gleich.
So steht’s in vielerlei Varianten
in deutschen Blättern. Alten Tanten
und Wickelkindern rollt die Zähre
ins Taschentuch ob dieser Märe.
Papa liest’s der Familie vor,
und alle lauschen und sind Ohr …
Ich sah, wie so ein Zeitungsblatt
ein armer Kerl gelesen hat.
Er hob es auf aus einer Pfütze,
daß es ihm hinterm Zaune nütze.

Erich Mühsam

Bildschirmfoto 2015-12-20 um 21.37.31

Photo © e.a.brokans /zum Motiv – siehe weiter unten.

Ich wünsche meinen Lesern und Guckern ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest und ein gutes, gesundes neues Jahr.  Und allen anderen Menschen auch, egal woher sie kommen oder wohin sie gehen (müssen). Die Welt ist seit der Zeit von Erich Mühsam nicht besser geworden, nur anders. Aber versuchen wir trotzdem unser Bestes, a bissal wos geht oiwei!

Ich danke Euch herzlichst für die Treue und für so manches ermutigende und ermunternde Wort.
Ebenso möchte ich mich für Eure interessanten und vielseitigen Blogs – in denen ich sehr gerne lese und gucke – bedanken. Manche Anregung und so manch‘ Nachdenkenswertes habe ich darin gefunden.

Schöne Zeit
Erich

Zum Bild: Es handelt sich um eine Krippe aus Nordamerika (wer hätte das gedacht), zu sehen in der öku­meni­sche Samm­lung religiöser Volkskunst und Kunsthandwerk aus der ganzen Welt von Prof. Gertrud Wein­hold.
Die Sammlung ist im altes Schloss zu Schleissheim bei München (einer Dependance des Bayer. Nationalmuseums) ausgestellt.

(Und mein Vorsatz für das neue Jahr: mehr auf die Endkorrektur achten!)

Die Zeit ist aufgeregt

Die Zeit ist aufgeregt;
Gott weiß, was sie bewegt;
Auf welches hohe Ziel
Ihr Kampf ist angelegt!
Ich weiß, daß sich der Sturm
Vor meinem Hauch nicht legt;
Der Sturm, der Wellen peitscht,
Und Weltbautrümmer fegt.
Doch einen sucht das Leid,
Der es im Stillen pflegt,
Zu retten durch die Zeit,
Was keine Zeit umhegt.
Wie durchs empörte Meer,
Das gegen Himmel schlägt,
Das ihr vertraute Pfand
Die Perlenmuschel trägt

Friedrich Rückert

Photo e.a.brokans

Photo e.a.brokans

Eine kleine Anmerkung zum Bild:

Mit dem gezeigten Feldkreuz nehme ich nicht Partei für eine Religion. Mir ist es egal ob sich die Anhänger der verschieden Religionen unter irgendwelchen Zeichen, Symbolen oder Sinnbildern versammeln. Vielmehr ist es für mich – in unserem Kulturkreis – ein Beispiel für Leid und Trauer aber auch für Nächstenliebe und Hoffnung. Den die Idee, die dahinter steht ist nicht schlecht. Was aber der „denkende“ Mensch aus vielen, eigentlich guten Denkansätzen – wie sie in vielen Religionen durchaus vorhanden sind – gemacht hat, steht auf einem anderen Blatt und ist für mich indiskutabel.

Wenn man sich mit den momentanen Zeitläuften beschäftigt, erkennt man leider, dass die Lernfähigkeit des Menschen aus den Ereignissen seiner  Geschichte ziemlich beschränkt ist. Aber es soll ja noch Hoffnung geben, sagt man. Aber um daran zu glauben, benötigt man schon sehr viel Kraft. Womit wir wieder bei meiner Symbolik des Feldkreuzes wären.

Wenn nicht, können wir wohl immer öfter der Einladung von Erich Mühsam Folge leisten:

Ich lade euch zum Requiem

Ich lade euch zum Requiem
vors Ehrenmal der Totenmauer.
Aus Liebe, Schmerz, Empörung, Trauer
wand ich ein Blumendiadem.

Zerpflückt nicht, so ihr Menschen seid,
den Kranz, den ich gebunden habe,
und denkt daran: am frischen Grabe,
unkritisch, weint das frische Leid.

Das Heut erkennt das Gestern nicht,
trotz Ruhmeskranz und Seelenmessen. –
Wer Zukunft schuf, bleibt unvergessen.
Erst die Geschichte hält Gericht.

Erich Mühsam

 

Trostspruch

Das Schicksal kann den Körper prügeln,
kann mit Kandare, Sporen, Bügeln
den Fuß, die Hand, die Stimme zügeln. –
Der Geist steigt auf mit freien Flügeln
und lacht ins Tal von Wolkenhügeln.

Erich Mühsam

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Erich Kurt Mühsam: Dichter, Publizist, Anarchist und and einer der führenden Köpfe der Münchner Räterepublik. Geboren am 6. April 1878 zu Berlin.
Am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg – nach 14 Monaten Haft und Folter – vergiftet und erhängt durch die Nazischergen der SS – Wachmannschaft.

Marginalie am Rande: In meinem Duden-Lexikon von 1962 findet sich kein Eintrag zu Erich Mühsam.

Nicht nur Herr Mühsam ist verwirrt.

Verwirrt von dem Erlebnis dieser Tage
will ich zurück zu meinen Künsten fliehn.
Im stillen Rhythmus einer wehen Klage,
ein Neues, mag’s in fremde Seelen ziehn.
Vielleicht steht irgendwo ein Unbekannter,
in dessen Tränen eine meiner gleicht – –
ein Trunkenbold des Leides, ein Verbannter,
verwirrt von einem Glück, das floh. Vielleicht …

Erich Mühsam

(Quelle)

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans