Tulpen…oder so.

Es verdreußt ihm!
Ode Trochaica.

Tulpen blühen und Narzissen /
Tellus stikkt ihr Hochzeits-Kissen.
Kleine blaue Veilgens drin
machen / daß ich frölig bin.
Klükkernd mit den göldnen Glökkgen /
springen bundte Zihgen-Bökkgen.
Vatter Pan / der auch darbey /
bläst auff seiner Dideldumdey.
Unter einem Rohsen-Wölckgen
buhlt im Baum ein Vogel-Völckgen.
Mars in Waffen / Venus nakkt /
beyde dantzend drümb im Takkt.
Harffen-Zupffen / Lauten-Schlagen
ist itzt rächt mein Wohlbehagen.
Dihß nur macht mir vihl Verdruß /
daß ich eintzel schlaffen muß!

Arno Holz
1863 – 1929

© mannigfaltiges 2015.02

© mannigfaltiges 2015.02

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An die Bäume im Winter

Gute Bäume, die ihr die starr entblätterten Arme
Reckt zum Himmel und fleht wieder den Frühling herab!
Ach, ihr müßt noch harren, ihr armen Söhne der Erde,
Manche stürmische Nacht, manchen erstarrenden Tag!
Aber dann kommt wieder die Sonne mit dem grünenden Frühling
Euch; nur kehret auch mir Frühling und Sonne zurück?
Harr geduldig, Herz, und bringt in die Wurzel den Saft dir!
Unvermutet vielleicht treibt ihn das Schicksal empor.

Johann Gottfried von Herder (1744–1803)

© mannigfaltiges 2015.01

© mannigfaltiges 2015.01

Im Winter

Acker leuchtet weiß und kalt.
Der Himmel ist einsam und ungeheuer.
Dohlen kreisen über dem Weiher
Und Jäger steigen nieder vom Wald.

Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt.
Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.
Bisweilen schellt sehr fern ein Schlitten
Und langsam steigt der graue Mond.

Ein Wild verblutet sanft am Rain
Und Raben plätschern in blutigen Gossen.
Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.
Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.

Georg Trakl

© mannigfaltiges 2015.01

© mannigfaltiges 2015.01

Geknickte Äste

KNARREN EINES GEKNICKTEN ASTES

Dritte Fassung

Splittrig geknickter Ast,
Hangend schon Jahr um Jahr,
Trocken knarrt er im Wind sein Lied,
Ohne Laub, ohne Rinde,
Kahl, fahl, zu langen Lebens,
Zu langen Sterbens müd.
Hart klingt und zäh sein Gesang,
Klingt trotzig, klingt heimlich bang
Noch einen Sommer,
Noch einen Winter lang.

Hermann Hesse

© mannigfaltiges 2014.12

© mannigfaltiges 2014.12

Der Tod im Baum

Im Nebelduft am Straßensaum
Da steht ein Ebereschenbaum.
Die Früchte schimmern blutigrot,
Im kahlen Wipfel hockt der Tod.

Die Fiedel hält die Knochenhand,
Mit Menschensehnen bleich bespannt.
Den Schädel, der wie Silber glänzt,
Ein Kranz von Vogelbeeren kränzt.

Der Kiefer blank die Zähne zeigt,
Er grinst vergnügt und singt und geigt.
Aus schwarzer Ackerfurch‘ zu hauf
Ein Schwarm von Krähen flattert auf.

Der Singsang des Gerippleins gellt:
»Nun bist du mein, du weite Welt!
Die schwarzen Vögel hör‘ ich schrein,
Ihr sollt die Totengräber sein.

Was je geblüht, was je gelacht,
Wird nun ins kalte Grab gebracht.
Die Welt ringsum liegt tot und stumm –
Was aber klingt dort für Gesumm?«

Ein Büblein kommt des Wegs daher,
Zur Schule trägt’s sein Ränzel schwer.
Der Ostwind pfeift ihm ins Gesicht,
Den kleinen Mann bekümmert’s nicht.

Und wie er tapfer fürbaß zieht,
Er summt ein lieblich Weihnachtslied.
Der Tod im Baume lauscht voll Grimm,
Möcht schweigen gern die Kinderstimm‘.

Er wirft den Kranz ihm an den Kopf,
Da lacht hinauf der muntre Tropf:
Das schöne Kränzel heb‘ ich auf! –
Mit Schrein entschwirrt der Krähenhauf.

Paul Heyse (1830 – 1914)
Nobelpreis für Literatur (1910)

© mannigfaltiges 2014.

© mannigfaltiges 2014.

Verklärter Herbst

(Okay, ich weiss es ist etwas zu früh für Herbstgedichte, aber es ist eine schöne Zeit – und immerhin gibt es auch schon Lebkuchen!)

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Georg Trakl

© erand47

© erand47