Mein Baum

De profundis

Es ist ein Stoppelfeld, in das ein schwarzer Regen fällt.
Es ist ein brauner Baum, der einsam dasteht.
Es ist ein Zischelwind, der leere Hütten umkreist –
Wie traurig dieser Abend.

Am Weiler vorbei
Sammelt die sanfte Waise noch spärliche Ähren ein.
Ihre Augen weiden rund und goldig in der Dämmerung
Und ihr Schoß harrt des himmlischen Bräutigams.

Bei ihrer Heimkehr
Fanden die Hirten den süßen Leib
Verwest im Dornenbusch.

Ein Schatten bin ich ferne finsteren Dörfern.
Gottes Schweigen
Trank ich aus dem Brunnen des Hains.

Auf meine Stirne tritt kaltes Metall.
Spinnen suchen mein Herz.
Es ist ein Licht, das meinen Mund erlöscht.

Nachts fand ich mich auf einer Heide,
Starrend von Unrat und Staub der Sterne.
Im Haselgebüsch
Klangen wieder kristallne Engel.

Georg Trakl

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Es ist natürlich nicht mein Baum. Wir kennen uns nur schon sehr lange. Er lebt in der Nähe einer stark befahrenen Straße. Die ganze Gegend ist ein Naherholungsgebiet mit vielen Bade- und Kiesweihern. Auf der anderen Straßenseite, keine 600 m Luftlinie von ihm entfernt, wurde eine ehemalige Raketenstellung zu einem Flüchtlingsheim umgewandelt. Auf dem Areal hinter dem Baum befindet sich eine weiträumige Trainings- und Testanlage für angehende Hubschrauberpiloten. Also bei weitem kein einsames, verstecktes Idyll.

Ein Baum unter vielen in dieser Gegend, tagsüber fällt er nicht mal besonders auf. Es gibt größere und schönere in seiner Nähe, auch direkt an der Straße. Auch Bäume, die mit Menschenschicksalen verknüpft sind. Ich kenne diese Bäume. Alle. Auch die Schicksale.

Mein Baum hat keine besondere Geschichte, es ist nur ein Baum. Er ist weit genug von der Straße entfernt. Aber jedesmal, wenn ich an ihm vorüberfahre, grüße ich ihn. Und wenn es nur einen kurzer, freundschaftlicher Blick ist.

Anders war die Sache bei vielen Nachtfahrten, besonders im Herbst und im Winter. Bei Schnee und Regen und am schönsten und geheimnisvollsten: wenn der Mond ihn und das beschneite Feld beleuchtetet. Da stand er dann – einsam, kraftvoll, voller Geheimnisse. Ein Sinnbild für Stärke. Er beflügelte (und beflügelt noch immer) meine Gedanken, viele Wünsche hängte ich in seine kahlen Äste, wenige gingen in Erfüllung. Einer ging in Erfüllung. Ihr seht es hier. Ich wollte ihm eine Denkmal setzen. Mittlerweile ist es das fünfte oder sechste Photo von ihm auf dem Blog. Mögen noch viele folgen.

Übrigens ist dieses Photo nicht aus dem Archiv, es entstand am Freitagmorgen. Ich war auf dem Weg zu einigen, nicht unbedingt angenehmen, aber auch nicht besonders wichtigen Terminen. Ein kurzer Stopp, etwas rumgeknipst, durchgeatmet und schon ging alles viel leichter von der Hand.

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Seele des Lebens

Verfall, der weich das Laub umdüstert,
Es wohnt im Wald sein weites Schweigen.
Bald scheint ein Dorf sich geisterhaft zu neigen.
Der Schwester Mund in schwarzen Zweigen flüstert.

Der Einsame wird bald entgleiten,
Vielleicht ein Hirt auf dunklen Pfaden.
Ein Tier tritt leise aus den Baumarkaden,
Indes die Lider sich vor Gottheit weiten.

Der blaue Fluß rinnt schön hinunter,
Gewölke sich am Abend zeigen;
Die Seele auch in engelhaftem Schweigen.
Vergängliche Gebilde gehen unter.

Georg Trakl

Bildschirmfoto 2015-12-09 um 21.33.27

Photo © e.a.brokans

Zu Abend mein Herz

Am Abend hört man den Schrei der Fledermäuse.
Zwei Rappen springen auf der Wiese.
Der rote Ahorn rauscht.
Dem Wanderer erscheint die kleine Schenke am Weg.
Herrlich schmecken junger Wein und Nüsse.
Herrlich: betrunken zu taumeln in dämmernden Wald.
Durch schwarzes Geäst tönen schmerzliche Glocken.
Auf das Gesicht tropft Tau.

Georg Trakl

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Nein, nicht in Venedig…

… hängt dieser Kronleuchter, sondern irgendwo in der deutschen Provinz.

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Aber der Herr Trakl, der war schon in Venedig:

Es ist Mitte August, und Georg Trakl läuft ziellos über den Lido von Venedig. Die Sonne scheint, das Wasser ist warm, und der Dichter ist der unglücklichste Mensch auf der ganzen Welt.

Meint zumindest Florian Illies in seinem Buch „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“. Und wenn man dann eines der dort entstandenen  Gedichte als Maßstab nimmt, hat Herr Illies so unrecht nicht.

In Venedig

Stille in nächtigem Zimmer.
Silbern flackert der Leuchter
Vor dem singenden Odem
Des Einsamen;
Zaubrisches Rosengewölk.

Schwärzlicher Fliegenschwarm
Verdunkelt den steinernen Raum
Und es starrt von der Qual
Des goldenen Tags das Haupt
Des Heimatlosen.

Reglos nachtet das Meer.
Stern und schwärzliche Fahrt
Entschwand am Kanal.
Kind, dein kränkliches Lächeln
Folgte mir leise im Schlaf.

Georg Trakl

Welche Gedichte wird man in 100 Jahren über diesen Sommer und diesen Herbst rezitieren?

In einem alten Garten

Resedaduft entschwebt im braunen Grün,
Geflimmer schauert auf den schönen Weiher,
Die Weiden stehn gehüllt in weiße Schleier
Darinnen Falter irre Kreise ziehn.

Verlassen sonnt sich die Terrasse dort,
Goldfische glitzern tief im Wasserspiegel,
Bisweilen schwimmen Wolken übern Hügel,
Und langsam gehn die Fremden wieder fort.

Die Lauben scheinen hell, da junge Frau’n
Am frühen Morgen hier vorbeigegangen
Ihr Lachen blieb an kleinen Blättern hangen,
In goldenen Dünsten tanzt ein trunkener Faun.

Georg Trakl
1887 – 1914

@ e.a.brokans 2015.05

@ e.a.brokans 2015.05

Ein Baum – ohne Wanderer

Der Wanderer

2. Fassung

Immer lehnt am Hügel die weiße Nacht,
Wo in Silbertönen die Pappel ragt,
Stern‘ und Steine sind.

Schlafend wölbt sich über den Gießbach der Steg,
Folgt dem Knaben ein erstorbenes Antlitz,
Sichelmond in rosiger Schlucht

Ferne preisenden Hirten. In altem Gestein
Schaut aus kristallenen Augen die Kröte,
Erwacht der blühende Wind, die Vogelstimme des Totengleichen
Und die Schritte ergrünen leise im Wald.

Dieses erinnert an Baum und Tier. Langsame Stufen von Moos;
Und der Mond,
Der glänzend in traurigen Wassern versinkt.

Jener kehrt wieder und wandelt an grünem Gestade,
Schaukelt auf schwarzem Gondelschiffchen durch die verfallene Stadt.

Georg Trakl
1887 – 1914

Bildschirmfoto 2015-05-04 um 15.12.05

Kein Wanderer, keine Pappel, kein Mond und auch sonst fehlt so einiges…aber die Stimmung passt, glaube ich.

Im Winter

Acker leuchtet weiß und kalt.
Der Himmel ist einsam und ungeheuer.
Dohlen kreisen über dem Weiher
Und Jäger steigen nieder vom Wald.

Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt.
Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.
Bisweilen schellt sehr fern ein Schlitten
Und langsam steigt der graue Mond.

Ein Wild verblutet sanft am Rain
Und Raben plätschern in blutigen Gossen.
Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.
Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.

Georg Trakl

© mannigfaltiges 2015.01

© mannigfaltiges 2015.01