Ins Blaue…

An jenen Tagen, an denen die Eier bunt und die Bahnhöfe samt ihren Zügen grau sind, mach ich mich gerne auf ins Blaue. Meist ist es dann doch nur das Grün der näheren Umgebung. Zwar ist es noch nicht Sommer, die Temperaturen laden leider auch noch nicht dazu ein, aber träumen kann man schon mal davon:

Mittags unterm Baume liegend

Kastanie du –
Gnädig entzückt,
Tragend flimmernde Hitze und Sonne,
Fächelst du lächelnd
Breitschweifende Zweige,
Grünblättergehände mir zu;
Festlich die traubigen Kerzen,
Weißstrahlenden Lichtes
Ins Grüne und Blaue gesteckt.

Wieder, wie lange schon nicht,
Daß mein Haar sich in Blumen verfing,
Die Schultern sich drückten ins Gras,
Spielst du mir Lichter
Über geschlossene Lider,
Darunter die Augen
Ertrunken und traumtief erstaunen.
Flatternde Schatten
Fallen mit über die glühende Stirn
Kühlend und streichelnd und gut.

Kichernd kitzeln Halme im Nacken –
Durch den brennenden Schlummer
Haucht mir ins Ohr nur
Ein Klang vom gemächlichen Wind.
Und ein herschwankender Wagen,
Mahlend im quirlenden Staub,
Bringt mit dem Dufte
Von schweißglänzenden Pferden und süßlichem Heu
All den Ruch und die Sonne
Des Sommers.

Gerrit Engelke

Foto © e.a.brokans

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Ich bin nur ein Tropfen

Ich kam aus den Meeren, ich kam aus der Sonne,
Ich kam aus dem Wind,
Die alle mir Urväter und Mütter sind;
Aus fallenden Zeiten, aus ewiger Nacht ein lallendes Werde,
Ein schillernder Tropfen, ein hilfloses Kind,
Geworfen auf winzigen Fleck der Erde.
Ein Häuflein Jahre des Lebens,
Gefäß des Kummers und freudig flutenden Bebens,
Ein kreisendes Stündlein vor ewiger Zeit.
O halte, Weltanfang und -ende mich immer in Demut bereit,
Ich kam aus den Meeren, aus Sonne und Wind,
Und bin nur ein Kind.

Ist es nicht immer genug:
Daß dich ein herbstlich verblutender Baum,
Hintaumelnder Vogelflug,
Entzündeter Abendwolken Schaum,
Ein schluchzend einfältiglich Lied,
Das über engende Höfe flieht,
In gottvolle Armut und Nacktheit entrückt,
Unendlich beglückt!

Gerrit Engelke

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Engelke, Gerrit, *1890, + 1918, dt. Arbeiterdichter; Gegenstand seiner Gedichte sind die Großstadt u. d. Fabriken; Gedichtsammlungen, u.a. „Rhythmus des neuen Europas“ (posth. 1921). [Duden-Lexikon 1962]

Engelke „das erste Genie, das aus dem Proletariat hervorgegangen ist“ (so zumindest der Dramatiker und Kritiker Julius Bab) machte die Hölle des Grabenkrieges fast die gesamten 4 Jahre mit. Er starb am 13. Oktober 1918 in einem Feldlazarett der Briten bei Cambrai / Frankreich an den Folgen einer Schussverletzung. Das Gerücht vom bevorstehenden Waffenstillstand hatte er noch mitbekommen.

So schrieb er 6 Tage vor seinem Tod  an den Dichter Jakob Kneip:

Ich sitze heute den vierten Tag in meinem Erdloch, schräg in einen Eisenbahndamm hineingegraben. Lese augenblicklich eine Monographie über Walt Whitman und höre alle Augenblicke Neues von der Außenwelt: Neue Regierung in Deutschland, Friedensbereitschaft…
(zitiert aus: Endzeit Europa, Wallstein Verlag)

Gerrit Engelke wurde 27 Jahre alt.