Kristall

Ganz still. Und viele welke Blätter liegen
wie braunes Gold, in Sonne eingetaucht.
Der Himmel ist sehr blau,
und weiße Wolken wiegen.
Ein heller Frost den Reif auf Bäume haucht.

Die Tannen stehen frisch und grün,
und ihre Wipfel zeigen in die Luft.
Und rote Buchen schlank und kühn
hör’n auf den Adler, dessen Flug sie ruft,
und steigen immer höher himmelan.
Einsame Bänke stehen dann und wann
und auch ein bisschen Gras, schon halb erfroren –
die Sonne hat’s zu ihrem Liebling auserkoren.

8.12.1940

Selma Meerbaum-Eisinger
1924 – 1942

Photo © e.a.brokans

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Herbstwonne

Leuchtende Oktobertage,
Deren Hauch den Wald durchzieht,
Holder tönt mir eure Klage
Als des Frühlings frohstes Lied!

Lose an den Wipfeln hangend,
Trennen in dem milden West,
Gelb und rot und golden prangend,
Sich die Blätter vom Geäst.

Alle, alle endlich müssen
Fallen; die der Wind nicht brach,
Vor der Sonne warmen Küssen
Sinken sie den andern nach.

Und die wilden Rosen senken,
Während sie mit heißem Duft
Einmal noch die Lüfte tränken,
Blatt auf Blatt sich in die Gruft.

Seit der Osten rot erglühte,
Bis zur Zeit des Abendwehns
Schwelg‘ ich hier mit Laub und Blüte
In der Wonne des Vergehens.

Adolf Friedrich von Schack
1815 – 1894

Photo © e.a.brokans

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Herbstmorgen im Kerker

Wenn morgens über Gras und Moor
sich weißlich-trüb der Nebel bauscht,
unfroher Wind mit müdem Stoß
im dürren Laub des Herbstes rauscht;
wenn eiterig der fahle Tau
von welken Blütenresten tränt,
des Äthers dichtverquollenes Grau
dem neuen Tag entgegengähnt –
und du, gefangen Jahr um Jahr,
gräbst deinen Blick in Dunst und Nichts:
da wühlt die Hand dir wohl im Haar,
und hinter deinen Augen sticht’s.
Du starrst und suchst gedankenleer
nach etwas, was du einst gedacht,
bis endlich, wie aus Fernen, schwer
das Wissen um dein Selbst erwacht.
Du musterst kalt das Eisennetz,
das dich in deinen Kerker bannt;
in dir erhebt sich das Gesetz,
zu dem dein Wille sich ermannt:
Treu sein dem Werk und treu der Pflicht,
der Liebe treu, die nach dir bangt;
treu sein dir selbst, ob Nacht – ob Licht,
dem Leben treu, das dich verlangt! …
Aus jedem Morgen wird ein Tag,
und wie die Sonne einmal doch
durch Dunst und Schleier drängen mag,
so bleibt auch dir die Hoffnung noch. –
Im Nebel dort schläft Zukunftsland.
Du drehst den Kopf zurück und blickst
an der gekalkten Zellenwand
zu deines Weibes Bild. Und nickst.

Erich Mühsam
1878 – 1934

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Lied im Herbst

Wie Krieger in Zinnober
Stehn Bäume auf der Wacht.
Ich taumle durch Oktober
Und Nacht.

Blut klebt an meinem Rocke.
Mein Weg ist weit und lang.
Des Tales dunkle Glocke
Verklang.

Auf einem schwarzen Pferde
Reit ich von Stern zu Stern.
Die Sonne und die Erde
Sind fern.

Ich bin von vielen Winden
Zu Gott emporgereicht.
Werd ich den Frühling finden?
Vielleicht …

Klabund
(eigentl. Alfred Henschke)
1890 – 1928

Photo © e.a.brokans

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Welke Blätter

Plötzlich hallt mein Schritt nicht mehr,
sondern rauschet leise, leise,
wie die tränenvolle Weise,
die ich sing’, von Sehnsucht schwer.
Unter meinen müden Beinen,
die ich hebe wie im Traum,
liegen tot und voll von Weinen
Blätter von dem großen Baum.

                                     24.9.1939

Selma Meerbaum-Eisinger
1924 – 1942

Photo © e.a.brokans

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Selma Merbaum – so hieß sie eigentlich in allen amtlichen Unterlagen – schrieb dieses Gedicht mit 15 Jahren. In Czernowitz (Rumänien) geboren und aufgewachsen, musste sie und ihre Familie, nach der deutschen Besetzung des kurzfristig sowjetischen Gebietes, ins jüdische Ghetto von Czernowitz umsiedeln. Im Juni 1942, mit der letzten „Aushebung“, wurden sie in verschiedene Arbeitslager „verschafft“. Im Lager Michailowka – in der damals deutsch besetzten Ukraine – starb sie schließlich am 16. Dezember 1942 an Fleckfieber. Sie wurde nur 18 Jahre alt und hinterließ 58 Gedichte.

Eine ausführliche Biografie über Selma Meerbaum, mit neuen Aspekten und neu transkribierten Texten, ist von Marion Tauschwitz veröffentlicht worden. Mehr dazu auf der Homepage der Autorin oder bei literaturkritik.de.

Natürlich darf man Jürgen Serke nicht vergessen. Dem Fürsprecher der verbrannten und verbannten Dichter ist es zu verdanken, dass Selma Meerbaum schließlich einem breiteren Publikum bekannt wurde. Seine „Geschichte einer Entdeckung“ ist hier nachzulesen.

Herbstlied

…und damit ist das Thema „Herbst“ durch – zumindest für mich und für heuer.

Chanson d’automne

Les sanglots longs
Des violons
De l’automne
Blessent mon coeur
D’une langueur
Monotone.

Tout suffocant
Et blême, quand
Sonne l’heure,
Je me souviens
Des jours anciens
Et je pleure

Et je m’en vais
Au vent mauvais
Qui m’emporte
Deçà, delà,
Pareil à la
Feuille morte

Paul Verlaine

Zugegeben, ich habe keine Ahnung was mir Herr Verlaine damit sagen will. Meine rudimentären Französischkenntnisse reichen nur für Küche und Bett – beim letzteren meine ich natürlich das Prozedere des Übernachtens in einem fremden Land.

Somit musste ich Herrn Stefan George – den ich sonst gerne meide – bemühen, mir das Lied verständlich zu machen.

Hier seine Version (ja, ich weiß, es gibt auch noch andere – aber was soll’s):

Herbstlied

Seufzer gleiten
Die saiten
Des herbsts entlang
Treffen mein herz
Mit einem schmerz
Dumpf und bang.

Beim glockenschlag
Denk ich zag
und voll peinen
An die zeit
Die nun schon weit
Und muss weinen.

Im bösen winde
Geh ich und finde
Keine statt…
Treibe fort
Bald da bald dort –
Ein welkes blatt.

Photo © e.a.brokans

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