Herbstlied

…und damit ist das Thema „Herbst“ durch – zumindest für mich und für heuer.

Chanson d’automne

Les sanglots longs
Des violons
De l’automne
Blessent mon coeur
D’une langueur
Monotone.

Tout suffocant
Et blême, quand
Sonne l’heure,
Je me souviens
Des jours anciens
Et je pleure

Et je m’en vais
Au vent mauvais
Qui m’emporte
Deçà, delà,
Pareil à la
Feuille morte

Paul Verlaine

Zugegeben, ich habe keine Ahnung was mir Herr Verlaine damit sagen will. Meine rudimentären Französischkenntnisse reichen nur für Küche und Bett – beim letzteren meine ich natürlich das Prozedere des Übernachtens in einem fremden Land.

Somit musste ich Herrn Stefan George – den ich sonst gerne meide – bemühen, mir das Lied verständlich zu machen.

Hier seine Version (ja, ich weiß, es gibt auch noch andere – aber was soll’s):

Herbstlied

Seufzer gleiten
Die saiten
Des herbsts entlang
Treffen mein herz
Mit einem schmerz
Dumpf und bang.

Beim glockenschlag
Denk ich zag
und voll peinen
An die zeit
Die nun schon weit
Und muss weinen.

Im bösen winde
Geh ich und finde
Keine statt…
Treibe fort
Bald da bald dort –
Ein welkes blatt.

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Schöne Aussichten…

…sind das wohl nicht, wenn diese Bauernregel zutrifft:

Blühen im Herbst die Bäume auf’s neu, währet der Winter bis zum Mai.

Allerdings ist es wohl auch nicht normal das dieses Bäumchen, in der Nähe eines Supermarktparkplatzes entdeckt, jetzt noch so schöne Blüten treibt.

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Herbstmorgen…

…am See.

[…]
Ab und zu sehe ich von der Arbeit auf: in den Mälarsee und auf den Kalender. Der See zeigt den Herbst an; der Kalender auch.
[…]
aus:
Peter Panter
Die Weltbühne, 08.10.1929

Der gesamte Text von Kurt Tucholsky ist als Theaterkritik mit dem Titel „Die Kollektiven“ bei textlog.de zu finden.

Auf dem Bild ist natürlich nicht der Mälarsee in Schweden, sondern ein Kiesweiher in der Nachbarschaft zu sehen. Aber für die Stimmung tut er es doch auch. Oder?

Einen schönen Sonntag.

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Trübsinn

Weltunglück geistert durch den Nachmittag.
Baraken fliehn durch Gärtchen braun und wüst.
Lichtschnuppen gaukeln um verbrannten Mist,
Zwei Schläfer schwanken heimwärts, grau und vag.

Auf der verdorrten Wiese läuft ein Kind
Und spielt mit seinen Augen schwarz und glatt.
Das Gold tropft von den Büschen trüb und matt.
Ein alter Mann dreht traurig sich im Wind.

Am Abend wieder über meinem Haupt
Saturn lenkt stumm ein elendes Geschick.
Ein Baum, ein Hund tritt hinter sich zurück
Und schwarz schwankt Gottes Himmel und entlaubt.

Ein Fischlein gleitet schnell hinab den Bach;
Und leise rührt des toten Freundes Hand
Und glättet liebend Stirne und Gewand.
Ein Licht ruft Schatten in den Zimmern wach.

Georg Trakl
1887 -1914

© mannigfaltiges

© mannigfaltiges

Letzte Blüten

Noch eine Ros‘ am kahlen Strauch
Fand im Advent ich aufgeblüht,
Noch eines Liedes zarter Hauch
Klang mir verstohlen im Gemüt.

Der Rose Blätter taumeln hin,
Da ich sie kaum berührt, ins Beet,
Das Liedchen schwand mir aus dem Sinn –
Für Sommerkinder ist’s zu spät!

Paul Heyse (1830 – 1914)

© mannigfaltiges

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Der Tod im Baum

Im Nebelduft am Straßensaum
Da steht ein Ebereschenbaum.
Die Früchte schimmern blutigrot,
Im kahlen Wipfel hockt der Tod.

Die Fiedel hält die Knochenhand,
Mit Menschensehnen bleich bespannt.
Den Schädel, der wie Silber glänzt,
Ein Kranz von Vogelbeeren kränzt.

Der Kiefer blank die Zähne zeigt,
Er grinst vergnügt und singt und geigt.
Aus schwarzer Ackerfurch‘ zu hauf
Ein Schwarm von Krähen flattert auf.

Der Singsang des Gerippleins gellt:
»Nun bist du mein, du weite Welt!
Die schwarzen Vögel hör‘ ich schrein,
Ihr sollt die Totengräber sein.

Was je geblüht, was je gelacht,
Wird nun ins kalte Grab gebracht.
Die Welt ringsum liegt tot und stumm –
Was aber klingt dort für Gesumm?«

Ein Büblein kommt des Wegs daher,
Zur Schule trägt’s sein Ränzel schwer.
Der Ostwind pfeift ihm ins Gesicht,
Den kleinen Mann bekümmert’s nicht.

Und wie er tapfer fürbaß zieht,
Er summt ein lieblich Weihnachtslied.
Der Tod im Baume lauscht voll Grimm,
Möcht schweigen gern die Kinderstimm‘.

Er wirft den Kranz ihm an den Kopf,
Da lacht hinauf der muntre Tropf:
Das schöne Kränzel heb‘ ich auf! –
Mit Schrein entschwirrt der Krähenhauf.

Paul Heyse (1830 – 1914)
Nobelpreis für Literatur (1910)

© mannigfaltiges 2014.

© mannigfaltiges 2014.

Der Tag, der keine Sonne sah…

Der Tag, der keine Sonne sah, verbleicht;
Der Weg versinkt in abendschwerem Regen.
Der müde Fuß, den weicher Schlamm umschleicht,
Steigt Schritt vor Schritt der Dunkelheit entgegen.

Zu beiden Seiten kriechen niedre Hecken,
Den Fuß belauernd, hin am Wegesrand.
Gekappter Bäume kahle Äste recken
Sich hoch wie Finger einer Totenhand. –

Und schwärzer wird die Nacht – und endlos dehnt
Die Straße sich – und schmutziger Regen tropft. –
Nie hat die Seele sich so heiß gesehnt; –
Nie hat das Herz so lebenswild geklopft.

Erich Mühsam
Dichter, Publizist und Anarchist
1887 – 1934 (im KZ Oranienburg ermordet)

© mannigfaltiges

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