Eine gelbe Zitrone

Es war eine gelbe Zitrone,
Die lag unter einer Kanone,
Und deshalb bildete sie sich ein,
Eine Kanonenkugel zu sein.
Der Kanonier im ersten Glied,
Der merkte aber den Unterschied.
– – – – – – – – – – – – – – – – – –
Bemerkt sei noch zu diesem Lied,
Ein Unterschied ist kein Oberschied.

Joachim Ringelnatz

Foto © e.a.brokans

Ein Nagel

Ein Nagel saß in einem Stück Holz.
Der war auf seine Gattin sehr stolz.
Die trug eine goldene Haube
Und war eine Messingschraube.
Sie war etwas locker und etwas verschraubt,
Sowohl in der Liebe, als auch überhaupt.
Sie liebte ein Häkchen und traf sich mit ihm
In einem Astloch. Sie wurden intim.
Kurz, eines Tages entfernten sie sich
Und ließen den armen Nagel im Stich.
Der arme Nagel bog sich vor Schmerz.
Noch niemals hatte sein eisernes Herz
So bittere Leiden gekostet.
Bald war er beinah verrostet.
Da aber kehrte sein früheres Glück,
Die alte Schraube, wieder zurück.
Sie glänzte übers ganze Gesicht.
Ja, alte Liebe, die rostet nicht!

Joachim Ringelnatz

Foto © e.a.brokans

Blues

Photo © e.a.brokans

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Blues

Wenn du nicht froh kannst denken,
Obwohl nichts Hartes dich bedrückt,
Sollst du ein Blümchen verschenken
Aufs Geratewohl von dir gepflückt.

Irgendein staubiger, gelber, –
Sei’s Hahnenfuß – vom Wegesrand.
Und schenke das Blümchen dir selber
Aus linker Hand an die rechte Hand.

Und mache dir eine Verbeugung
Im Spiegel und sage: „Du,
Ich bin der Überzeugung,
Dir setzt man einzig schrecklich zu.
Wie wär’s, wenn du jetzt mal sachlich
Fleißig einfach arbeiten tätst?
Später prahle nicht und jetzt lach nicht,
Daß du nicht in Übermut gerätst.“

Joachim Ringelnatz

Photo © e.a.brokans

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Ich geb’s ja zu – die Natur ist noch nicht so weit. Das Blümchen auf dem Bild ist auch kein Hahnenfussgewächs. Es ist Huflattich und dieser blüht erst im Spätmärz oder so. Die Bilder sind vom letzten Jahr. Eigentlich blüht im Garten noch gar nix. Nicht mal meine heiß ersehnten Winterlinge. Und da soll man nicht den Blues kriegen. Also handelt es sich hier um einen klassischen Fall von „Fake News“. Für alle die mir jetzt deswegen etwas husten wollen: Huflattich ist das Mittel der Wahl!

Aber wie immer gilt: In allen Lebenslagen – Ringelnatz fragen!

Frühling (à la Ringelnatz)

Nicht nur im Februar, sondern auch schon im Januar.
Mit Tulpen statt mit Rosen, aber mit tropfenden Spargel aus Dosen.
Den Rest könnt ihr Euch denken, oder einfach schenken.

Frühling

Die Bäume im Ofen lodern.
Die Vögel locken am Grill.
Die Sonnenschirme vermodern.
Im übrigen ist es still.

Es stecken die Spargel aus Dosen
Die zarten Köpfchen hervor.
Bunt ranken sich köstliche Rosen
In Faschingsgirlanden empor.

Ein Etwas, wie Glockenklingen,
Den Oberkellner bewegt,
Mir tausend Eier zu bringen,
Von Osterstören gelegt.

Ein süßer Duft von Havanna
Verweht in ringelnder Spur.
Ich fühle an meiner Susanna
Erwachende neue Natur.

Es lohnt sich manchmal, zu lieben,
Was kommt, nicht ist oder war.
Ein Frühlingsgedicht, geschrieben
Im kältesten Februar.

Joachim Ringelnatz

Photo © e.a.brokans

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Kein Obst – nur eine Blume!

Frucht-Zucht-Frucht

Bananen, Melonen, Ananas – –.
Alle Früchte haben etwas –
Frei gesagt: Unanständiges,
Etwas Nuditätes an sich.
Darüber freue ich mich.
Denn das ist etwas Unbändiges.
Instinktiv oder auch bewußt
Haben wir alle daran unsre Lust.

Aber die darüber erschreckt sind,
Sich entrüsten und jemand verklagen,
Denen wollen wir andere sagen,
Daß wir schon lang nicht mehr a.A. geleckt sind.
Und das muß – wenn auch nur theoretisch –
Immer mal wieder auf Erden geschehn.
Sonst werden wir Mehlbrei und hyperästhetisch
Und werden rot, wenn wir Pfirsiche sehn.

Joachim Ringelnatz

Mein Obst hat die Weihnachtszeit nicht überstanden, so durfte die Rosenblüte (aber die ist ja auch essbar):

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Manila

Als ein altes Tau durch derbe,
Doch verständniswarme Hände glitt,
Sagte eine Stimme: „Bob, ich sterbe,
Ehe Land in Sicht. Und du stirbst mit.“

Noch bevor die Stimme Antwort kriegte,
Kämpften sie: Vollschiff gegen Orkan.
Hatten oft gekämpft, bis eines siegte.
Und das andre war dann abgetan.

Nur ein Treibstück wurde aufgefunden.
Daran hingen kalt, ersoffen, blau
Zwei alte Matrosen, angebunden
Mit einem alten Tau.

Joachim Ringelnatz
1883 – 1934

Photo © e.a.brokans

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Der Titel (der ja von Ringelnatz stammt) hat nur mittelbar mit der Hauptstadt der Philippinen zu tun. Vielmehr bezieht er sich auf Manilahanf, welches wiederum nichts mit Cannabis zu tun hat. Es handelt sich hier um die Bastfasern einer Bananenpflanze (Musa textilis). Aus diesen wurden – und werden noch immer – u.a. Seile und Taue gereept. Die Faser ist leicht, hat eine hohe Reißfestigkeit und eine hohe Salzwassertoleranz. Also ideal für die Seefahrt. Heute wird es natürlich oft durch Kunstfasertaue ersetzt. Und Manila war und ist der Hauptausfuhrhafen für das Zeug. Daher der Name.

Auch ein Ringelnatz muss mal…

Alte Winkelmauer

Alte Mauer, die ich oft benässe,
Weil’s dort dunkel ist.
Himmlisches Gefunkel ist
In deiner Blässe.

Pilz und Feuchtigkeiten
Und der Wetterschliff der Zeiten
Gaben deiner Haut
Wogende Gesichter,
Die nur ein Dichter
Oder ein Künstler
Oder Nureiner schaut.

»Können wir uns wehren?«
Fragt’s aus dir mild.
Ach, kein Buch, kein Bild
Wird mich so belehren.

Was ich an dir schaute,
Etwas davon blieb
Immer. Nie vertraute
Mauer, dich hab’ ich lieb.

Weil du gar nicht predigst.
Weil du nichts erledigst.
Weil du gar nicht willst sein.
Weil mir deine Flecken
Ahnungen erwecken.
Du, eines Schattens Schein.

Nichts davon wissen
Die, die sonst hier pissen,
Doch mir winkt es: Komm!
Seit ich dich gefunden,
Macht mich für Sekunden
Meine Notdurft an dir fromm.

Joachim Ringelnatz
1883 – 1834

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Rakete ins Erdfern

Eine Rakete wäre dieser Kamin wohl zu gerne geworden. Das Universum wollte er erforschen, die Erdferne. Daraus wurde nichts, es reichte nur zu einem profanen Schornstein. Also muss er auch nicht die gut gemeinten Ermahnungen von Herrn Ringelnatz beherzigen. Oder etwa doch?  Sie schaden ja eigentlich niemanden.

Rakete ins Erdfern, zielfremder Schuß – –??
Ja, wenn es sein darf oder sein muß.
Doch der Eitle oder der Übermütige
Zähle sonst nicht aufs Allgütige.

Schön ist das Wollen,
Wenn Ehrlichkeiten die Mittel ihm gaben.
Aber die Ausführer sollen
Die ehren, die es ausgerechnet haben.

Und die als erste ein Ziel erreichen,
Weil sie persönlich den Schuß unternommen,
Mögen vor allem sich gleich vergleichen
Zudritt mit Kühnen,
Zuzweit mit Weisen,
Zuerst mit Frommen.

Joachim Ringelnatz
1883 – 1934

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Ich bin nachtragend!

Zu meinem letzten Beitrag (Ringelnatz/Oberwiesenfeld) erreichte mich noch ein Kommentar von der Perlengazelle. Da ich ihn sehr interessant finde, die meisten Stammleser den Beitrag aber schon gelesen (oder auch nur abgeliked) haben, poste ich ihn hier nochmals nachtragenderweise als Ergänzung:

Hier sieht man die „arktische Landschaft“, die Ringelnatz gemalt hat – Bild 5 der Bilderreihe anklicken: Treibende Eisschollen – das „eiskalte Bild“.
http://www.dw.com/de/joachim-ringelnatz-als-maler-ausstellung-im-zentrum-f%C3%BCr-verfolgte-k%C3%BCnste/a-19222976
Ringelnatz flog sehr gerne und so oft, dass er eine Ermäßigung auf den Flugpreis bekam. Er plante, sein Gedicht „Fernflug“ an die Lufthansa zu schicken zum Zweck der Reklame und 200 Mark dafür zu fordern – daraus ist wohl nichts geworden. Gleichwohl hat ihn die Lufthansa posthum geehrt. Im schon von Quer erwähnten Sonderdruck (1990).

Quer ist übrigens Brigitte Fuchs, sie hat auch einen beachtenswerten Blog mit Photos und Poesie.
Bei beiden möchte ich mich herzlich für ihre Infos bedanken.

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

 

Im Flughafen Oberwiesenfeld

Am Flugplatz vor der Restauration
Sitzen wir morgens im Garten,
Trinken Whisky und warten. –
Ein Russe singt aus dem Grammophon.

Flugzeuge landen von Zeit zu Zeit
Und jedes aus anderer Gegend.
Ich höre, daß es in Bozen schneit
Und daß es in Hamburg regnet.

Ich hab eine arktische Landschaft gemalt.
Ein Herr hat das Bild gekauft und bezahlt,
Und ich weiß, daß er darauf wartet.
Wir setzen das Bild – als wär es ein Hauch –
Ganz zart in eines Flugzeuges Bauch.
Und nun: Dieses Flugzeug startet.

Flieg wohl, du Junkers, du stolzer,
Mit meinem eiskalten Bild im Leib!
Grüß Zürich, Hügin und dessen Weib
Und euren Herrn Mittelholzer!

Joachim Ringelnatz (1929) –

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Das Oberwiesenfeld in München war ein Militärgelände, welches ab 1909 auch als Flugplatz für Militär- und Zivilflieger genutzt wurde. 1929 entstand dort der erste vollwertige Zivilflugplatz von München. Leider lag er zwar äußerst verkehrsgünstig, nämlich fast mitten in der Stadt – das heutige Olympiagelände steht zum großen Teil auf dem ehemaligen Flugplatzgelände – aber aufgrund des wachsenden Luftverkehrs musste er schon 1939 durch München-Riem abgelöst werden. Die letzte Privatmaschine verließ den Platz allerdings erst 1968.

Karl Otto Hügin (1887 – 1963) ein Schweizer Maler und Grafiker, wurde regional durch Wandbilder und Fresken bekannt.  Anfang der 1920iger Jahre befreundete er sich bei 2 Aufenthalten in Berlin mit Joachim Ringelnatz.

Der ebenfalls erwähnte Walter Mittelholzer (1894 – 1937) war ein sehr bekannter Schweizer Luftfahrtpionier, Photograph und Reiseschriftsteller Er veröffentlichte unzählige Luftaufnahmen, u.a. überflog und photographierte dabei als erster den Kilimandscharo. Tragischerweise stürzte er bei einer Klettertour in der Steiermark ab – ohne Flugzeug.

PS. Mehr zu dem erwähnten Bild und zu Ringelnatz als Maler findet ihr weiter unten im Kommentar (und  in dem darin enthaltenen Link) von der Perlengazelle. Herzlichen Dank dafür!