Lied im Herbst

Wie Krieger in Zinnober
Stehn Bäume auf der Wacht.
Ich taumle durch Oktober
Und Nacht.

Blut klebt an meinem Rocke.
Mein Weg ist weit und lang.
Des Tales dunkle Glocke
Verklang.

Auf einem schwarzen Pferde
Reit ich von Stern zu Stern.
Die Sonne und die Erde
Sind fern.

Ich bin von vielen Winden
Zu Gott emporgereicht.
Werd ich den Frühling finden?
Vielleicht …

Klabund
(eigentl. Alfred Henschke)
1890 – 1928

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

 

Das Meer

Ich schwelle in meiner Flut über die Erde.
Es wirft meine wilde Welle Tang an den Strand,
Muscheln, violette Quallen und kleine Seepferde.

Aber der Ekel zischt, daß ich mich gezeigt.
Ich krieche in mich zurück,
Und der Nordwind schweigt.

Ebbe ist… Kinder gehen, sammeln, suchen
Und sehen Krabben, nasse Sterne,
Erstaunlichstes Getier.

Ich aber bin längst in der Ferne wieder bei mir.

Und was ich an den Strand warf, stirbt in der Luft
Oder in des Menschen Hand. –
Nur die Taschenkrebse graben sich
Mit ihren Scheren in den Sand.
Sechs Stunden warten sie bis zur nächsten Flut. –
Die Taschenkrebse kennen mich gut.

Klabund

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Das Bild zeigt natürlich keinen Taschenkrebs und auch keine Muschelschale, es zeigt nicht mal einen Strand. Es ist das Gehäuse einer Meeresschnecke, genauer einer Flügelschnecke. Die Rolle des Strandes musste feuchter Sand aus dem Garten übernehmen.

Leider wohne ich etwas meerfern, aber wie so viele Binnenbewohner zieht es mich immer wieder an die  Küsten. Nicht zum Baden. Ein einziges mal bin ich einem Meer geschwommen. Das muss reichen. Badeurlaub am Strand ist absolut nichts für mich. Spätestes am zweiten Tag kriege ich den Strandkoller. Felsenküsten, mit Gischt und und donnernden Brechern ist mein bevorzugtes Revier. Aber auch die überlaufenen Strände des Sommers haben im Winterhalbjahr durchaus ihren Reiz.

Leider wird die See mittlerweile von den meisten Menschen nur als Urlaubsziel, Rohstoffreservoir und Müllkippe wahrgenommen. Von den todbringenden Gefahren einer Überfahrt mit maroden, völlig überladenen Booten über das Mittelmeer ganz zu schweigen.

Vor kurzem wurde ich Zeuge eines denkwürdigen Dialoges beim Fischhändler meines Vertrauens:

Kunde:        Ich hätte gerne einen Fisch zu Grillen.
Verkäufer:  Doraden wären heute im Angebot.
Kunde:        Wo kommt der den her?
Verkäufer:  Aus dem Mittelmeer.
Kunde:        Mittelmeer?…Nein, den mag ich nicht, wer weiß was der schon alles gefressen hat.


Zum versöhnlichen Abschluss mein Lieblingslied von meinem Lieblingsinterpreten (ganz laut zu hören und mitzusingen, am besten bei einer Fahrt an eine stürmische Küste):

Oder wenn es etwas mehr sein darf:

Föhnlied

Der Föhn braust brodelnd durch das Land,
Hat Bäume knackend umgerannt,
Nie hört ich einen tollern
Lärm. Der See zischt weißlich auf,
Der Hahn singt auf des Kirchturms Knauf,
Dumpf die Lawinen kollern.

Laß Haus und Mann und Kind in Ruh.
Der Föhn ist wie mein Odem,
Du,
Weib, wirf mich auf den Boden!

Der Sturm schweißt uns zu einem Sein
Und mischt uns mit den Wettern.
Im Nächtegraus, im Morgenschein
Wird zwei zu eins und eins zu zwein
Den Nebelberg erklettern

Klabund

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Im Auto

Ich bin gut und fahr im Glück.
Von den nassen Scheiben
Klatschen Blicke dumpf zurück,
Die wie Vögel treiben.

Alles rollt an mir vorbei.
Über die Kanäle
Irr ich wie ein böser Schrei,
Den ich mir verhehle.

Plötzlich bin ich nicht mehr da.
Motor platzt im Dunkeln.
Und ich sehe sausend nah,
Tod, dein Auge funkeln.

Klabund

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Klabund, eigtl. Alfred Henschke, *1890, +1928, dt. Schriftsteller u. Lyriker; expressionist. Romane und Gedichte u.a. „Dreiklang“; bed. als Mittler asiat. Literaturen, Nachdichtungen chines., Pers. u. jap. Dichtungen, u.a. „Der Kreidekreis“ (Drama)

…soweit mein alter Duden.
Auch Klabund – im Alter von 16 Jahren an Tbc erkrankt – saß wegen angeblicher Beteiligung an der Münchner Räterepublik kurz in Schutzhaft. 1928 fiel er schließlich der „Schwindsucht“ zum Opfer.